Atommacht Indien ohne Strom

Atommacht Indien ohne Strom

Bis zu 700 Millionen Inder mussten stundenlang ohne Elektrizität auskommen. Schuld sind die rückständige Infrastruktur, Stromdiebstahl, aber auch Engpässe beim Rohstoff Kohle. Der wohl größte Blackout der Geschichte kratzt am Selbstbewusstsein der aufstrebenden Wirtschaftsmacht.

Neu-Delhi Glaubt man Indiens Zeitungen, war es der größte Blackout der Weltgeschichte. Und er legte schonungslos eine der großen Schwachstellen der aufstrebenden Wirtschaftsmacht Indien bloß: die hoffnungslos überlastete Infrastruktur. Binnen nur 48 Stunden wurde das Riesenland nun gleich zweimal von gigantischen Stromausfällen heimgesucht.

Am Dienstag waren zuletzt 20 der 28 Bundesstaaten und damit 600 bis 700 Millionen Menschen betroffen – bald zehn Prozent der Weltbevölkerung. Das halbe Land stürzte über Stunden ins Chaos, nichts ging mehr. Bergleute saßen unter Tage fest, Ampeln fielen aus, U-Bahnen und Züge standen still. In einem Hospital mussten Ärzte sogar im Schein von Taschenlampen operieren, weil der Generator streikte. Auch die Wasserversorgung brach zusammen.

Das Schwellenland, das um Investoren buhlt, muss einen Imageschaden fürchten – und das in einer Zeit, in der die Wirtschaft ohnehin stockt. "Supermacht Indien, Ruhe in Frieden", stichelte die "Economic Times". Die Stromausfälle schürten Zweifel an Indiens wirtschaftlichem Aufstieg, meinte auch die "Washington Post". Der Direktor des Industrieverbandes CII, Chandrajit Banerjee, sprach von einem "riesigen Kratzer" für Indiens Ansehen.

Doch die Probleme reichen tiefer. "Indiens hoffnungsloses Stromszenario ist eines der am besten gehüteten Geheimnisse des Landes gewesen", schrieb die "Mail Today". Das Riesenland hungert nach Energie. Doch das Angebot hält nicht mit dem rasant steigenden Bedarf mit. Und das, obwohl 300 bis 400 Millionen Inder noch nicht mal einen Stromanschluss haben.

Viele geben der Politik die Schuld an der Misere. Indiens Strommix hängt überwiegend von der Kohle ab. Zwar will Delhi Atom- und Wasserkraft fördern, aber die Ausbaupläne kommen schleppend voran, auch weil Proteste von Anwohnern den Bau von Anlagen bremsen. Dazu gesellen sich Missmanagement und schlechte Instandhaltung. Den Behörden fehlt das Geld, um das marode Netz zu modernisieren.

So erhalten viele Bauern kostenlos Strom. Auch Stromdiebstahl ist an der Tagesordnung. Es ist fast Volkssport, beim Nachbarn oder aus einer der überall herumbaumelnden Leitungen Strom abzuzapfen, selbst Fabriken leiten sich illegal Strom zu. Nach Medienberichten hat Indien eine Stromkapazität von 200 000 Megawatt. Zum Vergleich: Ein einzelnes Atomkraftwerk erzeugt durchschnittlich rund 1000 Megawatt. Doch Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 40 Prozent des indischen Stroms durch Diebstahl und Übertragungsverluste verloren gehen.

Auch akute Engpässe bei der Kohle sollen zum Kollaps beigetragen haben. So hat Indien zwar die fünftgrößten Kohlereserven der Welt, aber Gesetze bremsen neue Minen. Die jüngsten Blackouts waren zwar eine Ausnahme. Doch Indien leidet an einem chronischen Energiedefizit. Vor allem in den Sommermonaten, wenn die Klimaanlagen gegen die Gluthitze ankühlen, kommt es zu Engpässen. Dann kämpft selbst die Hauptstadt Neu-Delhi, die sonst gut dasteht, mit Stromausfällen. Verschärft hat sich die Lage in diesem Jahr dadurch, dass in Teilen des Landes Dürre herrscht und Bauern weiter ihre elektrisch betriebenen Wasserpumpen in Betrieb haben.

Krankenhäuser, Flughäfen, Hotels, Unternehmen und viele Privatleute, die es sich leisten können, sorgen längst selbst vor – sie betreiben teure Generatoren. Indien kann sich allerdings trösten: Im verfeindeten Nachbarstaat Pakistan sieht es noch schlimmer aus. Dort sind Stromausfälle von zehn und mehr Stunden nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Dass es auch anders geht, zeigt der indische Bundesstaat Gujarat. Dort gibt es fast 24 Stunden Strom. Regierungschef ist der umstrittene Narendra Modi von der Hindu-Partei BJP, dem man vorwirft, ein Massaker an Muslimen 2002 gedeckt zu haben – der aber zugleich als einer der effektivsten Politiker des Landes gilt.

(RP)