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Atomausstieg wird teuer

Atomausstieg wird teuer

Die Ankündigung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken zunächst auszusetzen, könnte bedeuten, dass bis 2012 bis zu 8000 Megawatt aus dem Stromnetz abgezogen werden. Die Strompreise würden steigen.

Berlin (anh/jov/mar/qua) Die drohende Kernschmelze in drei japanischen Atommeilern hat bei Kanzlerin Angela Merkel zu einem plötzlichen Meinungsumschwung geführt: Sie möchte die Atomlaufzeit-Verlängerung aussetzen.

Was heißt das für die deutschen Atomkraftwerke?

Neckarwestheim 1 in Baden-Württemberg läuft zurzeit nur dank der Laufzeitverlängerungen. Durch das Moratorium muss dieser Meiler sofort vom Netz. Er ist mit 400 meldepflichtigen Zwischenfällen seit Inbetriebnahme auch einer der störanfälligsten Reaktoren in Deutschland. Die Grünen fordern darüber hinaus, weitere sechs alte Meiler sofort abzuschalten. Dazu zählt auch Brunsbüttel, wo es mit 460 meldepflichtigen Zwischenfällen die meisten Störungen seit Inbetriebnahme gab und das seit 2007 fast durchgehend nicht mehr am Netz ist. Bei den weiteren fünf alten Meilern handelt es sich um Biblis A und B, Isar 1, Unterweser und Philippsburg 1.

Wird der Strom dadurch teurer?

Voraussichtlich ja. Noch immer ist der Atomstrom von allen Stromsorten der billigste. Dies liegt allerdings daran, dass langfristige Kosten, etwa für die Endlagerung, in den Preisen nicht berücksichtigt sind. Würde man über das Moratorium hinausgehen und alle älteren sieben Meiler bis 2012 vom Netz nehmen, fehlten etwa 7000 bis 8000 Megawatt. Die Konsequenz daraus: Das Strom-Angebot sinkt, die Preise steigen weiter – allerdings nicht exorbitant.

Wie reagiert die Atomwirtschaft auf den Stopp der Laufzeit-Verlängerung?

Gestern äußerten sich die Konzerne zurückhaltend. "Wir nehmen die Entscheidung zur Kenntnis. Es gilt der Primat der Politik", erklärte ein RWE-Sprecher. "Wir haben das zur Kenntnis genommen. Wir gehen davon aus, dass die Unternehmen nun in die Gespräche eingebunden werden", so ein Eon-Sprecher. Heute treffen die Vorstandschefs der vier Atomkraftwerk-Betreiber in Deutschland mit EU-Energie-Kommissar Günther Oettinger in Brüssel zusammen. An dem Treffen nehmen auch die zuständigen Minister aus den 27 EU-Staaten teil. Dabei soll es um nationale Notfallpläne und Sicherheitsmaßnahmen gehen. Danach erst wollen sich die deutschen Konzerne zur Entscheidung Merkels äußern.

Wie viele Atomkraftwerke gibt es in Deutschland?

Derzeit gibt es in Deutschland 17 Kernkraftwerke, die 2009 nach Angaben des Deutschen Atomforums 134,9 Milliarden Kilowattstunden Strom produzierten. Damit stellte Kernenergie elf Prozent des Stromverbrauchs in Deutschland – so die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen.

Das klingt nach wenig Kernenergie in Deutschland . . .

Deutschland ist ein großer Energie-Exporteur. Das heißt, es wird mehr Strom erzeugt, als tatsächlich bei uns verbraucht wird. An der gesamten deutschen Stromerzeugung hat Kernenergie darum einen Anteil von 22,6 Prozent. Damit ist Kernkraft nach Braunkohle bei der Bruttostromerzeugung die wichtigste Energiequelle in Deutschland.

Wie alt sind die deutschen Kernkraftwerke?

Die 17 Kernkraftwerke im Betrieb wurden zwischen 1975, Biblis A, und 1989, Neckarwestheim II, gebaut.

Um was für Reaktortypen handelt es sich?

Elf der 17 Kernkraftwerke arbeiten mit Druckwasser-Reaktoren, sechs mit Siedewasserreaktoren. Der Bau-Typ sagt indes nichts über das Alter des Kraftwerks aus.

Was ist der Unterschied zwischen den Reaktortypen?

Der Siedewasserreaktor ist die einfachste Bauform: Der Kernreaktor befindet sich in einem Wasserbecken, das unter hohem Druck steht. Dadurch siedet das Wasser erst bei Temperaturen weit jenseits der 200 Grad und erzeugt Dampf, der eine Turbine und darüber einen Generator antreibt. Allerdings haben bei der Konstruktion viele Bauteile Kontakt mit Radioaktivität, dafür lässt sich eine Notfall-Abschaltung leicht und zuverlässig einrichten.

Und wie unterscheiden sich Druckwasser-Reaktoren davon?

Bei Druckwasser-Reaktoren heizt der Reaktor zwar auch Wasser auf. Es steht aber unter so hohem Druck, dass es nicht siedet. Dieses "überheiße" Wasser kann seine Hitze dann über einen Wärmetauscher an einen zweiten Wasserkreislauf außerhalb des Reaktors abgeben. Und der erzeugt den Dampf für die Turbine. Das Wasser, das den Reaktor umspült, bleibt im Reaktor und ist vom Wasserkreislauf der Turbine getrennt. Dadurch wird die Wartung einfacher. Aber die Gesamtkonstruktion ist komplizierter.

Kann es in deutschen Meilern eine Kernschmelze geben?

Auch in Deutschland gibt es wie in Japan Siedewasser-Reaktoren. Aber "deutsche Anlagen genügen höchsten Sicherheitsstandards. Naturkatastrophen vom Ausmaß des Erdbebens und des Tsunami in Japan sind in Europa nicht zu erwarten", sagt Gerd Jäger, Chef der Kernkraftwerks-Sparte von RWE Power, unserer Zeitung. "Trotzdem ist klar, dass wir auch unsere eigenen Sicherheitsvorkehrungen im Lichte der Ereignisse noch einmal genau überprüfen müssen."

Wie könnte der Energiemix der Zukunft aussehen?

Der rot-grüne Atomausstieg sah vor, dass die letzten Kernkraftwerke etwa 2022 vom Netz gehen. Die ältesten sieben der insgesamt 17 deutschen Reaktoren müssten bereits in diesem und im kommenden Jahr abgeschaltet werden. Die entstehende Versorgungslücke könnte grundsätzlich durch einen Mix aus allen anderen Energiequellen gestopft werden. Allerdings würde ein Ersatz durch erneuerbare Energien nicht so schnell gelingen. Daher rechnen Experten wie Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung damit, dass neue Kohlekraftwerke zugebaut werden müssten. "Der Anteil der Kohle-Energie müsste von derzeit knapp 46 auf über 60 Prozent hochgefahren werden. Damit wären die Klimaziele in Gefahr", sagte Kemfert unserer Zeitung.

(RP)