Unter dem Soll Die Bundeswehr bleibt bei Bewerbern unbeliebt

Analyse · Die Bundeswehr hat zu wenige Bewerber, und 2022 kehrten ihr zu viele als Kriegsdienstverweigerer den Rücken. Aus ganz unterschiedlichen Gründen. Dabei ist die Armee der Staatsbürger durchaus attraktiver geworden. Warum es immer noch nicht reicht.

Der Bundeswehr mangelt es an geeigneten Bewerben: Die Zahl der Rekruten und Unteroffiziere ging zuletzt zurück.

Der Bundeswehr mangelt es an geeigneten Bewerben: Die Zahl der Rekruten und Unteroffiziere ging zuletzt zurück.

Foto: dpa/Wolfgang Kumm

Die Bundeswehr hat es nicht leicht, seit Jahren ist sie Spott und Hohn ausgesetzt. Die Bewerberzahlen gehen zurück. Dazu lag die Zahl der Kriegsdienstverweigerer 2022 knapp fünf Mal so hoch wie im Jahr zuvor, eine Folge des Ukraine-Kriegs. Da hilft es nicht, dass nach Kriegsausbruch die Zahl der Interessenten für einen Wehrdienst kurzzeitig nach oben ging. Tatsächlich liegt die Bundeswehr beim Personal mit 20.000 unter dem angepeilten Soll von 203.000 Soldatinnen und Soldaten. Die durchschnittlich rund 44.000 Bewerber pro Jahr konnten diese Lücke bislang nicht füllen. Die Bundeswehr selbst sieht die Gründe vor allem im demografischen Wandel und allgemeinen Fachkräftemangel, sagte eine Bundeswehr-Sprecherin erst kürzlich der „Tagesschau“.

Das ist aber nicht die ganze Wahrheit. Denn die Institution Militär ist bei jungen Leuten zum Start ihres Berufslebens alles andere als unbeliebt. Beim Schülerbarometer des Berliner Trendence-Instituts im Februar 2022 setzten Schülerinnen und Schüler der Klassen 8 bis 13 deutschlandweit Polizei und Bundeswehr auf Platz eins und zwei als Wunsch-Arbeitgeber. Das sind günstige Voraussetzungen. Warum sie nicht ziehen, untersucht derzeit eine Jugendstudie des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSB), die voraussichtlich Ende 2023 neue Erkenntnisse liefern soll. Bei der bis dato letzten Studie dieser Art 2013 äußerten die befragten jungen Menschen Bedenken an Auslandseinsätzen und damit verbundenen Wohnortwechseln. Für ein Großteil der Befragten spielte die Bundeswehr in den konkreten beruflichen Planungen schlicht keine Rolle, junge Frauen würden bei der Bundeswehr mehrheitlich lieber die zivile Laufbahn wählen. Dem Wunsch der Bundeswehr, die Streitkräfte aufzustocken, wäre damit aber nicht geholfen.

Dabei öffnet sie sich nach außen wie nie: Karrierecenter, Schnuppertage und aufwendig produzierte Social-Media-Auftritte. Man gibt sich modern und inszeniert sich als attraktiver Arbeitgeber, der breite Aufgaben für die Gesellschaft übernimmt. Das ist schön nach außen, dennoch bestehen weiterhin strukturelle Probleme. Die mangelhafte Ausrüstung ist da nur ein Punkt, der zuletzt viel Aufmerksamkeit erhielt.

Rechtsextreme Umtriebe, verdeckte Islamisten, Frauen- und Queerfeindlichkeit bei männlicher Dominanz: So manche Probleme der Vergangenheit, mit denen die Bundeswehr zu kämpfen hatte, lassen sich indes mit den derzeit schwachen Bewerberzahlen nicht nachweislich in einen direkten Zusammenhang bringen. Dabei wirkt die Diskriminierung wegen Geschlechtsidentität, Migrationshintergrund oder Behinderung noch immer nach und ist auch nicht gänzlich verschwunden. Queere Bundeswehr-Angehörige wurden bis in die 1990er-Jahre strukturell diskriminiert, etwa durch unehrenhafte Entlassungen. Noch heute sieht das IT-System der Bundeswehr keinen dritten Geschlechtseintrag vor. Die Interessenvertretung QueerBW innerhalb der Bundeswehr berichtet von Diskriminierungsfällen im Wochentakt. Darunter fallen auch Kameraden, die ihrer Abneigung gegen solche Menschen freien Lauf lassen ebenso wie Ärzte, die keine HIV-positiven Menschen einstellen wollen. Frauen sind erst sei 2001 in allen militärischen Gattungen zugelassen. Viele klagen bis heute über schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie, weniger Anerkennung bei gleicher Leistung und sexuelle Belästigung, wie die Militärsoziologin Maja Apelt in Interviews mit Gleichstellungsbeauftragten herausgefunden hat.

Und bezogen auf politischen Extremismus verzeichnete der „Bund“ im Jahr 2021 immer noch 1452 Verdachtsfälle. Im letzten verfügbaren Berichtsjahr 2021 entließ die Bundeswehr bis zum Stichtag im September 60 Soldaten, darunter 57 Rechtsextreme, mehr als in den fünf Jahren zuvor. Trotzdem haftet ihr ein bestimmtes Image noch immer an. Noch 2010 bezeichnete der ehemalige Professor der Bundeswehr-Universität, Michael Wolfssohn, die Bundeswehr einmal als „ossifizierte Unterschichtenarmee“. Zu Recht? „Das stimmt einfach nicht“, sagt ZMSB-Militärsoziologe Martin Elbe. „Die Soldaten kommen eher etwas mehr aus der Mittelschicht mit guter Bildung, dazu sind die neuen Bundesländer nicht überrepräsentiert“, so Elbe.

Die Struktur der Bundeswehr ändert sich langsam, aber stetig. Immer mehr Frauen, immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund, immer mehr queere Menschen kommen hinzu. Dennoch gibt es eine Diskrepanz zwischen einer hohen Zahl junger Leute, die ein positives Bild von der Bundeswehr haben und der Zahl jener, die sich dann auch konkret für diesen Arbeitgeber bewerben. „Wir können in der Außenwirkung besser werden. Das Bild der Menschen von der Bundeswehr ist verzerrt und durch Kriegserzählung der Großeltern und amerikanische Filme geprägt“, sagt Elbe. „Die Bundeswehr führt Menschen nicht in Unterdrückung und bricht nicht ihre Persönlichkeit“, sagt Elbe. „Natürlich kommt am Ende dabei heraus, dass man kämpfen lernen soll, in der Hoffnung aber, nicht kämpfen zu müssen“, sagt der Soziologe. Auch die Möglichkeit, eine nicht-militärische Laufbahn einzuschlagen, ließe sich sicher noch besser herausstellen. Der Alltag werde ziviler und digitalisierter beim „Bund“, weiß Elbe. Dennoch spreche man immer noch überwiegend Männer an, bei der Rekrutierung von Frauen bestehe noch immer Nachholbedarf, auch wenn laut Bundeswehr mittlerweile jede fünfte Bewerbung für den freiwilligen Wehrdienst von einer Frau kommt. Bei den Bewerbern sei die Ausschöpfungsquote noch zu gering, nur 30 Prozent würden von der Bundeswehr genommen, so Elbe. Nicht unbedingt eine Lockerung, aber eine Nachschärfung der Anforderungskriterien sei denkbar.

Die Bundeswehr kann aus dem Respekt vor ihr als Institution bisher kaum Kapital schlagen. Sollen die Bewerberzahlen besser werden, muss die Modernisierungs-Offensive, aber vor allem die Aufarbeitung der Fehler der Vergangenheit konsequent weiterbetrieben werden.

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