1:4 in Heidenheim: Köln steigt zum siebten Mal aus der Bundesliga ab – VfL Bochum muss in die Relegation
EILMELDUNG
1:4 in Heidenheim: Köln steigt zum siebten Mal aus der Bundesliga ab – VfL Bochum muss in die Relegation

Arbeitsmarkt Rekordbeschäftigung und Fachkräftemangel – wie passt das zusammen?

Analyse | Düsseldorf · Die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland steigt, doch die geleistete Zeit pro Kopf sinkt und sinkt. Was aber folgt daraus? Gibt es den Fachkräftemangel etwa noch gar nicht? Ja, sagt der Ökonom Simon Jäger. Und sieht die Probleme woanders.

 Ökonom Jäger: „Viele, die neu im Arbeitsmarkt sind, streben keine Vollzeittätigkeit an“

Ökonom Jäger: „Viele, die neu im Arbeitsmarkt sind, streben keine Vollzeittätigkeit an“

Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Gute Nachrichten aus der deutschen Wirtschaft sind selten geworden. Zuletzt gab es sie aber doch. Wie aus einer neuen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hervorgeht, haben die Nicht-Selbstständigen in der Bundesrepublik im vergangenen Jahr so viel gearbeitet wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Das Arbeitsvolumen der abhängig Beschäftigten habe 2023 bei 55 Milliarden Stunden gelegen. Im Jahr nach der Wiedervereinigung seien es 52 Milliarden Stunden gewesen. 2023 hatten fast 46 Millionen Menschen im ganzen Land einen Job – ein Rekord. Studienautor Mattis Beckmannshagen führt den Anstieg vor allem auf eine höhere Beschäftigung von Frauen zurück.

Tatsächlich verschleiert der Höchststand aber, dass das geleistete Arbeitsvolumen je Erwerbstätigen gleichzeitig auf ein Tief gefallen ist. Laut Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sank die Arbeitszeit pro erwerbstätiger Person im vergangenen Jahr auf 1342 Stunden – 0,3 Prozent weniger als 2022. Mit durchschnittlich 15,2 Arbeitstagen seien Beschäftigte zudem so lange krankgeschrieben gewesen wie nie zuvor. Pro Kopf wurde in Deutschland nur in der Corona-Zeit weniger gearbeitet.

Schuld an dieser Entwicklung ist auch die Quote an Teilzeitbeschäftigten, die zuletzt neue Höchstwerte erreichte. Das heißt: Immer mehr Menschen arbeiten immer weniger – und das schon eine ganze Weile. Seit der Wiedervereinigung bewegt sich die geleistete Arbeit in der Bundesrepublik laut Statistischem Bundesamt um die Marke von 60 Milliarden Stunden pro Jahr. Dabei stieg die Zahl der Erwerbstätigen in den vergangenen Jahrzehnten deutlich, während sich die Zahl der geleisteten Stunden je Erwerbstätigen kontinuierlich im Sinkflug befindet.

Der Ökonom Simon Jäger ist Associate Professor of Economics am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA. Er vermutet, dass die meisten schlicht nicht mehr arbeiten wollen. „Viele Menschen, die neu in den Arbeitsmarkt gestoßen sind, streben keine Vollzeittätigkeit an“, sagt er unserer Redaktion. Einen Fachkräftemangel, wie er von Unternehmen häufig beklagt wird, sieht Jäger allerdings noch nicht. Die Rekordbeschäftigung spreche aus seiner Sicht dagegen. Er vermutet stattdessen, dass Firmen schlicht zu wenig für ihre Mitarbeiter tun. In einem gemeinsamen Aufsatz mit dem Ökonomen Clemens Fuest im „Wirtschaftsdienst“ kommt er zu dem Schluss, dass bessere Löhne und Arbeitsbedingungen für Abhilfe sorgen könnten. Dass Unternehmen schon jetzt über fehlende Arbeitskräfte klagen, ist in Jägers Augen „Ausdruck der Tatsache, dass Unternehmen Marktmacht am Arbeitsmarkt haben“. Zumindest ist das derzeit noch so.

Der Düsseldorfer Ökonom Jens Süde­kum, der an der Heinrich-Heine-Universität lehrt, formuliert es weniger drastisch. Er weist auf die Gefahren des demografischen Wandels für die Wirtschaft hin. „Der Fachkräftemangel ist noch längst nicht auf dem Höhepunkt angekommen. Aber schon in den nächsten Jahren wird sich das ändern. Ab 2025 nimmt der Renteneintritt der Babyboomer-Generation Fahrt auf“, sagt der Ökonom unserer Redaktion. Der Volkswirt rechnet vor, dass bis Mitte des nächsten Jahrzehnts fast drei Millionen Menschen auf dem Arbeitsmarkt fehlen werden. „Das wird man dann an allen Ecken und Enden merken, noch viel stärker als heute“, ergänzt er. Was wir momentan erlebten, seien nur die ersten Vorboten des Fachkräftemangels.

 Ökonom Südekum: „Bis Mitte der 30er Jahre fehlen fast drei Millionen junge Menschen im Arbeitsmarkt“

Ökonom Südekum: „Bis Mitte der 30er Jahre fehlen fast drei Millionen junge Menschen im Arbeitsmarkt“

Foto: Bretz, Andreas (abr)

Doch was lässt sich tun gegen einen Fachkräftemangel, der spätestens in naher Zukunft droht? Viele Reformen werden bereits seit Längerem diskutiert. Eine Umstrukturierung des Einwanderungssystems könnte helfen, mehr Fachkräfte zu gewinnen. Eine bessere Kinderbetreuung könnte Eltern und vor allem Müttern die Chance eröffnen, mehr oder früher arbeiten zu gehen. Dass das Potenzial von Frauen für den Arbeitsmarkt teilweise ungenutzt bleibe, bemängelt auch DIW-Studienautor Beckmannshagen. MIT-Ökonom Jäger gibt ebenfalls zu bedenken, dass Arbeitskräfte künftig knapper werden – und Maßnahmen wie diese sinnvoll seien. Der Wissenschaftler fordert aber noch etwas anderes: mehr Wettbewerb am Arbeitsmarkt. Im Aufsatz mit Fuest spricht sich Jäger dafür aus, dass die Politik stärker gegen Lohnabsprachen vorgehen soll. Auch eine größere Lohntransparenz halten die beiden Wirtschaftswissenschaftler für sinnvoll. Es gibt bereits jetzt europäische Länder, bei denen in Stellenausschreibungen auch die Löhne einsehbar sind. Eine solche Maßnahme würde es Arbeitnehmern erleichtern, einen ökonomisch attraktiven Beruf zu finden – und besser zahlende Unternehmen würden wohl mehr Bewerbungen erhalten.

Zudem schlagen die Wissenschaftler eine Aufwertung der dualen Ausbildung durch akademische Elemente vor. Berufliche Ausbildungen würden bislang mit einer geringeren Anpassungsfähigkeit einhergehen – was in Zeiten des Wandels ein großes Risiko sei. Schließlich mahnen die Autoren einen umstrittenen Schritt an: die Überprüfung der Kurzarbeit. Fuests und Jägers Argument geht etwa so: Obwohl das Kurzarbeitergeld in Krisenzeiten sinnvoll sein könne, binde es Arbeitskräfte an Unternehmen. Die stünden dann nicht dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Bei Hunderttausenden offenen Stellen würde das den Strukturwandel behindern.

Jäger und Fuest bilanzieren, dass „höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen sowie mehr Wettbewerb am Arbeitsmarkt“ einen wichtigen Beitrag zur Lösung des Fachkräftemangels leisten könnten. Doch was folgt daraus nun? Nachfrage bei Jens Südekum. Der Düsseldorfer Ökonom prognostiziert ähnlich wie Jäger, dass Unternehmen in Zukunft stärker um Arbeitskräfte ringen müssten. Bald werde der Fachkräftemangel deutlich spürbarer und schlimmer. Dann werde „der von Jäger angemahnte stärkere Wettbewerb auch von ganz alleine kommen“.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort