Viele Vorfälle in NRW Wolfsgruß, Hitlergrüße und Co. – Das hässliche Gesicht der EM

Analyse | Düsseldorf · Die Europameisterschaft wurde in diesem Jahr auch für nationalistische und rechtsextreme Taten missbraucht. Eine Meldestelle in NRW fasst einen Teil dieser Fälle zusammen. Vor allem in NRW seien die meisten Wolfsgrüße sichtbar geworden.

Türkei-Fans zeigen beim Fanmarsch Richtung Olympiastadion den „Wolfsgruß“, dessen Ursprung einer rechtsextremistischen Bewegung zugeordnet wird.

Türkei-Fans zeigen beim Fanmarsch Richtung Olympiastadion den „Wolfsgruß“, dessen Ursprung einer rechtsextremistischen Bewegung zugeordnet wird.

Foto: dpa/Christoph Soeder

„United by Football. Vereint im Herzen Europas“ lautet das Motto der diesjährigen Europameisterschaft, doch war diese Fußball-Meisterschaft nicht nur von schönen Momenten geprägt, sondern wurde auch von nationalistischen und rechtsextremen Vorfällen überschattet. Rund um das EM-Viertelfinale zwischen der Türkei und den Niederlanden ging es vor allem um ein Handzeichen: den Wolfsgruß. Das rechtsextreme Handzeichen sorgte nicht nur für politische Diskussionen, sondern führte auch zu diplomatischen Spannungen mit der Türkei.

Der Wolfsgruß drückt in der Regel die Zugehörigkeit oder das Sympathisieren mit der türkischen rechtsextremen Ülkücü-Bewegung und ihrer Ideologie aus. Aber nicht nur türkische Ultranationalisten missbrauchen die EM für ihre rechtsextremen Codes. Schon beim Eröffnungsspiel sollen deutsche Fans den Hitlergruß gezeigt haben. Slowenen präsentierten das als rechtsextreme Zeichen geltende Keltenkreuz. Österreicher sangen „Ausländer raus“, nutzten den rechten Code des Songs „L'amour toujours“ von Gigi D'Agostino und zeigten ein Banner mit der Aufschrift „Defend Europe“ - ein Slogan der vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften „Identitären Bewegung“. Auch englische Fans sorgten für Kontroversen, indem sie wiederholt Banner mit der Aufschrift „Stop the boats“ in den jeweiligen Gastgeberstädten präsentierten. Diese Parole bezieht sich auf die scharfe Anti-Immigrationspolitik, die in Großbritannien seit einigen Jahren ein zentrales Thema ist.

Albaniens Stürmer Mirlind Daku stimmte anti-mazedonische und -serbische Gesänge an. Albaner wurden auffällig, als sie gemeinsam mit Kroaten „Tötet den Serben“ riefen. Serben wiederum präsentierten eine Landkarte inklusive des seit 2008 unabhängigen Kosovo. Die Europäische Fußball-Union (Uefa) reagierte mit Sperren und Geldstrafen auf das hässliche Gesicht dieser EM.

In Nordrhein-Westfalen gibt es seit 2022 die Meldestelle für Diskriminierung im Fußball, die Projektträger der Landesarbeitsgemeinschaft Fanprojekte in NRW ist (LAG NRW). Dort können Beobachterinnen und Beobachter solche Fälle melden. „In den letzten zwei Jahren sind insgesamt etwa 2000 Meldungen bei uns eingegangen. Die Dunkelziffer dürfte allerdings viel höher sein“, erklärt Patrick Arnold, Geschäftsführer der LAG NRW. Aus seiner Sicht verstärkt Fußball nationalistische Einstellungen. „Wenn man einen Blick auf Europa und die derzeitige Politik in vielen Ländern wirft, ist das nicht verwunderlich“, sagt Arnold. Der Fußball würde sich gut für rechtsextreme Parolen und Codes anbieten. „Die Fußball-EM ist ein gutes Vehikel, um rechtsextreme und nationalistische Bilder zu erzeugen. Wir werden deutschlandweit Zeugen von sexistischen, queerfeindlichen, rassistischen und antisemitischen Vorfällen“, beschreibt Arnold.

Während der Europameisterschaft seien bei der Meldestelle insgesamt 75 Meldungen für NRW eingegangen, wonach Fußballfans rechtsextreme Gesten gezeigt haben sollen. Darunter Hitlergrüße von deutschen und italienischen Fans und rechtsextreme Gesten von serbischen und kroatischen Fans. 35 Fälle befassten sich nur mit dem Wolfsgruß in NRW, deutschlandweit habe es dazu 55 Meldungen gegeben.

Laut Patrick Arnold sei das kein reines männliches Problem. „Auch viele Frauen identifizieren sich mit der Ideologie der Grauen Wölfe“, sagt er. Das Problem ist vielschichtig. „Viele türkischstämmige Menschen werden in Deutschland oft diskriminiert und neigen dann schnell dazu, sich zu radikalisieren“, sagt Arnold. Vor allem beim Amateur-Fußball und Länderspielen der türkischen Nationalmannschaft versuchen türkische Ultranationalisten junge Menschen für die Ideologie der Grauen Wölfe zu gewinnen. Anhänger der Ülkücü-Bewegung gibt es in nahezu allen westdeutschen Bundesländern, mit einem Schwerpunkt in NRW. Laut NRW-Innenministerium sind im bevölkerungsreichsten Bundesland unter der „ADÜTDF“ (Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland) circa 70 Vereine mit etwa 2000 Mitgliedern organisiert. Bei der „ADÜTDF“ handelt es sich um die Deutschlandorganisation der MHP (Partei der Nationalistischen Bewegung), die eine rechtsextreme ultranationalistische Partei in der Türkei ist.

Die Vorfälle während der EM 2024 werfen ein Schlaglicht auf die wachsenden nationalistischen Tendenzen in Europa. Fußball ist eben doch politisch – die Uefa und nationalistischen Fußballverbände stehen vor der Herausforderung, solche Vorfälle zu verhindern und klare Zeichen gegen Rassismus, Nationalismus, Sexismus und Antisemitismus zu setzen.