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Botschaft zu Ostern Liebe ist stärker als der Tod

Meinung | Düsseldorf · Alles auf Erden ist endlich. Doch der Mensch hofft auf Fortsetzung – selbst im Tod. Das Sehnen nach Ewigkeit findet in der Osterbotschaft seinen Ausdruck. Kommt danach noch etwas? Was bleibt von mir?

Horst Thoren
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Ostern 2023 - 10 Fakten zum wichtigsten Fest der Christen - Osterfeuer & Ostereier
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Zehn Fakten über das wichtigste Fest der Christen

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Foto: dpa/Uwe Zucchi

Die Kernfrage des Lebens, mit Bangen und Hoffen gestellt, beschäftigt sich mit dem Danach: Was kommt, wenn das irdische Dasein endet? In einer zunehmend religionsfernen Gesellschaft lautet die Antwort immer häufiger: nichts. Wo der Glaube fehlt, wo keine Perspektive für ein weiteres Dasein bei Gott vorhanden ist, steht das Ende absolut: Aus, Schluss, vorbei. Der letzte Atemzug als Schlusspfiff des Lebens.

Ostern ist der Gegenentwurf. Das Narrativ der Auferstehung verspricht Mutigen wie Verzweifelten, Verzagten wie Suchenden eine hoffnungsfrohe Wiederkehr. Allerdings löst sich in dieser Ewigkeit das Verständnis von Zeit und Raum auf, trennen sich Körper und Seele. Wer das glaubt, verkünden Theologen, kann ohne Angst Abschied nehmen von dieser Welt, leichter loslassen, wenn er selbst oder ein lieber Mensch vor dem Übergang steht. Doch auch unter Christinnen und Christen wird oft die drängende Frage, wie mit Tod und Hoffnung denn umzugehen ist, bewusst ausgeblendet, bis ihre Beantwortung schier unausweichlich wird. Die Lebensbeichte schreckt ab.

So bekommt die Todesfurcht eine andere Dimension. Philosophen sprechen vom Sterblichkeitsparadoxon: möglichst lange so zu leben, als wäre das Ende nicht unausweichlich. Das führe zum Streben nach Unsterblichkeit. Die Erkenntnis der Endlichkeit, von vielen gerne verdrängt und am liebsten auf den Sanktnimmerleinstag verschoben, wird erst dann konkret, wenn es Anzeichen für ihren Eintritt gibt.

Von wegen „Lebensende“.

Von wegen „Lebensende“.

Foto: Nik Ebert

Hier betreten die Halbgötter in Weiß die Bühne des Lebens. Der kleinste Hinweis, von Ärzten und Ärztinnen nach erster Diagnose vorgetragen, kann zu tiefster Verunsicherung führen: „Wir haben da einen Schatten gesehen. Das muss genauer untersucht werden.“ Psychologen sprechen von den fünf Phasen der wachsenden Verzweiflung, die von Überraschung und Wut bis zur Selbstaufgabe führen. Die Kernfrage der akuten Erkrankung ist noch lebensnah: Was geschieht mit mir?

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Sich selbst und den Liebsten Mut zu machen, wird zum Lebensziel. Manche, so die Erfahrung aus der Krankenhausseelsorge, finden zum Glauben zurück. Einige versuchen, in der Gewissheit der Kindheit Trost und Halt zu finden, beten zum Schutzengel, der sie behüten möge. Wird es schlimm und schlimmer, kommen quälende Fragen hoch, die in ihrer Härte unbarmherzig treffen: Wie werde ich sterben? Kommt danach noch etwas? Was bleibt von mir?

Zu wissen, was danach kommen könnte, hat die Menschheit über die Jahrtausende beschäftigt. Die Hoffnung auf ein Weiterleben – ob, eher schlicht gedacht, in körperlicher Form, oder, auf die Seele abzielend, als vergeistigtes Wesen – war prägend auch für die Beerdigungskultur. Dabei waren die Vorstellungswelten von Pharaonen und germanischen Stammesfürsten gar nicht so unähnlich: Zumindest die Herrschenden bekamen in frühester Zeit mit auf den (letzten) Weg, was sie im Jenseits gebrauchen konnten – Attribute ihrer weltlichen Macht zur Fortsetzung ihrer Herrschaft auf anderer Ebene. Wesentlich aber war in allen Epochen die Achtung des Verstorbenen.

Was Martin Luther verhasst war, hatten Bischöfe und Päpste seinerzeit perfektioniert: den Ablasshandel. Sich von zeitlichen Sündenstrafen loskaufen zu können und damit den Weg ins Himmelreich zu verkürzen, war ein Ausweg für alle, die nicht vorbildlich gelebt und gehandelt hatten, sich aber vor Hölle und Fegefeuer fürchteten. Dieses Geschäftsmodell, in Mittelalter und früher Neuzeit ausgiebig betrieben, setzte auf Todesfurcht und war selbst bei Königen und Kaisern erfolgreich. Die zettelten notfalls einen Kreuzzug an, um Papst und Himmel gnädig zu stimmen.

Von der Kriegsgeneration wird berichtet, dass – obwohl die Erfahrung von Tod und Elend viele Jahrzehnte zurückliegt – die Erinnerung daran alles überlagern kann und die letzten Tage und Stunden des Lebens allein dadurch zur Qual werden. Der Schrecken ist wieder da; Bombennächte und Zerstörung, Gewalt und Terror werden teils als reale Bedrohung empfunden, die das Denken blockiert. Die Sterbenden wimmern und schreien, fürchten sich wie in den schlimmsten Kriegstagen, sehen auch ihre eigene Schuld. Das Leid der anderen, das persönliche Versagen wird aus verdrängter Vergangenheit zu bewusster Rückschau. Eine Lebensbeichte, bei der älteren Generation kriegsbestimmt, kann Teil jedes Sterbevorgangs sein.

Vielleicht ersehnen sich viele auch deshalb einen sanften Tod. Einfach nicht mehr aufwachen. Im Bett sanft einschlafen, liebe Menschen an der Seite, die die Hand halten. Die Wahrheit sieht anders aus. Die meisten würden gern zu Hause das Leben beenden. Gestorben wird aber in der Regel im Krankenhaus, im Alten- oder Pflegeheim – mit Schmerzmitteln betäubt, die Notklingel in der verkrampften Hand, aus dem Koma nicht mehr aufgewacht.

Die Angst vor dem Sterben ist inzwischen größer als die Furcht vor dem Tod. Psychologen sehen darin einen Bewusstseinswandel. Da Religion und Glaube an Bedeutung verloren haben, ist die Frage des Danach zwar weiterhin latent vorhanden, aber von der Sorge überlagert, das Ende könne von Schmerzen und langem Leiden bestimmt sein. In der Regel heißt das, in Patientenverfügungen und Betreuungsvollmachten juristisch abgefasst: nur keine Quälerei. Alle wollen lange leben, aber keiner will unnötig leiden. Wenn es schon keine Aussicht auf ein Leben nach dem irdischen Ende gibt, die das Sterben erleichtern könnte, dann soll doch umso mehr alles medizinisch Mögliche dafür getan werden.

Die Frage des Danach bleibt, wenn auch spekulativ, nicht unbeantwortet. Renate Georgy, die mit ihrem Mann Thomas Hohensee im gemeinsam verfassten Buch „Der Tod ist besser als sein Ruf“ bewusst provoziert, hat in einem Interview erklärt, was ihre Perspektive ist: „Vielleicht ist er gar nicht die Vernichtung unseres Seins, die endgültige Auslöschung. Was ist, wenn die recht haben, die sagen, es gibt eine andere Welt dort, und die ist ganz toll? Das ist ein spannendes Gedankenexperiment.“ Hieronymus Bosch hat wie andere Künstler bereits in der Renaissance seine Vision vom „Aufstieg der Seligen“ eindrucksvoll dargestellt.

Die sogenannte Nahtoderfahrung, wissenschaftlich erforscht, beschreibt, was Menschen wahrgenommen und gesehen haben wollen, die sich bereits in der Phase des Übergangs befanden – etwa bei einem Herzstillstand. Der US-Neurochirurg Eben Alexander, der sieben Tage im Koma lag und von den Ärzten schon fast aufgegeben wurde, hat seine Erfahrung veröffentlicht. Sein Buch „Blick in die Ewigkeit“, ein Bestseller, wird beworben als „spektakuläre Reise in das Leben nach dem Tod“. Alexander, der vormals rein wissenschaftlich argumentierte, sieht nun eine „göttliche Existenz“ als gegeben an.

Ganz anders ist da die Sichtweise des in den USA lebenden Neurophysiologen Christof Koch, der sich, wissenschaftlich begleitet, durch eine Droge in Todesnähe versetzen ließ. In einem Interview erklärte er: „Ich erlebte eine Art psychischen Tod. Ich war komplett weg, aber ohne jeden Zweifel bei vollem Bewusstsein.“ Kochs Kernaussage lautet: „Es gilt das Primat des Bewusstseins. Das Einzige, dessen ich mir wirklich sicher sein kann, ist mein Bewusstsein.“ Koch beschreibt, was Mediziner der Berliner Charité auch in anderen Fällen festgestellt haben: eine erhöhte Gehirntätigkeit. Übereinstimmend heißt es, alles sei hell und klar gewesen, das Bewusstsein stark.

Von normalen Menschen wird berichtet, dass sie – etwa im Koma nach einer Hirnblutung – etwas Helles sahen: „Ich konnte wie nach Wolken greifen. Vor dem Tod habe ich seitdem keine Angst mehr.“ Bei allem wissenschaftlichen Zweifeln sind fast alle, die diesen Zustand erlebt haben, fest überzeugt, dass sie einen Blick ins Jenseits werfen konnten. Gläubige sprechen gar vom Blick in den Himmel.

Der Apostel Paulus sieht die ganze menschliche Existenz im Spannungsfeld von Tod und Leben. Im „Lexikon für Theologie und Kirche“ heißt es: „Der Tod ist für den Menschen weder das Ende seines Seins noch ein bloßer Übergang einer Daseinsform in eine andere.“ Er sei vielmehr der Anfang der Ewigkeit. Das christliche Verständnis, dass mit dem Tod eben nicht alles vorbei ist, wird zu Ostern gefeiert.

„Und Todesfurcht ist nicht mehr da, halleluja“ – so singen die Gläubigen in der Osternacht und feiern damit die Auferstehung des gekreuzigten Jesus von den Toten. Es ist ein Fest der Hoffnung und des Neuanfangs, das auch Menschen Mut geben kann, die an nichts oder etwas anderes glauben. Gefeiert wird, bewusst zu leben – in Gemeinschaft, im verständnisvollen Miteinander, das Hass und Hetze ausschließt. Auf die Kernfrage des Lebens folgt die Antwort: Liebe ist stärker als der Tod.

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