Stress am Arbeitsplatz Plötzlicher Anstieg bei psychischen Erkrankungen – das sind die Gründe

Analyse | Düsseldorf · Die Belastung in Job und Alltag macht immer mehr Menschen krank. Die Krankenkasse KKH registriert einen Anstieg der Fehlzeiten wegen seelischer Leiden – um 85 Prozent. Warum das so ist, und was vor Überlastung schützt.

Stress am Arbeitsplatz - und im Alltag macht immer mehr Menschen krank. (Symbolbild)

Stress am Arbeitsplatz - und im Alltag macht immer mehr Menschen krank. (Symbolbild)

Foto: dpa/Antti Aimo-Koivisto

Das Stressempfinden vieler Menschen nimmt im Arbeitsumfeld wie im privaten Leben gerade stark zu. Als Gründe nennen sie nicht nur die Anforderungen im Job, sondern auch gesellschaftliche Themen wie Klimawandel und Inflation, hohe Ansprüche an sich selbst, ständige Erreichbarkeit über Smartphone und soziale Netzwerke sowie finanzielle Sorgen. Das ist das Ergebnis einer Forsa-Umfrage, in Auftrag gegeben von der Krankenkasse KKH. Die Kasse verzeichnet einen sprunghaften Anstieg von Krankmeldungen aufgrund von Arbeitsbelastung und depressiven Erkrankungen.

Die Fehlzeiten wegen seelischer Leiden sind demnach vom ersten Halbjahr 2022 auf das erste Halbjahr 2023 um 85 Prozent gestiegen – so stark wie nie in der jüngeren Vergangenheit. Auf 100 KKH-Mitglieder kamen im ersten Halbjahr 303 Ausfalltage. Im Vorjahreszeitraum waren es noch 164 Tage. Die Kasse nennt die Daten „alarmierend“.

Schon nach sechs Monaten sei fast das Niveau des gesamten Vorjahres erreicht. Neben den hohen Fehlzeiten registriert die KKH auch eine Zunahme der Anzahl der Krankheitsfälle aufgrund seelischer Leiden. Dieser Wert stieg um 32 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Werte zeigen laut KKH zweierlei: Einmal nehmen schwere, langwierige Fälle von psychischen Erkrankungen zu, die zu langen Krankschreibungen führen. Zugleich diagnostizieren Ärzte besonders viele akute Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen. Sie machen aktuell mit 41 Prozent die Mehrheit aller psychisch bedingten Krankschreibungen aus.

Der Anstieg der depressiven Erkrankungen überrascht den Psychologen Michael Kastner, Leiter des Instituts für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin (IAPAM), keineswegs. „Die Dynamik der Veränderung unserer Welt steigt dramatisch, zugleich auch die Komplexität der Lebensverhältnisse. Dieses Zusammentreffen, ich nenne es Dynamixität, führt dazu, dass viele sich massiv überfordert fühlen“, so Kastner. Der Mensch sei evolutionär für viel langsamerem Prozesse gebaut, dass es also zu einem massiven Anstieg von Burn-outs und depressiven Erkrankungen komme, erwarteten Experten seit Jahrzehnten. Aktuelle Entwicklungen wie das Aufkommen der Künstlichen Intelligenz beschleunigten die Prozesse weiter. „Dass Menschen bald kaum noch zwischen Fakt und Fake werden unterscheiden können, verunsichert sie zusätzlich“, sagt Kastner. Das treffe auf eine saturierte Gesellschaft mit gewachsenen Ansprüchen, die immer weniger Resilienz und Stabilität besitze, um den neuen Anforderungen zu genügen. Die einen zögen sich zurück, achteten auf Work-Life-Balance, wenn sie sich das leisten könnten. Andere könnten das eben nicht. Die wachsenden Anforderungen in der Arbeitswelt träfen jedenfalls auf eine Gesellschaft, die nicht mehr Schritt halten könne.

Der Unternehmensberater Michael Ullmann warnt davor, zu schnell von Stress im Arbeitsleben auf depressive Diagnosen zu schließen. Der Zusammenhang sei komplex. Einem hohen Grad an Ermüdung und Überlastung bei vielen Angestellten begegnet aber auch er in seinen Seminaren. Das habe mit der enorm verdichteten Arbeitswelt zu tun, die in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Effizienzprogramme durchlaufen habe, und an technischen Entwicklungen. „Früher hat man mal was in die Hauspost gegeben, dann war das zwei Tage weg“, sagt Ullmann, „heute werden viele Mails zeitnah beantwortet, das erhöht natürlich den Druck.“ Der Heidelberger Stresscoach empfiehlt, darauf mit klarer Prioritätensetzung zu reagieren. Gerade da zeigten sich aber in der Praxis enorme Probleme. „Führungskräfte führen Zielgespräche mit ihren Mitarbeitern, aber daraus lassen sich keine Prioritäten für das Tagesgeschäft ableiten“, sagt Ullmann. Es fehle der Leuchtturm am Horizont, um den effizientesten Weg durch den Alltag zu finden. Es müsse also praxisnahe Ziele geben, damit Mitarbeiter ihre Aufgaben in wichtig und weniger wichtig unterteilen könnten. „Stattdessen erscheint immer alles wichtig“, sagt Ullmann, das führe natürlich zu Erschöpfungsgefühlen.

Kastner sieht auch eine politische Dimension in den aktuellen Überforderungsgefühlen aufgrund gewachsener Komplexität. „Wenn Menschen sich permanent überfordert fühlen, werden sie empfänglicher für simple Botschaften – etwa von populistischen Parteien“, sagt Kastner. Im Arbeitsalltag sei es eine Frage guter Führung, den Stress von Mitarbeitern zu reduzieren. Entscheidend seien oft Details.

„Homeoffice etwa scheint für viele erstrebenswert, ist aber nur sinnvoll, wenn Aufgaben klar definiert sind und die Ergebnisse und Erfolge überprüft werden können“, sagt Kastner. Menschen einfach so ins Homeoffice zu entlassen, führe einerseits zu Leistungseinbrüchen, andererseits zu Unsicherheitsgefühlen bei den Angestellten, wodurch sich Stressempfinden noch verstärken könne.

Ullmann glaubt, dass sich die meisten Menschen im Alltag wie im Arbeitsleben in einem Trilemma befänden: Da sei einmal das enorm gewachsene Angebot an Konsum- und Informationsmöglichkeiten etwa in den digitalen Netzwerken. Ein anderer Punkt seien die Erwartungen der anderen. Gerade Frauen sollten oft alles zugleich sein: Karrierefrauen, tolle Mütter, pflegende Töchter, das erhöhe die Gefahr, sich in diversen Loyalitäten zu verstricken. Der dritte Punkt sei, was man selbst wolle. Gerade auf diese Frage könnten viele Klienten aber keine Antwort geben. Auch hier gebe es also ein Prioritätenproblem. Nicht das gewachsene Angebot des modernen Lebens erzeuge Stress, sondern die mangelnde Fähigkeit vieler, zu entscheiden, was sie wollten – und was nicht.