Beerdigung von Alexej Nawalny Das andere, das mutige Russland

Meinung | Moskau · Tausende Trauernde auf den Straßen Moskaus trotzen Putins Drohgebärden und erweisen dem Kremlgegner Alexej Nawalny die letzte Ehre. Der Mut dieser Menschen lässt hoffen, aber auch Schlimmeres befürchten.

Julia Rathcke
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Beerdigung Alexey Nawalny: Tausende kommen zur Beerdigung
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Tausende Menschen nehmen bei Beerdigung Abschied von Nawalny

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Foto: dpa/Uncredited

Auf dessen letzter Reise versucht Wladimir Putin, Alexej Nawalny möglichst viele Steine in den Weg zu legen. Drei Stunden lang soll die Familie des Oppositionsführers gewartet haben, bis sie den Leichnam für die an diesem Freitag geplante Beerdigung in Empfang nehmen konnten, teilte Nawalnys Team mit.

Eine Stunde lang dauert die Fahrt bis zur Kirche im südöstlichen Bezirk Marjino, die Strecke gesäumt von kilometerlangen Absperrgittern, Dutzenden Einsatzfahrzeugen, elektronischen Sicherheitsschleusen und Polizisten, die Menschen seit den frühen Morgenstunden kontrollierten. Dokumente, aber auch persönliche Gegenstände seien geprüft, das mobile Netz runtergeregelt worden, hieß es. Eine weitere Drohgebärde Putins.

Und trotzdem: Tausende Trauernde sind gekommen, unvermummt und ohne Furcht. Sie strecken rote Rosen und weiße Nelken in die Luft beim Marsch durch die verschneiten Straßen Moskaus, stehen Schlange vor den Orten des Geschehens. Die wenigsten tragen Kapuze, Sonnenbrille oder Schal vor dem Gesicht.

Alexej Nawalny: Bekanntester Krem-Kritiker ist tot
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Aus dem Leben von Alexej Nawalny

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Foto: dpa/Pavel Golovkin

Den meisten ist klar: Sie riskieren ihre eigene Sicherheit, vielleicht sogar ihr Leben. Vor der Kirche, dem Ort der Trauerzeremonie drängen sie sich, hinter der Mauer des Friedhofs stehen sie zu Hunderten, sie rufen Nawalnys Namen, immer wieder, und: „Du hattest keine Angst, wir haben auch keine!“

Der Mut der Menschen verdient größten Respekt. Es ist die Entschlossenheit jedes und jeder Einzelnen, Nawalnys Erbe anzutreten – mit allen drohenden Konsequenzen. Schließlich hat Putin immer wieder mit Verhaftungen gedroht und es in der Vergangenheit nicht dabei belassen, wenn Menschen öffentlich um Oppositionsführer trauern.

Diesmal ließ der Kreml es laufen, griff nicht ein, zumindest nicht sichtbar während der Beerdigung. Es gab Live-Übertragungen, sogar eigentlich streng untersagte Bilder aus der Kirche, vom offenen Sarg des Staatsfeindes Nummer eins, über und über mit Rosen bedeckt. Ein ehrwürdiger Anblick, Abschiedsbilder eines Helden, die Putin sicher lieber vermieden hätte.

Tausende Menschen kamen zur Kirche im Südosten Moskaus zur Beerdigung des Kremlgegners Alexej Nawalny.

Tausende Menschen kamen zur Kirche im Südosten Moskaus zur Beerdigung des Kremlgegners Alexej Nawalny.

Foto: dpa/Uncredited

Dass sie in der Welt sind, lässt hoffen: Dass Russland noch kein totalitärer Staat ist, das Volk nicht völlig gleichgeschaltet, sondern bereit, etwas zu riskieren, weil sie die Herrschaft des Despoten nicht hinnehmen wollen. Putins Macht scheint begrenzt – noch.

(jra)
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