Aus für die Glühbirne

Aus für die Glühbirne

Die dritte Stufe der Verordnung EG 244/2009 verbietet ab Donnerstag die Herstellung von 60-Watt-Birnen in der EU, 2012 folgt das endgültige Glühlampen-Aus. Doch das reicht den EU-Politikern nicht.

Brüssel Der berühmtesten 60-Watt-Birne der Welt können die EU-Politiker nichts anhaben. Seit dem 8. Juni 1901 brennt die "Jahrhundert-Birne" in der Feuerwache Nr. 6 des kalifornischen Livermore (78 000 Einwohner); zu ihrem 110. Geburtstag gab es im Sommer eine Parade. Während der antike Kohlefaden weiter als Nachtlicht (die Lichtleistung ist inzwischen auf vier Watt gesunken) über den Löschfahrzeugen von Livermore glimmt, ist in den EU-Staaten ab Donnerstag die Herstellung von 60-Watt-Glühbirnen verboten.

Anders als noch beim Produktionsverbot für die 100- und 75-Watt-Birnen bleibt ein Ansturm der Verbraucher auf die letzten Lampen-Paletten diesmal offensichtlich aus – und liegt auch nicht im Interesse des Handels. Die Kette Max Bahr (80 Filialen deutschlandweit) verzeichnete im ersten Halbjahr 2011 bei 60-Watt-Birnen zwar ein Absatzplus von 60 Prozent, will aber ebenso wie Hornbach den Ausverkauf nicht hinauszögern. Die meisten Anbieter rechnen damit, die Birnen noch etwa acht Wochen anbieten zu können. Lediglich Praktiker will noch eine Sonderangebots-Aktion starten, aber insgesamt sei der Leuchtmittel-Verkaufsanteil der 60-Watt-Birnen in den vergangenen zwölf Monaten bereits von 40 auf 30 Prozent gefallen, so ein Sprecher. Über Hamsterkäufe der Verbraucher würde man sich bei Bauhaus sehr freuen: "Dann wäre in den Regalen schneller Platz für neue Produkte."

Und mehr Umsatz pro Regalmeter: Denn während eine 60-Watt-Birne zwischen 45 und 75 Cent kostet, sind sieben Euro für eine Kompaktstoffleuchte keine Seltenheit. Die Stiftung Warentest hat das Verbot der bislang beliebtesten Glühbirne zum Anlass genommen, die Alternativen noch einmal zu testen. Ergebnis: Von "sehr gut" bis "mangelhaft" war unter 20 getesteten Lampen alles dabei. Die besten Resultate erzielten zwei LED-Lampen der Hersteller Osram und Philipps – zu Preisen von 40 und 45 Euro. Ihr Einsatz lohne nur dort, wo sie oft und lange eingeschaltet sind und so die Stromkosten senken, so die Warentester. Mit guten Kompaktleuchtstofflampen könne eine dreiköpfige Familie aber rund 150 Euro jährlich an Stromkosten gegenüber den 60-Watt-Birnen sparen.

Mit ihrem Lampenverbot geht es der EU jedoch nicht um den Geldbeutel der Verbraucher, sondern um eine Senkung des Energieverbrauchs um jährlich 1,5 Prozent. Nach dem Verbot der letzten Glühlampen 2012 will die EU den Bürgern als nächstes vorschreiben, wieviel Strom ihre Haushaltsgeräte künftig noch verbrauchen dürfen. Bis 2013 haben die Hersteller noch Zeit, die Energieeffizienz ihrer Geräte um gut 30 Prozent zu verbessern. Bis 2015 sollen Staubsauger, Wäschetrockner oder Klimaanlagen dann noch einmal zehn Prozent weniger Energie verbrauchen – und auch leiser werden. Leistet die Industrie das alles nicht, sollen die nächsten Produktions- und Verkaufsverbote folgen.

Auf kulturell unterschiedliche Gewohnheiten nimmt die EU dabei keine Rücksicht: Im kühlen Norden ist die 60-Watt-Birne laut Untersuchungen nach 140-jährigem Gebrauch auch deshalb so beliebt, weil ihr Licht mit einem starken Anteil an Gelb- und Rottönen als warm empfunden wird – was gleichzeitig erklärt, warum im warmen Süden der EU das kältere, bläuliche Kunstlicht deutlich mehr Anhänger hat. Und vielleicht auch, warum Nordeuropäer in "kaltem" Licht mit höherem Blau-Anteil dazu neigen, die Heizung aufzudrehen und damit den Energierspar-Effekt der Sparbirnen wieder zu reduzieren.

Zur vergleichsweise geringen Verbraucher-Akzeptanz der Energiersparlampen trägt auch bei, dass die alte "Währung" Watt bei den Ersatz-Birnen nicht mehr gilt, sondern die Einheit Lumen für die Lichtstärke entscheidend ist. Etwa 710 Lumen erreichte eine alte 60-Watt-Birne. Das schafft manche Energiesparlampe mit elf, andere nicht einmal mit 15 Watt. Die Lichtfarbe bleibt trotz Angaben wie "Tageslichtweiß" oder "Warmweiß" regelmäßig ein Glücksspiel.

"Lügendes Licht" haben die Autoren Thomas Worm und Claudia Karstedt ihr Buch über die "dunklen Seiten" der Energiesparlampe betitelt. Die Autoren machen das kalte, künstliche Licht auch für gesundheitliche Beeinträchtigungen verantwortlich. Der Verdacht reicht von erhöhtem Brustkrebsrisiko über Schlafstörungen bis zu Netzhautschäden. Wie vielen Kritikern geht es ihnen auch um das ungelöste Problem des teils hohen Quecksilber-Gehalts in den Energiesparlampen.

Dieses Argument kontert die aktuelle Untersuchung der Stiftung Warentest mit einem überraschenden Befund: Obwohl die klassische Glühbirne selbst gar kein Quecksilber enthalte, sei sie insgesamt für deutlich höhere Quecksilberemissionen verantwortlich. Die Rechung: Für ihren Betrieb müsse mehr Kohle in den Kraftwerken verfeuert werden, mit der Kohle werde aber zugleich mehr Quecksilber freigesetzt.

Gleichwohl fordern die Warentester eine Rücknahme-Pflicht des Handels für die Lampen, die als Sondermüll nicht mit dem Hausabfall entsorgt werden dürfen.

(RP)
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