Weibliche Muster Powerfrau, Mutti, Bitch – wie toxische Weiblichkeit wirkt

Analyse · Frauen haben typisch weibliche Strategien entwickelt, um Macht und Kontrolle über andere zu gewinnen. Etwa durch Bemuttern oder Überanpassung. Was toxische Weiblichkeit mit der Sozialisation von Frauen zu tun hat. Und wie sie schadet – auch Frauen selbst.

 Madonna ist Powerfrau und selbsternannte Bitch.

Madonna ist Powerfrau und selbsternannte Bitch.

Foto: dpa/Charles Sykes

Manche Frauen geben sich immer mitfühlend, hilfsbereit, nett, ein Nein kommt ihnen kaum über die Lippen. Sie wollen nicht anecken, nur ja keine Ablehnung provozieren. Denn sich selbst sehen sie ständig kritisch, mit dem unterstellten Blick der anderen. Zuneigung glauben sie sich verdienen zu müssen – durch perfektes Wohlverhalten. Sie haben von kleinauf gelernt, was von Mädchen und Frauen erwartet wird, wie sie aussehen und sich betragen sollen, wenn sie „rausgehen“. Zwar streben sie heute in anspruchsvolle Berufe, machen Karriere, wissen, dass ihnen alle Türen offenstehen. Doch jenseits dieser Errungenschaften der Emanzipation geht es doch noch darum, zu gefallen, liebenswert zu erscheinen, „unter die Haube“ zu kommen. Das versuchen sie zu erreichen – durch perfekte Anpassung.

Andere Frauen wählen den Weg des Bemutterns, um andere unter ihre Kontrolle zu bringen und sich moralisch überlegen zu fühlen. Sie opfern sich für Mann und Familie auf, erwarten dafür Zuneigung. Das ist manipulativ, meist geht die Rechnung nicht auf, und Frauen, die aufs Bemuttern setzen, gestehen sich negative Gefühle nicht zu. Bis ihnen irgendwann die Kraft ausgeht. Oder sie sich völlig ausgehöhlt fühlen, weil es zu viel um die Wahrung des idealen Anscheins geht, zu wenig um sie selbst. Und weil negative Emotionen wie Wut oder Angst keinen Raum bekommen. In beiden Fällen ordnen sich Frauen unter, erfüllen Erwartungen, doch dient das dem heimlichen Zweck, Macht über andere zu gewinnen. Und sei es, um nicht verletzt zu werden.

Es gibt einen Überbegriff für Verhaltensmuster dieser Art: toxische Weiblichkeit. Der Begriff kursiert schon länger, wurde bisher aber eher verstanden als Übernahme toxischer Männlichkeitsmuster durch Frauen. Es ging dann eben um weibliches Macho-Gehabe. Um dominant auftretende Chefinnen etwa, die ihre Untergebenen niedermachen oder um Frauen, die ihre Partner ausnutzen und demütigen. In den bestehenden Verhältnissen besetzen zwar noch immer häufiger Männer mächtige Positionen mit größeren finanziellen Ressourcen, sind also eher in der Lage, andere kleinzumachen, ihnen psychische oder physische Gewalt anzutun. In der metoo-Bewegung geht es um dieses Machtgefälle. Doch im Prinzip beschreibt das, was unter toxischer Männlichkeit verstanden wird, aggressives, empathieloses, zerstörerisches Verhalten, das Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht an den Tag legen können.

Auch Phänomene wie „girl hate“, also Neid, Missgunst, Hass unter Frauen werden als toxisch weiblich bezeichnet. Es geht dann um mangelnde Solidarität unter Geschlechtsgenossinnen, um Frauen, die anderen ihren Erfolg, ihr Aussehen neiden oder die einzige Prinzessin im Land der Männer sein wollen. Die schlaue Hermine bei Harry Potter, die blonde Schlumpfine im Reich der Schlümpfe. Am Ende geht es solchen Frauen um das Gewinnen von Konkurrenzkämpfen in der patriarchalen Welt.

Doch es gibt auch spezifisch weibliches Verhalten, das man toxisch nennen kann, weil es das Ziel verfolgt, sich selbst über andere zu stellen. Mit solchen spezifisch weiblichen Mustern beschäftigt sich die Autorin Sophia Fritz in einem neuen Buch. Ihr Punkt ist, dass toxische Weiblichkeit aus spezifisch weiblicher Sozialisation und Erziehung hervorgeht und eine Reaktion ist auf weibliche Selbstbilder und Fremdzuschreibungen. Es geht also nicht um Macho-Frauen. Es geht um weibliche Strategien, sich in einer immer noch patriarchal geprägten Konkurrenzgesellschaft zu behaupten. Zur Verdeutlichung verdichtet Fritz solche Strategien zu fünf Prototypen: das gute Mädchen, die Powerfrau, die Mutti, das Opfer, die Bitch und spielt an diesen Stereotypen durch, mit welchen Strategien Frauen oft verdeckt versuchen, sich anderen überzuordnen. Und woher das kommt.

Das gute Mädchen etwa verfolgt die Strategie, durch vollkommene Angepasstheit und jederzeitige Erfüllung von Erwartungen unsichtbar zu werden. Also nicht zu stören, sich nicht schämen zu müssen, nicht zu riskieren, zurückgewiesen zu werden. Das gute Mädchen will geliebt werden, indem es die Wünsche der anderen vorausahnt und erfüllt. Es ist eine extrem genaue Beobachterin, extrem empathisch. Doch es dressiert sich, um zu kontrollieren. Die Powerfrau ist ihm verwandt. Zwar rackert sie hart, um unabhängig zu werden und selbstständig an Privilegien zu gelangen, doch hinterfragt sie die Kriterien nicht, beutet sich aus bis zur Erschöpfung und lächelt noch dazu. Das alles führt weder zu Selbstzufriedenheit noch zur Entfaltung einer freien, reifen Persönlichkeit mit einer Bandbreite an Emotionen.

Am anderen Ende der Skala steht bei Sophia Fritz die Bitch. Sie zelebriert rücksichtsloses Verhalten, nimmt sich, was sie will, ist laut, fordernd, offensiv anstrengend. Sie überbetont, was von anderen kritisiert werden könnte, trägt aufreizende Kleidung, schlecht gefärbte Haare oder ist extrem aufwendig zurechtgemacht. Die Bitch hat gerade das ewige Nettseinmüssen von Frauen satt, erobert sich den Schimpfbegriff der Bitch zurück, wendet ihn lachend auf sich selbst an. Als Befreiungsakt kann das imponieren, doch bleibt rücksichtsloses Verhalten natürlich rücksichtslos. Und auch die Bitch ist letztlich eingeengt in eine Strategie mit männlich geprägten Verhältnissen umzugehen.

Fritz betont daher, die beschriebenen Muster sollten nicht herhalten, um Frauen weiter zu kritisieren und zu beschämen. Sie sollen Frauen die Augen öffnen. Sie sollen an sich selbst erkennen, an welchen Stellen sie sich konditionieren, um sich sicher zu fühlen und in Schablonen zu passen. Sie sollen die Mechanismen durchschauen. Denn nur dann können sie sich gegen das Funktionieren entscheiden und ausprobieren, was sie alles sein können außer liebes Mädchen, Mutti, Bitch.

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