Debatte um Cancel-Culture Dieter Nuhr, der Analyst der Gegenwart

Meinung | Düsseldorf · Komisch, kritisch, politisch unkorrekt – der Düsseldorfer Kabarettist scheint zu provozieren und polarisieren wie nie zuvor. Mit einer Ansage verabschiedet er sich nun in die Sommerpause – und trifft damit einen Nerv.

 Dieter Nuhr, Kabarettist und Künstler,  steht bei einer Pressekonferenz vor Werken seiner Ausstellung. (Symbolbild)

Dieter Nuhr, Kabarettist und Künstler, steht bei einer Pressekonferenz vor Werken seiner Ausstellung. (Symbolbild)

Foto: dpa/David Young

Über seinen letzten großen Auftritt vor der Sommerpause dürften sich die einen wieder einmal geärgert haben – und die anderen herzlich amüsiert. Von Religion bis Rammsteins Row Zero, von Abdelkarim bis Lisa Eckhart war an Themen und Gästen in der XXL-Ausgabe von „Nuhr im Ersten“ noch einmal die ganze Spannbreite abgedeckt. Scharfsinnig und scharfzüngig arbeitete Gastgeber Dieter Nuhr sich auch selbst an aktuellen Debatten ab – von Klimaprotest über Veganismus bis hin zu Identität und Genderfragen. Als „alter weißer Mann“ sei er letztens beschimpft worden, empört sich Nuhr, „das ist Dreifachdiskriminierung“. Alter, Hautfarbe und Geschlecht seien Dinge, wofür man nichts könne – außer das Geschlecht, das sei ja selbst gewählt. „Das habe ich konservativ passend zum Penis gewählt, ja“, sagt Nuhr, aber es könne auf den ersten Blick ja niemand wissen, ob er sich nicht als junge, asiatische Frau identifiziere.

Es sind Witze wie dieser, über die manche nicht (mehr) lachen können. Ob Transpersonen, Klimaaktivisten, Christen, Muslime, Männer, Frauen, Dieter Nuhr knöpft sie sich alle vor, getreu dem satirischen Grundsatz: Jeder hat das Recht, individuell beleidigt zu werden. „Ich bin absolut für Respekt gegenüber Minderheiten – aber ich fände auch ein bisschen Respekt vor der Mehrheit manchmal gar nicht schlecht", hat Nuhr einmal gesagt. Wen und was er für die Mehrheit hält, daran lässt er in seinen Programmen wenig Zweifel. Wie sich selbst, so glaubt er auch sein Publikum in der politischen Mitte zu verorten, die sich von den etablierten Parteien aber kaum noch repräsentiert fühlt. Dass er deshalb seit geraumer Zeit in die rechte Ecke gestellt wird, geht dem Künstler inzwischen gewaltig gegen den Strich.

Mit einem ausführlichen Text auf Facebook verabschiedet Nuhr sich in diesen Tagen in die Sommerpause. Es ist ein Statement gegen „die Cancel Culture“, von der er sich mehr und mehr betroffen sieht, auch wenn er sich seiner Ansicht nach erfolgreich dagegenstemmt. Nuhr schreibt: „Die früher häufig gehörte Forderung, meine Sendung einzustellen, ist heute perfideren Mechanismen gewichen. Heute wird versucht, mich durch stete Diffamierung als ,rechter Comedian‘ aus dem Kreis ernstzunehmender Stimmen auszuschließen.“ Es folgen einige Beispiele jüngerer Berichterstattung, die seine These stützen, bis er zu dem Schluss kommt: „Wenn der Feind nicht entfernt werden kann, muss man ihn langsam aber sicher durch dauerhafte Bearbeitung nach rechts aus dem Diskursraum hinausschieben.“

Dieter Nuhr mag hier selbst sprachlich etwas zu scharfe Geschütze auffahren, ein zu entfernender Feind ist er sicher nicht, und Medien verfolgen in Deutschland auch keinen „strikten Willen zur ideologischen Formung“ ihrer Leserschaft. Inhaltlich aber macht er einen wichtigen Punkt: Der Begriff „rechts“ wird inzwischen nicht nur inflationär verwendet und hat sich dadurch fast ins Gegenteil verkehrt. Zwischen rechts und rechtsextrem werde oft gar nicht mehr unterschieden, kritisiert der Kabarettist. Damit hat er recht, das ist tatsächlich beispielhaft für die fehlende Genauigkeit, die fehlende Differenzierung, die Nuhr mit jeder Pointe seines Programms beklagt.

Der Comedian Nuhr ist kein Flachwitzfließband, er blödelt nicht herum, schlüpft nicht in Rollen. Was er sagt, das sitzt. Aber nicht weil es so plump ist, so klar, so direkt. Dass er ein Mann der klaren Worte sei, das sei ein grundlegendes Missverständnis, sagte Nuhr kürzlich in der ARD-Talkshow „Maischberger“: „Ich stelle infrage, was scheinbar eindeutig ist. Das sehe ich als Grundlage meines Berufes.“ In Wahrheit nimmt Nuhr keine Extrempositionen ein, er spielt mit ihnen. Wenn er sagt: „Niemand darf mich daran hindern, mich mit Bart und Bierwampe einer Selbsthilfegruppe für magersüchtige Frauen anzumelden“, dann um sein Publikum zu sticheln, zum Nachdenken zu bringen.

Eindimensional ist auch seine Biografie nicht. Geboren 1960 in Wesel, aufgewachsen in Düsseldorf in einem „klassischen Beamtenhaushalt“ (Vater Beamter, Mutter Hausfrau), wie er sagt, war er zwar Messdiener und oft in Kirchenkontexten unterwegs. Aber eher aus Mangel an Alternativen, um bei Jugendfreizeiten erste Zungenküsse zu erleben und weil man früher eben „weniger wusste und mehr glaubte“, so Nuhr selbst. Die 1970er Jahre dann gefüllt von Weltuntergangsszenarien der Eiszeit bis zur „Global 2000“-Prognose, laut der zum Millenium alle sterben würden. Heute spricht er vom Gefühl eines Déjà-vus, das er mit Witzen über Greta Thunberg und der Letzen Generation immer wieder anklingen lässt.

Nicht obwohl, sondern gerade weil er zu den Gründungsmitgliedern vom „Bündnis 90 die Grünen“ gehört, ist seine Kritik an der Partei heute vielleicht so laut. Was ihn bei den Grünen stört, sei die Verbotskultur, erklärt er in Interviews immer wieder, das Patriarchale, das Auftreten wie strenge Eltern, die der Gesellschaft ihre unanfechtbare Wahrheit überstülpen wollten. Es ist ein Gefühl, das viele Deutsche teilen. Menschen, in deren Mitte sich Nuhr sieht, für die er seine Programme schreibt, die stets ausverkauft sind und pro Tournee 500.000 Zuschauer zählen.

Schon wegen seiner politisch-gesellschaftlichen Spitzen ihn in die braune Ecke zu stellen wäre falsch. Wer sich auch nur ein bisschen mit der Person abseits der Comedybühne beschäftigt, wird sein Bild korrigieren, wenigstens ergänzen müssen. Nuhr wollte Künstler werden, im eigentlichen Sinne der Malerei. Machte einen Lehramtsabschluss in Geschichte und Kunst, trat zugleich aber schon als Kabarettist auf, mit Erfolg. 1994 war er erstmals solo unterwegs unter dem Titel „Nuhr am Nörgeln“, vergaß die Kunst darüber aber nie. In den 90ern habe er angefangen, statt des Pinsels eine Kamera zur Bildherstellung zu benutzen, schreibt er in seiner Biografie. „Der Unterschied war im Wesentlichen rein technisch.“ Seither ist Nuhr auch Fotograf, Weltreisender, sensibler Erzähler und Zeichner.

Aufgenommen und ausgestellt in Essen, Düsseldorf, Rom, Venedig oder Shanghai sind vor allem Landschafts- und Straßenszenen von seinen Reisen nach Kambodscha, Bolivien, Iran oder Georgien. Sie zeugen von einem ernsten Blick auf die Dinge, gewissermaßen als Kontrast zum Bühnen-Nuhr. Fotos von Menschen gibt es nicht, die zeichnet er, denn er findet: „Menschen zu fotografieren ist mir unangenehm. Es erscheint mir distanzlos. In Zeichnungen erscheinen die Menschen abstrakter.“ Er wolle sie losgelöst von ihrer Umgebung als autarke Individuen zeigen, sie sollen nicht als Opfer oder Täter, als alte weiße Männer oder junge schwarze Frauen, als Geringverdiener oder Reiche wahrgenommen werden. Das klingt scharfsinnig, tiefgründig, weltoffen, interessiert. Auch das ist der Künstler Dieter Nuhr, der vieles sein mag, aber sicher nicht rechts.

Dieter Nuhr steht als Comedian jetzt 30 Jahre auf der Bühne, hat mehr als ein Dutzend satirische Bücher geschrieben, wird mit seiner Sendung in der ARD ab Herbst weiter ein Millionenpublikum erreichen, als ironischer Analyst der Gegenwart. Er wird die Gemüter weiter spalten, Debatten mit konventioneller Haltung aufspießen – und das ist auch gut so. Seine Grenzen des Humors seien seine eigenen Geschmacksgrenzen, sagte er kürzlich. Und die würden mit einem Großteil der Bevölkerung übereinstimmen. Sein Erfolg gibt ihm recht.

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