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Papst Benedikt XVI: Die deprimierende Richtungsstellung - Kommentar

„Folge eines Versehens“ : Der fehlbare Papst Benedikt

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hat seine Aussage zum Missbrauchsgutachten korrigiert: So nahm er doch an einer Sitzung teil, in der über die Aufnahme eines Missbrauchstäters entschieden wurde. Zugleich relativiert er seine Mitverantwortung am Fall.

Auch das ist ein Paukenschlag im endlosen Missbrauchsskandal der katholischen Kirche: So hat der emeritierte Papst Benedikt XVI. eine zentrale Aussage seiner Einlassung im Münchner Missbrauchsgutachten korrigiert. Über seinen Privatsekretär ließ er jetzt klarstellen, dass er entgegen eigener Darstellung doch an der Ordinariatssitzung am 15. Januar 1980 teilgenommen hat. Damals wurde über die Aufnahme eines Priesters gesprochen, der als Missbrauchstäter von Essen nach München versetzt wurde und später viele weitere Taten begangen hat. 82 Seiten umfasste Benedikts Stellungnahme fürs Gutachten, akribisch abgefasst, mit Quellen, Zitaten, Belegen. Sie erweckte den Eindruck einer letztgültigen Beweisführung. Jetzt aufgetauchte Gesprächsprotokolle widerlegten ihn. Seine falsche Aussage sei die „Folge eines Versehens bei der redaktionellen Bearbeitung“ gewesen, heißt es.

Die Bemühungen, Schuld und Verantwortung abzuwenden, indem Bearbeitungsfehler ins Feld geführt werden, sind ein neues Dokument des Wegsehens. Ist es so schwer, eigene Schuld zu bekennen? Das seelsorgerische Vokabular reicht an einem Punkt nicht mehr, um Autorität und Glaubwürdigkeit für sich beanspruchen zu können. Das Amt allein ist nicht der Ausweis, im Besitz auch solcher Wahrheiten zu sein. Deutsche Bischöfe haben Benedikt am Wochenende um eine Stellungnahme gebeten. Dass eine Antwort aus Rom so schnell kam, ist überraschend. Dass sie wieder nur eine neue Abwehr von Schuld formuliert, ist deprimierend. Die katholische Reformgruppe Maria 2.0 hat Benedikt aufgefordert, sowohl auf die Titel als auch auf die Insignien seines hohen Amtes zu verzichten. Das klingt unerhört. Doch inzwischen könnte dies ein wichtiges Zeichen werden – nicht mehr für das Amt, sondern für die vielen Betroffenen.