Armuts-Revolten in Algerien und Tunesien

Armuts-Revolten in Algerien und Tunesien

tunis/algier Es brennt in den Straßen Nordafrikas. Barrikaden aus Autos und Reifen gehen in Rauch auf, Steine fliegen, Fensterglas splittert. Die Szenen in Tunesien und Algerien ähneln sich. Das Auswärtige Amt rät zu "erhöher Vorsicht" bei Reisen in beide Länder.

In Tunesien sind es vor allem Intellektuelle, Lehrer und Anwälte in Anzügen, die demonstrieren. In Algerien liefern sich zumeist arbeitslose Jugendliche in Kapuzen-Shirts Straßenschlachten mit der Polizei. Dabei gab es bislang mindestens fünf Tote, mehr als 800 Menschen wurden verletzt. Nachdem die Regierung den explosionsartigen Anstieg der Lebensmittelpreise etwas gebremst hat, entspannte sich die Lage leicht. In Tunesien hingegen verschärft sich der Protest von Tag zu Tag. Offiziellen Angaben zufolge sind 14 Menschen ums Leben gekommen. Moncef Marzouki, Chef einer in Tunesien verbotenen Oppositionspartei, spricht von mindestens 50 Toten und sagt, "ein derartiges Gewaltniveau hat es in Tunesien noch nie gegeben".

Und noch etwas ist neu: Immer mehr Menschen zünden sich aus Verzweiflung selbst an. Mitte Dezember war es der 26-jährige Mohammed Bouazizi, der sich in der Stadt Sidi Bouzid mit Benzin übergoss und anzündete. Seit er in der vergangenen Woche seinen Verletzungen erlag, gab es in vielen Teilen des Landes Selbstverbrennungen.

Was ist los in den beiden Staaten des Maghreb? In Tunesien, das zwar als Polizeistaat, doch auch als prosperierendes und vergleichsweise stabiles Tourismusland gilt? Und im rohstoffreichen Algerien, das seit 1999 von Präsident Abdelaziz Bouteflika (73) mit harter Hand, aber unter dem Motto der "nationalen Versöhnung" regiert wird?

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Der Nordafrika-Spezialist Pierre Vermeren sieht bei den sozialen und wirtschaftlichen Ursachen durchaus Gemeinsamkeiten. Er nennt vor allem die gestiegenen Lebenshaltungskosten und die hohe Arbeitslosigkeit. Für junge Menschen, die im Maghreb die Mehrheit stellen, sei es wegen der Wirtschaftskrise immer schwieriger geworden, in Europa Arbeit zu finden, was den heimischen Arbeitsmarkt zusätzlich belaste.

Für Spannungen sorge zudem die wachsende Kluft zwischen der Masse, die sich unter oft miserablen Lebensbedingungen durchschlägt, und der neuen Schicht der glänzend verdienenden Geschäftemacher. Die arbeitslosen jungen Algerier erbittert zudem, dass der Staat 155 Milliarden Dollar Reserven besitzt, die aus Öl- und Gas-Exporten stammen, die ihnen aber in keiner Weise zugute kommen.

In Tunesien treibt die berufliche Aussichtslosigkeit die Demonstranten auf die Straße, doch anders als in Algerien sind die Tunesier in der Regel gut ausgebildet und finden trotz eines Universitätsdiploms keine Arbeit.

(Rheinische Post)
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