Nach abgehörtem Bundeswehr-Gespräch Taurus für die Ukraine – jetzt erst recht

Meinung | Düsseldorf · Nachdem Russland ein abgehörtes Gespräch deutscher Luftwaffen-Offiziere veröffentlicht hat, geht es um die blamable Sorglosigkeit der Bundeswehr und Aussagen des Kanzlers. Es muss aber auch weiter um die wichtigste Sachfrage gehen: ob Tauruslieferungen nötig sind.

Martin Kessler
00:00
00:00

Diese Audioversion wurde künstlich generiert. Mehr Infos | Feedback senden

 Tornado-Kampfjet, bestückt mit dem Lenkflugkörper Taurus, im Rahmen einer Übung (Archiv).

Tornado-Kampfjet, bestückt mit dem Lenkflugkörper Taurus, im Rahmen einer Übung (Archiv).

Foto: dpa/Andrea Bienert

Wer den russischen Diktator Wladimir Putin als Aggressor sieht, der macht sich über dessen Ziele in der Ukraine keine Illusionen. Der Kremlchef will, wie er es in seinem Ultimatum an den Westen 2021 niedergeschrieben hat, die Ukraine unter das Joch nehmen. Damit hat er ernst gemacht und ist vor zwei Jahren einmarschiert. Er setzt alle Ressourcen seines Landes ein, um die Ukraine zu erobern oder als Staat zu vernichten: die wirtschaftlichen, militärischen, ideologischen – und wie der jüngste Fall eines abgehörten Gesprächs zwischen Offizieren der deutschen Luftwaffe zeigt, auch seine geheimdienstlichen Kräfte.

Das Völkerrecht und alle Absprachen mit dem Westen sind für Putin ohne Belang, bestenfalls Beiwerk für seine Propaganda. Diese Grundannahme sollten der Westen und vor allem Bundeskanzler Olaf Scholz bei allen Aktionen bedenken. Vermutlich sieht Scholz die Ausgangslage ähnlich.

Nun ist das politische Berlin in Aufruhr, weil ein Gespräch hoher Bundeswehr-Offiziere von Russland mitgeschnitten werden konnte. Durch die Veröffentlichung prägt Russland die öffentliche Debatte hierzulande. Dahinter sollte aber eine entscheidende Frage nicht zurücktreten: Ob Deutschland Taurus-Marschflugkörper, eine sehr effiziente, aber auch nicht alles entscheidende Waffe, liefern soll. Scholz fürchtet, wohl durchaus mit einer gewissen Berechtigung, dass bei einer Lieferung dieser höchst modernen Waffe die Lage eskalieren könnte und womöglich Deutschland ins Schussfeld geriete. Und dass eine wie auch immer geartete Übereinkunft mit Putin nicht mehr möglich sei.

Ukraine-Konflikt: Chronik des Geschehens
Infos

Chronik des Kriegs in der Ukraine

Infos
Foto: dpa/LIBKOS

Doch das ist die falsche Überlegung. Putin wird eskalieren, wenn er in Gefahr gerät, seine Ziele nicht zu erreichen. Damit hat er sein politisches Schicksal verbunden. Und diese Frage wird sich auch in einem Abnutzungskrieg unweigerlich stellen. So brutal es für den Westen ist: Diese Eskalation kann er nicht verhindern, es sei denn, die Ukraine kapituliert. Und selbst dann würde es schnell an anderer Stelle zu einer neuen Eskalation – etwa an der Nato-Grenze – kommen.

Der Kanzler muss deshalb überlegen, was der Ukraine hilft, um den Aggressor zu vertreiben. Und hier sagen die meisten Experten, dass Taurus einen wichtigen Beitrag dazu leisten kann, die Russen in Bedrängnis zu bringen, die Front im Osten zu stabilisieren oder gar in die andere Richtung zu verschieben. Deshalb sollte Scholz die Taurus liefern.

Zu glauben, Putin würde sich womöglich nach einem Abnutzungskrieg mit 20 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets zufriedengeben (dem die Ukraine ja auch zustimmen müsste), ist illusionär. Putin hat stets bewiesen, dass ihm solche Erfolge – siehe Krim, siehe Donbass – nicht reichen. Diesen Fehler hat der Westen lange genug begangen. Der Kriegsherr Putin will die ganze Macht – oder untergehen. Das ist die bittere Wahrheit. Und darauf muss sich der Westen leider einstellen.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort