NRW-Tafeln in Not Weniger Lebensmittel für mehr Bedürftige

Düsseldorf · Die Tafeln in Nordrhein-Westfalen schlagen Alarm. In einigen Ausgabestellen gibt es schon Aufnahmestopps. NRW-Sozialminister Karl-Josef Laumann will helfen und hat Regionalkonferenzen anberaumt. Doch es gibt auch Kritik an der Arbeit der Tafeln.

 Lebensmittel werden in der Ausgabestelle der Essener Tafel einsortiert. Die Helfer schlagen Alarm, es gibt zu wenig Spenden aus den Supermärkten.

Lebensmittel werden in der Ausgabestelle der Essener Tafel einsortiert. Die Helfer schlagen Alarm, es gibt zu wenig Spenden aus den Supermärkten.

Foto: dpa/Roland Weihrauch

Die Tafeln in Nordrhein-Westfalen warnen vor fehlenden Nahrungsmittelspenden im Winter. „Es gibt zu wenige Lebensmittel für zu viele Bedürftige“, sagte Petra Jung, die stellvertretende Vorsitzende von Tafel NRW e.V., unserer Redaktion. Seit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs habe sich die Zahl der Kunden der Tafeln von 350.000 auf jetzt mehr als 600.000 fast verdoppelt. Zugleich, so Jung, schränkten die Supermärkte und Discounter ihre Spenden ein. „Die Lebensmittelmärkte kalkulieren inzwischen genauer und verkaufen reduzierte Waren vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums. Vor allem Frischobst und Gemüse fehlen“, ergänzte die ehrenamtliche Vizechefin der Tafeln. Etliche Verteilstellen hätten schon einen Aufnahmestopp und Wartelisten für neue Kunden verhängen müssen.

Der Handel bestätigt diese Tendenz. So könnten die Unternehmen mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz immer mehr die Warenbestellung an das Verhalten der Kunden anpassen, heißt es beim Bundesfachverband Lebensmittelhandel (BVLH). Damit gelingt es nach Angaben des Verbands, den Anteil der Waren, die nicht verkauft werden können, weiter zu reduzieren. „Es fallen weniger Lebensmittel an, die gespendet werden können“, sagte eine Sprecherin des Handelsverbands NRW, bei dem auch die Supermärkte und Discounter des Landes organisiert sind. Bundesweit spenden die Handelsunternehmen nach eigenen Angaben 74.000 Tonnen Lebensmittel. Der BVLH ruft den Bund und die Länder auf, mit einer Reihe von staatlichen Maßnahmen den Handel zu unterstützen, noch mehr unverkaufte, aber für den Verzehr noch geeignete Lebensmittel für soziale Zwecke zu spenden. Dazu gebe es Initiativen auf Bundes- und Landesebene.

In Nordrhein-Westfalen wollen sich am Montag die Betroffenen angesichts der Probleme mit Vertretern des Landesministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales treffen. NRW-Minister Karl-Josef Laumann (CDU) unterstützt die Arbeit der Tafeln. „Die Tafeln sind eine wichtige Hilfe für viele Menschen“, sagte der CDU-Politiker unserer Redaktion. „Mein Ziel ist, die Förderung zu verstetigen. Es wird daher derzeit geprüft, inwieweit dies mittel- und langfristig umgesetzt werden kann.“ Als einziges Bundesland finanziert NRW die Arbeit der Tafeln mit 1,6 Millionen Euro allein im kommenden Jahr. Auch in der Vergangenheit habe das Land die Tafel-Logistik-Zentren unterstützt und einen Ausgleich von 1,3 Millionen Euro für die gestiegenen Energie- und Lebensmittelpreise geleistet. Jetzt wollte das Land nach Abschluss der fünf Regionalkonferenzen noch einmal auf die Verbände und Großunternehmen des Handels zugehen, um die Spendensituation zu verbessern.

Nach Auskunft der Wohlfahrtsverbände nimmt trotz des höheren Bürgergelds die Armut in NRW zu. So schätzt der Paritätische die Zahl der Bedürftigen im Land auf gut eine Million, darunter Geflüchtete aus der Ukraine, aus Afrika und dem Mittleren Osten, aber auch ältere Menschen, Alleinerziehende und mittellose Frauen. „Jeder Zehnte unter ihnen ist überschuldet. Manche haben schon Mühe, die vier Euro Entgelt für die Tafeln aufzubringen“, sagte Martin Debener, der Fachreferent für Arbeit und Einkommenssicherung des Paritätischen in NRW. Die einzelnen Tafeln verlangen bis zu zwei Euro pro Einkauf.

Insgesamt gibt es 175 Tafeln und 500 Ausgabestellen in Nordrhein-Westfalen. Für die sind rund 16.000 ehrenamtliche Helfer und auch hauptamtlich Beschäftigte im Einsatz. Die Logistik läuft über sieben Lager, neben diversen Lieferwagen ist sogar ein Sattelschlepper im Einsatz. Das Land sieht die Arbeit der Tafeln als „gelebte Solidarität“ und als „ergänzendes Angebot“, das aber nicht als „fester Bestandteil des Sozialstaats“ verstanden werden dürfte, wie es aus dem Ministerium heißt. Kritischer geht der Caritasverband mit dem Modell der Tafeln ins Gericht. Die Spenden würden die Armutsstrukturen verfestigen. „Die immer neuen Forderungen nach neuen Lebensmitteln zeigen, dass dieses Angebot nicht greift“, sagte ein Sprecher des Diözesan-Caritasverbands für das Erzbistum Köln. Der kirchliche Träger sprach sich stattdessen für bessere staatliche Maßnahmen wie die Einführung eines 28-Euro-Sozialtickets, geringere Stromkosten oder eine günstigere Miete aus. Ein ähnliche Kritik kommt vom Wohlfahrtsverband Der Paritätische.

Die Tafeln diskutieren angesichts der zunehmenden Knappheit auch über den Ankauf von Lebensmitteln aus Spenden. Zugleich rufen sie zu weiteren Nahrungsmittel- und Geldspenden auf. Auch die Arbeit der Ehrenamtlichen könnte besser honoriert werden. „Wir brauchen mehr Wertschätzung für die Ehrenamtler. Das können Entgeltpunkte sein oder Ermäßigungen bei Besuchen von Schwimmbädern oder Museen“, sagte die Vizevorsitzende der Tafel NRW. Mit der Arbeit könnte die Armut gelindert, aber nicht bekämpft werden, heißt es auch von Seiten der Tafeln.

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