Moskau: Anschlag auf Moskauer Flughafen

Moskau : Anschlag auf Moskauer Flughafen

Bei einem Selbstmordattentat auf Russlands größtem Airport starben mindestens 35 Menschen. Mehr als 150 Personen wurden verletzt, darunter eine Deutsche. Präsident Medwedew rief den Alarmzustand aus.

Das Attentat auf dem größten russischen Flughafen Domodedowo in Moskau geht nach Einschätzung von Experten auf das Konto islamischer Extremisten aus dem Nordkaukasus. Bis gestern Abend lag die Zahl der Toten bei mindestens 35. Mehr als 150 Passagiere wurden verletzt.

Unter den Opfern sind auch Ausländer. Nach Angaben russischer Behörden wurden zwei Briten getötet. Eine Deutsche wurde verletzt; ihr Zustand sei aber stabil, meldete die russische Nachrichtenagentur Interfax. Ein Franzose, ein Italiener und eine Slowakin wurden ebenfalls verletzt.

Präsident Dmitri Medwedew kündigte an, die Drahtzieher würden gefasst und bestraft. Er verschob wegen des Attentats seine für heute geplante Abreise zum Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos, wo er die Eröffnungsrede halten sollte. "Die Organisatoren werden zur Strecke gebracht", erklärte Medwedew.

Die Bundesregierung reagierte schockiert. Kanzlerin Angela Merkel nannte die Tat einen feigen Anschlag. Sie versicherte Medwedew in einem Beileidsschreiben ihres tiefen Mitgefühls. Merkel erklärte, sie empfinde Abscheu und Bestürzung. Ähnlich äußerten sich Bundesaußenminister Guido Westerwelle und Vertreter der Parteien. Auch US-Präsident Barack Obama verurteilte das Attentat.

Der Anschlag wurde nach Angaben der Flughafenleitung um 16.32 Uhr Ortszeit in der Ankunftshalle für Auslandsflüge verübt. Der Attentäter soll einen Sprengstoffgürtel getragen haben. "Die Explosion war ganz in meiner Nähe. Ich wurde zwar nicht getroffen, aber ich spürte die Erschütterungen", berichtete die Übersetzerin Jekaterina Alexandrowa, die in der vollen Halle auf einen Kunden wartete. Viele Verletzte hätten sich trotz Schockzustands aus eigener Kraft in Sicherheit gebracht. Die Bombe habe eine Sprengkraft von mindestens sieben Kilogramm TNT gehabt, meldete Interfax.

35 Verletzte schwebten in Lebensgefahr, zitierte die Agentur das Zivilschutzministerium. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen wurde nach mindestens drei Verdächtigen gefahndet. Dabei handle es sich vermutlich um Nordkaukasier, hieß es. Zunächst bekannte sich niemand zu dem Anschlag.

Russland kämpft seit mehr als zehn Jahren gegen islamische Separatisten aus dem Nordkaukasus. Ministerpräsident Wladimir Putin, der als starker Mann Russlands gilt, hatte 1999 in Tschetschenien eine Separatistenregierung mit Krieg überzogen und gestürzt. Seitdem hat die Rebellion auf die Nachbarrepubliken Inguschetien und Dagestan sowie auf das russische Kernland übergegriffen.

"Der Bombenanschlag wird innerhalb der russischen Elite den Eindruck verstärken, dass Putin die Kontrolle über die Sicherheit in der Hauptstadt verloren hat. Das spielt seinen Gegnern in die Hände", sagte Glen Howard von der US-Denkfabrik Jamestown Foundation. Zuletzt hatten im März 2010 zwei Selbstmordattentäterinnen in der Moskauer U-Bahn 40 Menschen mit in den Tod gerissen.

Der Flughafen wurde nach Angaben von Interfax nach 20-minütiger Unterbrechung wieder geöffnet. Flugzeuge, darunter drei Lufthansa-Maschinen, wurden währenddessen zu den anderen internationalen Moskauer Flughäfen Wnukowo und Scheremetjewo umgeleitet. Es seien zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden, unter anderem kämen Störsender für Mobiltelefone zum Einsatz, berichtete Interfax. Medwedew kündigte zusätzliche Schutzvorkehrungen für Luftverkehrskreuze an.

Rund 40 Minuten vor der Explosion war eine Maschine der zweitgrößten deutschen Fluglinie Air Berlin aus Düsseldorf auf dem Flughafen gelandet und wieder zurückgeflogen. "Nach derzeitigem Stand sind weder Passagiere noch Air-Berlin-Personal betroffen", sagte eine Sprecherin. Eine Maschine der Lufthansa, die von Düsseldorf aus startete, kehrte nach dem Bekanntwerden des Anschlags sofort um und landete wieder in Düsseldorf.

(RP)
Mehr von RP ONLINE