Pendeln und Acht-Stunden-Arbeitstag Im Jammertal der Arbeitsmoral — Tiktokerin von Berufseinstieg überfordert

Meinung · Acht Stunden arbeiten, zwei Stunden pendeln und null Energie für gar nichts? Eine Influencerin beweint das aus ihrer Sicht viel zu harte Berufsleben – und geht damit viral. Auch wenn die Arbeitswelt sich verändern muss, der Beruf ist kein Privatvergnügen. Eine Wutrede.

 Arbeiten von „9 to 5“ kann auch im Homeoffice stressig sein. Pendeln wird oft als noch größere Last empfunden.

Arbeiten von „9 to 5“ kann auch im Homeoffice stressig sein. Pendeln wird oft als noch größere Last empfunden.

Foto: istock

Egozentrisch, faul, wählerisch – für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer der Generation Z gibt es so einige Zuschreibungen, die ihnen selbst nicht gerade gefallen dürften. Studien und Umfragen zeichnen ein immer ähnliches Bild der zwischen 1995 und 2010 Geborenen: Selbstverwirklichung, Sinnhaftigkeit und Zufriedenheit im Beruf spielen demnach eine wichtige Rolle; die große Mehrheit stimmt dem Satz zu: „Ich arbeite, um zu leben“ – und nicht umgekehrt. Das ist zunächst einmal eine gesunde Einstellung und auch kein Alleinstellungsmerkmal von Unter-30-Jährigen. Einige junge Menschen allerdings scheinen da etwas Grundsätzliches durcheinanderzubringen.

Wegen ihres Acht-Stunden-Arbeitstages und der Pendelstrecke von zwei Stunden habe sie im Grunde kein Leben mehr, klagt etwa Brielle Asero, eine 21-jährige US-Amerikanerin, vor 130.000 Followern auf der Plattform Tiktok. Ihr Statement geht um die Welt, mehr als 2,5 Millionen Aufrufe erzielte das 90-Sekunden-Jammervideo, Fox News, CNN und andere Medien berichteten über die Frau. Sie steige morgens um 7.30 Uhr in den Zug, sei nie vor 18.15 Uhr zurück und habe dann keine Energie mehr, irgendetwas zu tun – um ins Fitnessstudio zu gehen, Freundschaften zu pflegen oder auch nur ein Abendessen zu kochen. Der fest vorgeschriebene Alltag, nicht ihr Job an sich im Marketing, mache sie ganz verrückt, sagt die 21-Jährige unter Tränen.

Der emotionale Ausbruch einer Einzelnen sollte weder eine Einladung für übermäßige Häme sein, die die junge Frau gerade von verschiedenen Seiten abbekommt. Noch kann er für den Abgesang auf eine ganze Generation stehen. Auch in Deutschland mag es eine Menge junger Menschen geben, die wie Brielle Asero unvorbereitet und mit völlig falschen Vorstellungen nach dem Studium ihre erste Vollzeitstelle antreten – und sich in einem ganz anderen Korsett aus Leistungsdruck und Arbeitszeiten wiederfinden als an der Universität oder der Fachhochschule. Berufseinsteiger, die wie die junge Amerikanerin Jobs in Großstädten annehmen, wo sie sich die Mieten nicht leisten können und pendeln müssen. Und: Gerade durch den pandemiebedingten Wegfall diverser Nebenjobs – von der Gastronomie bis hin zu Messejobs – sind viele Jüngere stressige, anstrengende Tätigkeiten schlicht nicht gewohnt. So weit, so nachvollziehbar.

Dass jede Begegnung mit der Arbeitsmarktrealität allerdings in mehr oder minder öffentlichkeitswirksamen Statements angeprangert wird, kann auch nicht die Lösung sein. Mit dem Moment der Ernüchterung, dass jedem Traumjob in der Regel ein Vollzeit-Angestelltenverhältnis zugrunde liegt, ist jeder Heranwachsende vertraut – das war auch vor fünfzig Jahren nicht anders. Was sich geändert hat, ist der Umgang damit, und zwar nicht zwingend zum Vorteil der jungen Generationen. Befördern sie doch damit ihr eigenes Klischee der „Generation Vier-Tage-Woche“, die sich vor allem um sich selbst kümmert. „Self Care“ und „Work-Life-Balance“ mögen als Begrifflichkeiten neu und zum Negativen ausgelegt sein – sie bedeuten im Grunde nichts anderes als Fürsorge und Feierabend. Was immer schon seinen Wert hatte.

Gesund durch das immer länger werdende Arbeitsleben zu kommen, das kann kein Anspruch allein der Jüngeren sein. Es muss für alle Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen gelten. Ein Blick in entsprechende Statistiken sollte Warnung genug sein: Psychische Erkrankungen sind in Deutschland inzwischen Hauptursache für Arbeitsunfähigkeit. Für das Jahr 2021 zählte die Krankenkasse AOK durchschnittlich sechs Arbeitsunfähigkeitsfälle je 1000 Mitglieder aufgrund einer Burn-out-Diagnose. Die Diagnosehäufigkeit hat sich im letzten Jahrzehnt drastisch erhöht, seit 2009 sogar verdoppelt. Auch das Krankheitsvolumen dieser Diagnosegruppe ist deutlich gestiegen: Waren es 2005 noch 13,9 Krankheitstage, registrierte die AOK 2020 durchschnittlich 141,8 Tage je 1000 Mitglieder. Hochgerechnet auf alle gesetzlich krankenversicherten Beschäftigten ergeben sich für 2021 rund 194.000 Burn-out-Betroffene mit 4,8 Millionen Krankheitstagen.

Die Wirtschaftlichkeit muss außerdem eine Rolle spielen bei der so gern und oft geforderten Vier-Tage-Woche bei vollem Gehalt. Die meisten Ökonomen sind sich einig, dass das ohne Einbußen für alle nicht tragbar wäre, im Gegenteil: Um auskömmliche Renten zu sichern, die Wirtschaft dem Klimawandel anzupassen und den Fachkräftemangel auszugleichen, müsste in Deutschland mehr gearbeitet werden – nicht weniger. Nichtsdestotrotz steigt auch in NRW die Zahl der Unternehmen, die bereits die Vier-Tage-Woche eingeführt und die Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich von 40 auf 36 Stunden herabgesetzt haben. Auch Entwicklungen dürfen nicht ungeachtet bleiben: Der Arbeitsmarkt bewegt sich durchaus, individuelle Modelle werden alltäglicher, und auch der Anteil der Remote-Arbeitszeit ist seit der Pandemie deutlich gestiegen – in vielen Branchen überhaupt erst möglich.

Anstatt jede Gelegenheit zu nutzen, sich in sozialen Medien oder Freundeskreisen über die Umstände zu beklagen, täten viele junge Leute gut daran, es positiv anzugehen. Sie selbst haben die Wahl, für welche Branche, welches Unternehmen und immer öfter auch für welche Arbeitsmodelle sie sich entscheiden. Für bessere Voraussetzungen zu kämpfen, heißt nicht gleichzeitig, faul zu sein. Diesem Missverständnis vorzubeugen, das haben die Berufseinsteiger zu größeren Teilen selbst in der Hand. Probieren statt studieren, etwas ändern, statt zu jammern. Und ja, auch erst mal ein bisschen durchzuhalten.

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