Nach Vertuschungsvorwürfen Überfälliger Rücktritt der EKD-Vorsitzenden

Meinung · Annette Kurschus zieht sich als oberste Funktionärin der Evangelischen Kirche zurück. Sie tut es unter Druck, und sie tut es mit Zögern. Doch das ist nicht der gravierendste Fehler in diesem Fall, der sich nur bedingt mit der katholischen Kirche vergleichen lässt.

EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus an diesem Montag in Bielefeld, wo sie am Vormittag ihren Rücktritt erklärte.

EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus an diesem Montag in Bielefeld, wo sie am Vormittag ihren Rücktritt erklärte.

Foto: dpa/Christoph Reichwein

Konsequent nennen viele den Schritt, den die EKD-Ratsvorsitzende knapp eine Woche nach Bekanntwerden der Vorwürfe nun gemacht hat. Der Rücktritt von Annette Kurschus war aber im Grunde alternativlos – sowohl von der EKD-Spitze als auch vom Landesvorsitz der Westfälischen Kirche. Nicht nur nach all dem, was in der vergangenen Woche passiert ist, seit die „Siegener Zeitung“ die Anschuldigungen über Missbrauchsvertuschung veröffentlicht hat. Sondern vor allem mit Blick auf die Kirchen im Krisenmodus insgesamt.

Was wusste Kurschus über den mutmaßlichen Missbrauch junger Männer durch einen kirchlichen Mitarbeiter in Siegen Ende der 1990er Jahre? Wie hat sie damals gehandelt vor Ort als Pfarrerin, spätere Superintendentin? Aber auch als Freundin des Beschuldigten, der zu ihr in keinem Dienstverhältnis stand, wie sie betont? Wurden ihr die Vorwürfe erst in diesem Jahr bekannt? Oder doch schon 1999 bei einem Gartengespräch, wie es Zeugen der Zeitung an Eides statt versichern? Das sind Fragen, die jetzt die Staatsanwaltschaft klären muss, die offen sind – und die nicht allein die Notwendigkeit ihres Rückzuges begründen.

Es ist vielmehr der Mangel an Sensibilität für die Situation und der Mangel an Transparenz mit dem Thema Missbrauch insgesamt. Da greift auch das Argument das Persönlichkeitsschutzes zu kurz, das Kurschus bemüht, um sich zu verteidigen. Dass sie den Beschuldigten kennt, wohl sogar Patentante seines Kindes ist, muss nicht gegen, sondern vielmehr für einen unbedingte Aufklärung sprechen. Gerade in diesen Zeiten, gerade von einer Vorsitzenden, die zwei Jahre im Amt ist und Aufklärung über Missbrauch zur Chefinnensache erklärt hatte. Eine Strategie – auch nicht zur Kommunikation – gab es offenbar aber bis heute nicht, obwohl Kurschus die Vorwürfe nach eigenen Angaben seit Januar 2023 kannte.

Dass die Betroffenen sich derweil an die Medien gewandt haben, muss die Evangelische Kirche als Misstrauensvotum werten. Sie fühlen sich nicht gehört, nicht gut aufgehoben. Und das, wenige Wochen vor Veröffentlichung der großen wissenschaftlichen Missbrauchsstudie im Januar nächsten Jahres.

Es ist kein Konflikt, der medial geschürt wird, wie die scheidende EKD-Vorsitzende am Montag formulierte. Es ist ein Konflikt, den die Evangelische Kirche selbst zu verantworten hat. Und den sie hätte vorempfinden, ja vermeiden hätte können angesichts vergleichbarer, struktureller Fehler, die die katholischen Kirche in den vergangenen zehn Jahren ihrer Missbrauchsaufarbeitung gemacht hat. Mit dem gleichen, beschämenden Effekt: Statt um Betroffene geht es um die Amtskirche. Das Unrecht, was Menschen geschehen ist, wiederholt sich auf anderer Ebene.

Anders als so oft in der katholischen Kirche liegt der Fall des Freundes von Annette Kurschus nicht ganz so weit in der Vergangenheit zurück, Beschuldigte und Betroffene können befragt, Zeugen vernommen werden. Strafrechtlich, nicht nur kirchenintern, ist der Fall also relevant. „In der Sache bin ich mit mir im Reinen, ich habe zu jeder Zeit nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt“, erklärte Annette Kurschus bei ihrem Rücktritt. Glaubwürdig klingt das alles nicht. Aber es ist der Maßstab, an dem sie sich auch ohne Ämter messen lassen werden muss – und mit ihr die Evangelische Kirche.

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