Nacktszene im „Tatort Reifezeugnis“ Schutzlose Nastassja Kinski

Meinung · Die vielleicht bekannteste „Tatort“-Folge soll nachträglich verändert werden. Das verlangt die Hauptperson. Warum Nastassja Kinski ein Recht auf die Streichung der Nacktszenen hat, aber das keinen Freibrief für nachträgliche Zensur bedeutet.

Martin Kessler
00:00
00:00

Diese Audioversion wurde künstlich generiert. Mehr Infos | Feedback senden

 Szene aus der „Tatort“-Folge „Reifezeugnis“ aus dem Jahr 1977 mit Nastassja Kinski als Schülerin Sina und Klaus Schwarzkopf als Kommissar Finke.

Szene aus der „Tatort“-Folge „Reifezeugnis“ aus dem Jahr 1977 mit Nastassja Kinski als Schülerin Sina und Klaus Schwarzkopf als Kommissar Finke.

Foto: picture alliance/United Archives/United Archives / kpa

Eine ganze Fernsehnation hat die berühmteste Nacktszene des öffentlich-rechtlichen Rundfunks 1977 gesehen. Und vermutlich auch unzählige Menschen nach der Erstausstrahlung. Die „Tatort“-Folge „Reifezeugnis“ aus dem Jahr 1977 ist nach wie vor die international bekannteste Episode der Krimiserie – und bis heute umstritten. Jetzt kommt hinzu, dass eine Hauptperson der Folge, die heute 63-jährige Schauspielerin Nastassja Kinski, die mit ihr damals gedrehten Nacktszenen bei künftigen Ausstrahlungen verbieten will.

Die Tochter des inzwischen verstorbenen Filmbösewichts Klaus Kinski hat dazu augenscheinlich jedes Recht. Sie war bei den Dreharbeiten 15 Jahre alt, also minderjährig. Sie hatte keinerlei Begleitung am Set, war also den Wünschen und Vorgaben von Regie und Produktion mehr oder weniger schutzlos ausgeliefert. Die Aufnahmen kamen demnach unter rechtlich bedenklichen Umständen zustande. Eine bindende Einwilligung der Jugendlichen wie auch ihrer Erziehungsberechtigten hatte es wohl nie gegeben.

"Tatort"-Kommissare: Alle Ermittler im Überblick
22 Bilder

Das sind alle „Tatort“-Teams in der ARD

22 Bilder
Foto: dpa/Thomas Kost

Noch Anfang Januar dieses Jahres strahlte der RBB die Folge aus. Dazu stand auf der Webseite des NDR die entlarvende Bewertung: „Reifezeugnis mit Nastassja Kinski war in den Siebzigern eine sexuelle Initiation für sehr viele männliche Jugendliche.“ Ein minderjähriges Mädchen als Sexobjekt für pubertierende Jungs. So eine Ankündigung verbietet sich im Jahr 2024. Damit dürfte Kinski mit ihrem Anliegen vor Gericht wohl erfolgreich sein. Und zwar, wie es jetzt aussieht, zu Recht.

Allerdings wird der Fall wohl nicht der einzige bleiben. Es ist durchaus möglich, dass viele Schauspielerinnen, vielleicht auch Männer, ihre früheren Produktionen heute in einem anderen Licht sehen. Dass sich viele fragen, ob sie damals nicht durch die Umstände, durch aggressive Produzenten und Regisseure faktisch gezwungen wurden, sich vor der Kamera auszuziehen und intime Handlungen zu zeigen.

Die Debatte ist richtig. Aber sie ist zugleich auch gefährlich. Denn eine Zensur im Nachhinein, und sei sie menschlich noch so nachvollziehbar, ist auch ein Anschlag auf die Freiheit der Kunst. Natürlich müssen sich Filmemacher an Recht und Gesetz halten, heute wären Nacktaufnahmen mit Minderjährigen undenkbar. Aber tatsächliches oder vermeintliches Unrecht durch eine Beschneidung der Filme im Nachhinein zu korrigieren, ist zumindest bedenklich.

Es kommt letztlich auf den Einzelfall an. Wer minderjährig, ohne Begleitung oder unter eindeutigem Zwang zu solchen Szenen veranlasst wurde, sollte sie auch korrigieren können. Wie im Fall Nastassja Kinski. Aber von volljährigen Menschen sollte man schon erwarten können, dass sie auch als junge Erwachsene wissen, was sie tun. Selbst wenn sie damals naiv waren. Hier ist eine umfassende Korrektur oder gar Zensur nicht angebracht.

Freilich sollte man für die Zukunft die Standards strenger handhaben. Minderjährige sollen nicht in kompromittierenden Szenen mitwirken. Und die Rechte der Schauspielerinnen und Schauspieler sollten an erster Stelle stehen. Zur Not muss dann ein Regisseur auf eine Nacktszene verzichten. Zumal oft unklar ist, ob sie mehr dem Verkaufserfolg oder der Filmlogik geschuldet ist.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort