Kolumne Gott Und Die Welt: Auf zur Demo gegen die verschneite Stadt

Kolumne Gott Und Die Welt : Auf zur Demo gegen die verschneite Stadt

Es könnte schneien am Wochenende. Auch in unseren Städten. Das aber ist ein Irrtum. Schnee hat in der Stadt nichts zu suchen, sonst wäre es Land.

Schnee in der Stadt ist ein Irrtum. Eine Irritation der Stadtbewohner. Eine Eigenmächtigkeit der Natur und antimodernistische Attacke auf das urbane Leben. Doch flugs der Reihe nach: Der Westen Deutschlands - der mit der Ausgestaltung religionskritischer Rosenmontagswagen in diesen Tagen eigentlich gewichtigere Dinge zu bewältigen hat - soll oder könnte an diesem Wochenende von einigen Schneeflocken heimgesucht werden. Und das noch Anfang Februar, zu Beginn eines Monats also, der nach unserer klimagewandelten Zeitrechnung inzwischen doch eher dem Spätfrühling zuzuschlagen ist!

Zu Recht haben die betroffenen Stadtmenschen bereits mit Hamsterkäufen in den umliegenden Supermärkten reagiert. Zu Plünderungen soll es noch nicht gekommen sein. Wer es sich leisten kann, schaut sich nach einem allradgetriebenen Fahrzeug um; andere erkundigten sich nach Fallen für Eisbären. Das alles soll heißen: Der gemeine Städter ist mit Schnee heillos überfordert, nicht aber weil der Städter ein lebensuntüchtiger Zeitgenosse, sondern weil er ein Städter ist.

Städter lieben Schnee durchaus - aber ausschließlich in den TV-Wintersportreportagen und entsprechenden Urlaubsprospekten. Davon inspiriert, widmen sich Städter dem Schnee sogar sehr gerne und investieren unerschrocken in Ski-Ausrüstungen und windschnittige Autodach-Boxen. In der Stadt aber hat der Schnee nichts zu suchen, weil eine Stadt nur dann Stadt sein kann, wenn in ihr alles mobil bleibt und alles funktioniert; es sei denn, sie heißt Köln.

Alle Errungenschaften der Moderne werden fraglich - wie Auto, Bus und Bahn, wie Freiluft-Brunch unter leistungsstarken Heizpilzen und Montagsdemos, die durch die schneefreien Straßen irren. (An diesem heiklen Punkt angekommen: Gibt es eigentlich Wutschnee?)

Jedenfalls hat Schnee in der Stadt nicht einmal das Zeug zur Idylle, erkennbar an seiner unverfrorenen Eigenschaft, sich in Nullkommanix in ganz fiese Matsche zu verwandeln. Mit diesem Schneematsch kommt eine Stadt aber nicht zur Ruhe, sondern zum Erliegen. Eine Stadt existiert in der Überzeugung, niemals zu schlafen. Täte sie das, wäre sie das Land. Und darin lauert vielleicht die größte Bedrohung durch den Schnee: Mit ihm hält alles Ländliche Einzug in die Stadt. Er ist (Obacht: schiefes Bild) der Sand im Getriebe unserer urbanen Welt, die mobil, effektiv und komfortabel sein soll. Schnee in der Stadt bedeutet also nicht nur zwei dieser harmlosen Auffahrunfälle auf einer der mehrspurigen Einfallstraßen, die das Zentrum dann für gefühlte dreieinhalb Stunden kollabieren lassen. Schnee ist eine städtische Existenzbedrohung. Dagegen sollten wir spätestens am Dienstag massiv demonstrieren im Sinne von BügeStaV (Bürger gegen Stadt-Vereisung).

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(RP)
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