Gewalt im Amateurfußball Der Bolzplatz als Erziehungseinrichtung

Meinung | Düsseldorf · Rassismus, Sexismus und Schlägereien sind häufig Alltag in Fußballvereinen abseits der Profiklubs. So häufig, dass es immer wieder zu Spielabbrüchen kommt. Ein Feld, wo die Politik eingreifen müsste – einen Plan hat die Landesregierung aber nicht wirklich.

 Ob Kunstrasen oder auf Asche: Fußball ist für viele Kinder in Deutschland Hobby Nummer eins.

Ob Kunstrasen oder auf Asche: Fußball ist für viele Kinder in Deutschland Hobby Nummer eins.

Foto: dpa/Marcus Brandt

An einem Sonntag Mitte September war es wieder so weit: Das Fußballspiel der B-Jugend zwischen dem SV Mönchengladbach und dem SV Neersbroich SPFR 1 in Mönchengladbach-Uedding wurde angepfiffen; eigentlich ein schöner, spätsommerlicher Tag für Spieler und Familien am Rande des Rasenplatzes. Doch die Begegnung der Jugendmannschaften endet mit einem schwer verletzten Jungen, einer Krankenwagenfahrt auf die Intensivstation und sogar Ermittlungen durch den Staatsschutz. Ein 14-Jähriger mit Migrationshintergrund soll auf dem Platz nicht nur rassistisch beleidigt, sondern auch so schwer verletzt worden sein, dass er mehr als eine Woche später noch immer nicht vernehmungsfähig ist. Er wird derzeit weiter in einer Krefelder Klinik behandelt.

Was genau geschehen ist, welche ausländerfeindlichen Äußerungen gefallen sind und durch wen, das müssen die Ermittlungen zeigen. Sie haben gerade erst begonnen – und werden letzte Details vielleicht nie klären. Spielorte, gerade im Volkssport Fußball, sind naturgemäß ein Ort aufgeheizter Stimmung – je nach Alter geht es laut, offensiv und ungestüm zu. Dass es abseits der Profiligen allerdings immer rauer wird, ist nicht bloß ein Gefühl, das einem gerade nach der kollektiven Corona-Zwangspause mit Wucht entgegenschlägt. Es gibt Zahlen, die das belegen – und aufgrund derer sich sich Bund und Länder mit dem Thema Gewalt und Diskriminierung im Amateurfußball beschäftigen müssen.

Knapp 1000 Spiele sind in der vergangenen Saison auf deutschen Bolzplätzen wegen solcher Vorfälle abgebrochen worden, so das kürzlich veröffentlichte Lagebild des Deutschen Fußballbundes (DFB). Auch der erste Jahresbericht der im Juli 2022 eingeführten Meldestelle für Diskriminierung im Fußball NRW (MeDiF) macht deutlich: Im „Sportland Nummer eins“ gibt es ein Problem. Über das landesweite Portal eingereicht wurden 543

Meldungen über diskriminierende Tatbestände – allein bis Ende 2022. Für das laufende Jahr (Stichtag 30. Juni) verzeichnet die Meldestelle 359 Fälle. Am häufigsten gibt es demnach Sexismus, Rassismus Queerfeindlichkeit und Antisemitismus; aber auch Vorfälle von Abwertung behinderter Menschen. Zudem wurden Antiziganismus und Islamfeindlichkeit gemeldet. Frauen, die von Männern auf dem Weg zur Toilette bedrängt und angefasst werden; Personen, denen ins Gesicht gespuckt und gesagt wird, sie sollten dahin zurückgehen, wo ihre Gastarbeitereltern herkämen – die Meldestelle nennt im Bericht diverse Beispiele, die angezeigt wurden. Dass vieles unter der strafrechtlichen Grenze verläuft, macht die Handhabe nicht einfacher. Darauf weist die NRW-Landesregierung selbst hin, die sich an diesem Dienstag im Sportausschuss mit dem Thema beschäftigt.

Hintergrund ist, dass die Ständige Konferenz der Innenminister (IMK) bereits Ende 2019 alle Bundesländer zu einem Bericht aufgefordert hat, der sich mit „Straftaten im Zusammenhang mit Fußball unterhalb der 4. Liga“ beschäftigt. Durch die Pandemie und die regional unterschiedlich schnelle Rückkehr in den Normalbetrieb hat sich die Auswertung verschoben – auf die Saison 2022/23. Auf dieser Grundlage wird die IMK entscheiden, ob im bundesweiten Maßstab Handlungsbedarf im Amateurfußball besteht. Weil sich der Bericht aktuell noch zur Abstimmung in den Gremien der IMK befindet, könnten konkrete Inhalte „zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht dargestellt werden“, heißt es von der Landesregierung. Und vorweg heißt es: Eine automatisierte Auswertung von polizeilich erfassten Gewaltvorfällen im Amateurbereich sei nicht möglich – eine händische innerhalb der IMK-Frist „mit vertretbarem Verwaltungsaufwand“ ebenfalls nicht.

Auch ohne diese Form der Aufarbeitung aber ist der Handlungsbedarf eigentlich klar. Fußball ist nach wie vor die mit Abstand beliebteste Sportart in Deutschland, nicht nur aus Zuschauerperspektive. Etwa die Hälfte aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind in einem Sportverein, ein Drittel von ihnen spielt Fußball; die größte Gruppe dieser 2,1 Millionen jungen Menschen ist die der 7- bis 14-Jährigen – eine entscheidende Zielgruppe. Der Abschlussbericht der MeDiF spricht zurecht vom „Fußballplatz als Sozialisationsinstanz“. Entscheidende Weichen können hier gelegt, wichtige Werte vermittelt werden – oftmals sogar dann, wenn es im Umfeld zu Hause versäumt wurde. Pünktlichkeit, Disziplin, Respekt und Fairness sind Eigenschaften, ohne die es auf dem Fußballplatz nicht geht – und im Leben ebenso wenig. Wenn Bolzplätze die verrohte Gesellschaft spiegeln, dann ist es Zeit, genau dort anzusetzen. Gerade nach drei Jahren Kontaktbeschränkungen und Einbußen im Sozialleben.

Amateurvereine müssen als Chance begriffen werden, Einfluss zu nehmen, der über sportliche Errungenschaften hinausgeht. Natürlich geht es auch darum, und es ist immerhin ein Zeichen, wenn etwa der Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen (FLVW) härtere Strafen bei Gewalttaten ankündigt, wie im August geschehen. Doch es ist Aufgabe der Politik, die Strukturen zu stärken, finanzielle Mittel bereitzustellen, dass sich auch kleinste Vereine gut aufgestelltes Personal und Anti-Diskriminierungsarbeit leisten können. Die Erfassung durch die Meldestelle ist ein Anfang, die Handlungsempfehlungen der Beteiligten haben Potenzial. Auch Netzwerke, Initiativen und Kooperationen mit Profivereinen sind im Ansatz da – die Landesregierung muss daran anschließen. Es ist beschämend, dass bislang so wenig konkrete Vorschläge kommen.

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