Übersensible Gesellschaft Triggern gegen Kunstfreiheit

Meinung · Vergewaltigung, Gewalt, laute Geräusche – in Großbritannien wird in manchen Theatern vor Vorstellungsbeginn vor entsprechenden Szenen gewarnt. Oscarpreisträgerin Judi Dench findet das Quatsch, wie einige andere namhafte Darsteller. Wie viel Sensibilität ist angemessen?

Dorothee Krings
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Die britische Schauspielerin Judi Dench.

Die britische Schauspielerin Judi Dench.

Foto: dpa/Jordan Strauss

Es begann mit Warnungen in Theatern, wenn Flackerlicht zum Einsatz kommt. Bei Epileptikern kann das Anfälle auslösen. Natürlich ist es sinnvoll, Zuschauer auf den Einsatz solcher Mittel hinzuweisen, um schlimme gesundheitliche Folgen zu vermeiden. Doch inzwischen soll es in britischen Theatern auch Warnungen vor Vorstellungsbeginn geben, wenn „verstörende Inhalte“ gezeigt werden, Szenen mit Vergewaltigungen etwa, mit anderen Formen von Gewalt oder lauten Geräuschen. Zumindest wurde die Oscarpreisträgerin Judi Dench (89) in einem Interview mit dem britischen Magazin „Radio Times“ darauf angesprochen und hat solche Warnungen kritisiert. Leute, die sehr empfindlich seien, sollten besser nicht ins Theater gehen, meinte sie. Und konnte sich den Hinweis nicht verkneifen, dass bei Werken wie „König Lear“ oder „Titus Andronicus“ von Shakespeare sehr lange Warnhinweise verlesen werden müssten. Auch Schauspiel-Kollege Ralph Fiennes hat sich schon gegen Trigger-Warnungen vor Theateraufführungen ausgesprochen. Theater müsse schockieren und verunsichern dürfen. Nur Effekte, die zu direkten körperlichen Beschwerden führen könnten wie das Stroboskoplicht, sollten angekündigt werden.

In Großbritannien geht das Warnwesen noch weiter. In manchen Museen, etwa der Tate Modern in London, gibt es Hinweise vor Sälen, in denen Bilder nackter Körper zu sehen sind. Dazu das Angebot, sich von Museumsangestellten Routen durch das Haus empfehlen zu lassen, auf denen man keine Akte zu Gesicht bekommt.

Es geht also um die Spannung zwischen Kunstfreiheit und erhöhter Sensibilität. Es geht um die Angst vor psychischen Verletzungen durch verstörende Inhalte oder um Rücksicht auf religiöse Verbote oder Schamgefühle wegen des Anblicks nackter Körper. Und es geht darum, wer die Sorge dafür trägt, dass es zu solchen Verletzungen nicht kommt. Sollen Empfindsame sich informieren und wegbleiben oder müssen sie gewarnt werden? Ab wann? Und wer entscheidet das?

Natürlich kann man argumentieren, dass eine Warntafel im Museum oder ein Hinweis vor einem Theaterstück niemandem wehtun. Warum sich also empören, wenn solche Warnungen empfindlichen Menschen die Möglichkeit bieten, einen Inhalt lieber nicht wahrzunehmen? Und sich so zu schützen.

Doch ganz so simpel ist es nicht. Denn natürlich verändert es die Wahrnehmung von Kunst, wenn angekündigt wird, das womöglich drastische Szenen zu sehen sein werden. Das verändert nicht nur die Wirkung dieser Szenen, es zwingt Zuschauer auch in eine seltsame Erwartungshaltung. Na, wann kommt die Szene, und wie schlimm wird es wohl?

Auch einen Museumssaal betritt man anders, wenn ein Warnhinweis suggeriert, man betrachte etwas, das andere als verstörend oder anrüchig empfinden könnten. Ab dem Schild ist die Unvoreingenommenheit dahin – und das ist ein Faktor in der Kunstwahrnehmung. Im Namen einer gesteigerten Rücksichtnahme auf die angenommenen Bedürfnisse empfindlicher Menschen wird also die Wahrnehmung von Kunst verändert. Zugleich wird ein hoher Grad an Empfindsamkeit als Norm vorgegeben. Wer das für überflüssig hält, ist anscheinend grob gestrickt, unsensibel, nicht ganz auf der Höhe der Zeit.

Es kann Darstellungen geben, die in bestimmten Lebenslagen überfordern. Wer etwa mal mit einem Menschen, der gerade einen nahen Angehörigen verloren oder eine traumatisierende Fluchterfahrung gemacht hat, in einem Stück sitzt, in dem genau das unverhofft Thema wird, kennt das beklemmende Gefühl, in etwas geraten zu sein, das den anderen verletzen könnte. Man kann sich darüber in der Regel aber vorher informieren. Und man kann im Notfall gehen. Warnungen vorweg zu schicken, macht den Sonderfall zu Regel. Und erklärt Theater oder Kunst zumindest latent zu etwas Gefährlichem, das dem Betrachter potenziell schadet. Kunst wird verdächtigt.

Zudem ist bemerkenswert, wie die Sensibilität gegenüber Verletzungspotenzial in der Sprache oder in der Kunst, also im Nahbereich des Kultivierten, gewachsen ist. Das erscheint wie ein Reflex auf die Zunahme an Aggressionen und Gewalt in der Welt jenseits der Kunst. Gegen verbrecherische Kriege, aggressive Stimmungen in der Gesellschaft gibt es wenig Schutz. Solche Entwicklungen verstärken ein Gefühl der Ohnmacht. Womöglich ist das ein Grund dafür, Schutz und gesteigerte Rücksichtnahme auf überschaubarem Gebiet umso dringlicher einzufordern. Nämlich da, wo man es kann: im Theater, im Museum.

Für manche hat das sicher ein utopisches Moment. Sie fühlen sich auf der guten Seite, wenn sie andere vor schmerzlichen Triggern bewahren wollen. Doch aus Rücksichtnahme kann falsche Zimperlichkeit werden, die den Kunstbegriff schleichend verändert. Und einengt. Und die vorgibt, es gäbe eine objektive Grenze, ab der Inhalte „verstörend“ empfunden werden müssten. Dabei ist das höchst subjektiv und immer auch Teil der Beschäftigung mit Kunst gewesen. Der Skandal, die Empörung über Kunst, gehören zur Kunst dazu. Wenn eine Theatermacherin oder ein Theatermacher zu weit gehen, reagiert das Publikum. Dann knallen Türen. Was ist obszön, was ist pornografisch, was dokumentiert oder kritisiert Gewalt, was stellt sie nur aus oder verherrlicht sie sogar? Das sind Fragen, die Kunst selbst zur Diskussion stellt. Und es sollte auch ihr Recht bleiben, das überraschend zu tun, mit drastischen Mitteln, mit Mitteln, die den Zuschauern auf die Pelle rücken, an die Nieren gehen, ihnen zusetzen. Wer ins Theater oder Museum geht, sollte darauf gefasst sein. Nichts ist schlimmer als Kunst, die nur ja nicht anecken will.

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