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Abschied Angela Merkel: Der Große Zapfenstreich passt nicht in die Zeit - Kommentar

Abschied der Kanzlerin : Der Große Zapfenstreich für Angela Merkel passt nicht in die Zeit

Ohne Zweifel hat Angela Merkel einen würdigen Abschied als Kanzlerin verdient. Doch in einer Zeit, in der sich die Bürger in so vielen Bereichen einschränken müssen, sollte man auf militärisches Brimborium verzichten.

Ein bisschen Preußen ist immer dabei, wenn sich Deutschland präsentiert. Immer wieder erklingt in Berlin der Preußische Präsentiermarsch, werden Staatsgäste mit militärischen Ehren und angestaubter Zeremonie willkommen geheißen. Noch preußischer geht es zu, wenn hohe Militärs in den Ruhestand treten. Dann wird der Große Zapfenstreich geblasen. Und auch der Kanzlerin steht zum Abschied aus dem Amt zu, was die preußischen Könige und deutschen Kaiser zu schätzen wussten: Das martialische musikalische Instrumentarium wird für Angela Merkel aufgefahren, die im Verteidigungsfall die Befehls- und Kommandogewalt über die Truppe gehabt hätte. Preußens Verständnis von Glanz und Gloria schimmert bis heute durch.

Unabhängig davon, ob man solche Zeremonien mag oder sie gar als unzeitgemäß betrachtet, stellt sich die Frage, ob der Große Zapfenstreich mit der derzeitigen Lage im Land vereinbar ist.

Natürlich hat die Kanzlerin einen würdigen Abschied verdient. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sie die letzte Krise kaum noch gemeistert hat. Von ihrer vormaligen Tatkraft und Handlungsstärke war in den vergangenen Wochen wenig zu spüren. Die Frage nach der Angemessenheit des Zapfenstreichs aber hat damit nichts zu tun. Vielmehr ist die Lage zu ernst, um mit militärischem Tamtam zu feiern. Deutschland befindet sich im Verteidigungsfall der besonderen Art – gegen ein Virus.

Wie soll die verunsicherte Bevölkerung den großen Aufmarsch verstehen? Erst Konferenz der Ministerpräsidenten mit Merkel und Scholz zu den anstehenden Notmaßnahmen, dann Orts- und Szenenwechsel zum Zapfenstreich mit Merkels Wunschlied „Für mich soll es rote Rosen regnen.“

Wer wie Merkel die Bürgerinnen und Bürger immer wieder zum Verzicht aufgerufen hat, sollte auch selbst Zurückhaltung üben. Wer wie sie in der Corona-Krise stets auf Abstand bedacht war, sollte auch jetzt einer solchen, verzichtbaren Ehrung fern bleiben. Viele andere haben es ihr in der Pandemie vorgemacht - notgedrungen. Die gewohnten stimmungsvollen Abschiede aus dem Beruf fielen in den vergangenen 20 Monaten häufig aus ebenso wie manches Jubiläum, auf das sich engagierte Arbeitnehmer so sehr gefreut hatten.

Niemand will Angela Merkels Verdienste schmälern. Doch wäre ihr Verzicht ein Zeichen der Solidarität mit jenen, die ohne besonderen öffentlichen Dank auskommen mussten. Die Urkunde des Bundespräsidenten hat sie ja schon. Der Dank des Vaterlandes ist ihr auch ohne militärisches Brimborium gewiss.