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Was Programme taugen, die Internetseiten zeitweise blockieren - freiwillig

Zeitmanagment : Apps gegen das Gefühl, zu nichts zu kommen

Digital gut vernetzt zu sein, kostet Zeit. Und verhindert oft konzentriertes Arbeiten am Stück. Dagegen sollen Apps helfen, mit denen man bestimmte Seiten im Internet zweitweise blockieren kann. Zum Selbstschutz. Für wen das sinnvoll ist – und was es über unsere Zeit verrät.

Es kann viel werden, auch zu viel, alle Kontaktkanäle im Blick zu halten, die das Internet so bietet. Für viele geht es ja längst nicht mehr nur darum, Mails zu lesen, zu sortieren, zu beantworten. Viele Firmen nutzen intern andere digitale Kommunikationskanäle wie Slack, dazu kommen Chat-Plattformen mit Kollegen oder Freunden. Ständig macht es irgendwo Pling, wartet jemand auf Nachricht, auf eine Antwort oder schlagfertige Scherz-Replik.

Das alles frisst Zeit. Und es frisst sich in den Alltag, weil Nachrichten zu bekommen und angemessen zu reagieren, Aufmerksamkeit absorbiert. Dann geraten die Grenzen zwischen Arbeitszeit und privater Zeit oft ins Fließen – bis Menschen an den Punkt geraten, nicht mehr das Eigentliche zu schaffen. Sie kommunizieren nur noch, kommen zu nichts – und das zehrt.

Die digitale Welt bietet nun ironischerweise selbst Lösungen für dieses Problem: Apps, die man auf Handy oder Computer laden kann, um ausgewählte Kommunikationskanäle oder andere häufig besuchten Internetseiten für definierte Zeiten zu blockieren. Und zwar unerbittlich. Die Hilfprogramme tragen Namen wie Blocksite, Focusme, Offtime und lassen sich nicht abschalten, weil man doch noch mal schnell die Nachricht vom Kollegen lesen oder dem Chef antworten oder bei einer Verkaufsplattform stöbern will. Auszeit ist Auszeit.

Die Apps sind also im Grunde Vorsätze zum Runterladen, mit denen sich Nutzer selbst aus ihren gewohnten digitalen Netzwerken herausschneiden. Manche tun das, um am Stück konzentriert arbeiten zu können, andere, um gerade nicht zu arbeiten, sondern eine bessere Trennung hinzubekommen zwischen analoger Lebenszeit und den ständigen Kommunikationsansprüchen, die sich aus dem Beruf, bei manchen auch aus privaten Verpflichtungen ergeben.

Man kann natürlich sagen, dass Leute, die sich für eine radikale Sperre ihres wuchernden digitalen Lebens entscheiden, den Bock zum Gärtner machen. Anstatt die Kiste auszuschalten, das Handy wegzulegen, werden neue Apps installiert. Ist das nicht ein Zeichen dafür, längst untergegangen zu sein in der Informationsflut, die auf manche einen derartigen Sog ausübt, dass sie sich mit künstlichen Blockaden davor schützen müssen?

Doch das Weglegen digitaler Geräte kostet viele sehr viel Willenskraft. 1000 Mal nimmt man es sich vor, es gelingt aber meist nur halb, weil Menschen nun mal neugierig sind. Sie wollen Nachrichten nicht verpassen, fühlen sich wahrgenommen, wenn sie selbst viel gefragt sind. Diese Urlust am Vernetztsein hat digitale Angebote ja so erfolgreich gemacht. Es ist also eine logische Konsequenz der Digitalisierung des Lebens, auch digitale Hilfsmittel zu nutzen, um seine Zeit einzuteilen. Wer es schafft, das Handy einfach mal wegzulegen, hat sein kommunikatives Leben im Griff.

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Aber natürlich kann man sich die Auszeiten auch maschinell einrichten. Denn Arbeitsphasen zu blocken, in bestimmten Zeiten ansprechbar zu sein, in anderen ungestört, erhöht nicht nur die Produktivität, sondern auch die Zufriedenheit. Ständiges Multitasking kann dagegen sogar krank machen, wie eine Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) ergeben hat. Nämlich dann, wenn ständige Ablenkungen zu einem Gefühl dauernder Überlastung führen. Dann treten die bekannten Stresssymptome auf wie Nervosität, Schlafstörungen, Magen-Darm-Probleme und Bluthochdruck. Mit der Zeit schwächt Dauerstress das Immunsystem und kann Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachen. Auch Rückenschmerzen und Übergewicht können mit diesem Überforderungsgefühl in Zusammenhang stehen.

Teile Dir gut ein, lautete schon einer der Leitsätze der Ärztin und Reformpädagogin Maria Montessori. Er gilt noch viel mehr im digitalen Zeitalter, in dem viele Angestellte selbst darauf achten müssen, Arbeitszeit und Privates zu trennen. Und genauso innerhalb der Arbeitszeit Phasen festzulegen, in denen konzentrierte Beschäftigung mit einer Sache möglich ist. Mit welchen Mitteln auch immer.