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Attentat auf Salman Rushdie​: Die Geiseln der Vergangenheit​

Attentat auf Salman Rushdie : Die Geiseln der Vergangenheit

Der Messerangriff auf den Schriftsteller Salman Rushdie hat international Entsetzen ausgelöst. Irans Revolutionsführer Khamenei lässt hingegen Unterstützung für den Täter durchblicken. Damit macht er sein Land zu einer Geisel der Vergangenheit.

Der iranische Präsident Ebrahim Raisi hat bei der US-Regierung ein Visum beantragt, weil er zur UN-Vollversammlung nach New York reisen will. Dass Washington ihn einreisen lässt, ist am Wochenende noch fraglicher geworden, als es vorher schon war: Die iranische Führung erweckte den Eindruck, dass sie den Mordanschlag auf Salman Rushdie gutheißt, während staatsnahe Medien den Täter für den Mordversuch lobten. Damit gefährdet Teheran nicht nur eine Verständigung mit dem Westen auf ein neues Atomabkommen. Die Staatsspitze der Islamischen Republik macht das Land zu einer Geisel der Vergangenheit.

Mehr als 30 Jahre ist es her, dass Ajatollah Chomeini die Muslime in aller Welt aufrief, Rushdie umzubringen. Raisi und Chomeinis Nachfolger Ali Chamenei sind führende Hardliner, die dem Westen misstrauen und das theokratische System um jeden Preis retten wollen. Dieses System ist korrupt, unterdrückt Andersdenkende und hat keine Rezepte gegen die Wirtschaftskrise, soziale Spannungen und die schweren Umweltprobleme im Land. Im Jahr 2019 schlugen die Sicherheitskräfte Proteste gegen die Regierung nieder und töteten mehr als 300 Menschen. Seit Raisis Amtsantritt 2021 verschärft sich die Repression.

Zwar kann man iranischen Politikern nicht verdenken, dass sie nach dem Ausstieg der USA skeptisch auf die Forderung reagieren, zum Atomabkommen zurückzukehren. Doch ein neuer Vertrag ist im Interesse des Iran, der damit seine Wirtschaft von der Last der Sanktionen befreien und das Land modernisieren könnte. Raisi hat es trotzdem nicht eilig. Am Tag nach dem Attentat auf Rushdie spielte er die Bedeutung einer Einigung mit dem Westen herunter: Ihm und den anderen Hardlinern ist ein armer Iran, in dem sie fest im Sattel sitzen, lieber als ein weltoffener Iran, in dem die Macht der Mullahs infrage gestellt werden könnte.