Lebensunterhalt Viele Frauen verlassen sich zu sehr auf ihre Männer

Meinung · Nicht nur beim Verdienst, auch in der Erwerbsbeteiligung hinken die Frauen den Männern hinterher, obwohl sie mindestens genauso viel schuften. Dabei ließe sich das schneller als bisher ändern, wenn die Politik dazu bereit wäre.

Martin Kessler
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 Erwerbstätige Frauen nehmen an einer virtuellen Bürobesprechung teil. Noch immer leben deutlich weniger Frauen als Männer von ihrem eigenen Verdienst.

Erwerbstätige Frauen nehmen an einer virtuellen Bürobesprechung teil. Noch immer leben deutlich weniger Frauen als Männer von ihrem eigenen Verdienst.

Foto: dpa

Der Beruf ist nach wie vor die wichtigste Quelle für den persönlichen Wohlstand. Drei von vier Menschen im Alter von 25 bis 64 Jahren leben überwiegend von der eigenen Erwerbstätigkeit. Das sind die neuen Zahlen des Statistischen Bundesamts für das Jahr 2023, welche die Behörde durch eine Befragung von einem Prozent aller inländischen Haushalte, also den Mikrozensus, erhoben hat. Genau gesehen sind es 76 Prozent, bei Männern leben 83 Prozent von der eigenen Erwerbsarbeit, bei den Frauen sind es nur 69 Prozent. Das heißt nicht, dass der weibliche Teil der erwerbsfähigen Bevölkerung weniger arbeitet. Aber mehr als jede achte Frau lebt vom Einkommen ihrer Angehörigen, meist ist es der Mann. Das schafft Abhängigkeiten.

Geht man in der Statistik weiter zurück, nimmt die weibliche Erwerbsbeteiligung allerdings zu. Vor zwölf Jahren lebten etwa nur 61 Prozent der im Berufsalter stehenden Frauen von der eigenen Arbeit. Mehr als jede fünfte war auf die Einkünfte ihres Gatten oder eines anderen Familienangehörigen angewiesen. Es gibt also durchaus eine Entwicklung, wenn auch der Fortschritt eine Schnecke ist.

Noch deutlicher als bei den Frauen sind die Unterschiede bei Menschen mit und ohne Einwanderungsgeschichte. Die definiert das Statistische Bundesamt so, dass beide Elternteile oder die betroffene Person nach 1950 eingewandert ist. Menschen, die schon seit mehr als zwei Generationen hier leben, also die Einheimischen, verdienen zu 79 Prozent ihren Lebensunterhalt. Die Zugewanderten schaffen das nur zu 68 Prozent. Die Spanne zwischen Mann und Frau beträgt bei Einheimischen neun Prozentpunkte, bei Zugewanderten ganze 22 Prozentpunkte. Fazit: Frauen mit Einwanderungsgeschichte nehmen deutlich geringer am Erwerbsleben teil als ihre Geschlechtsgenossinnen ohne diese Erfahrung.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Sie reichen von fehlender Ausbildung über traditionelle Verhaltensmuster bis zu geringeren Ein- und Aufstiegschancen. Die Studien dazu füllen ganze Bibliotheksregale oder Computer-Festplatten. Mit steigender Bildung und einer größeren Gleichheit der Geschlechter nehmen die Unterschiede ab. Und das ist auch bei den Zugewanderten zu beobachten. So gibt es in der zweiten Generation der Migrantinnen und Migranten bei den Männern kaum Unterschiede, was die Erwerbsarbeit betrifft. Bei den Frauen sind in der Generation der Nachkommen 67 Prozent in Erwerbsarbeit gegenüber nur 55 Prozent bei jenen, die nach Deutschland direkt eingewandert sind.

Die Entwicklung geht also in die richtige Richtung: Mehr Frauen und Zugewanderte leben vom eigenen Verdienst. Diesen Trend gilt es auszubauen. Am wichtigsten ist dabei die Kinderbetreuung, die in Deutschland weiterhin unterentwickelt ist. Wenn es für Unter-Dreijährige keine Kita gibt, sind vor allem die Frauen die Leidtragenden, erst recht bei Menschen mit Einwanderungsgeschichte. Das ist auch eine Lehre für Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne). Statt den ärmeren Familien einfach mehr Geld zu geben, sind Investitionen in die frühkindliche Betreuung und Ausbildung der weitaus bessere Weg.

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