Agrartechnik schlägt Öko-Romantik

Analyse : Vom Segen der Gentechnik

Wir diskutieren viel über die Qualität unserer Lebensmittel, und wir haben es gerne natürlich. Produktivität in der Landwirtschaft gilt vielen als Irrweg. Dabei ist sie unverzichtbar, um die Weltbevölkerung zu ernähren.

Anfang April schlug die UN-Welternährungsorganisation FAO Alarm: Im laufenden Agrarjahr werden laut FAO-Prognose weltweit knapp 30 Millionen Tonnen Getreide weniger geerntet als verbraucht. Damit kann schon zum zweiten Mal in dieser Dekade die Getreideernte den globalen Bedarf nicht decken. Das letzte Defizit gab es 2013, als die US-Farmer unter den Folgen einer jahrelangen Dürre litten. Diesmal ist der Einbruch vor allem eine Folge der Trockenheit, die im vergangenen Jahr weite Teile Europas erfasste und die Bauern sechs Prozent weniger Weizen einfahren ließ.

Vorerst sind die Auswirkungen nicht dramatisch, denn die Lager sind noch gut gefüllt. Aber die Bestände schrumpfen, und alles deutet darauf hin, dass der Klimawandel künftig häufiger dazu führen wird, dass Bauern überall auf der Welt mit kräftigen Ernteausfällen zu rechnen haben. Gleichzeitig werden wir schon in wenigen Jahren neun Milliarden Menschen ernähren müssen. Im satten Europa, in dem die letzte Generation langsam, die den Hunger der Kriegsjahre noch am eigenen Leib erlebt hat, verschwindet, debattieren wir vor allem erregt über die Qualität von Lebensmitteln. Doch weltweit gesehen ist die Quantität das weitaus größere Problem: Wie lässt sich die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung organisieren? Und wie lässt sich sicherstellen, dass die Preise für Lebensmittel auch den Armen noch finanziellen Spielraum lassen, etwa für Investitionen in Bildung?

Dem wachsenden Bedarf wird man nicht allein mit naturbelassenen Lebensmitteln begegnen können, wie einige Öko-Romantiker behaupten, sondern vor allem mit mehr Agrartechnik. Wir brauchen mehr Eingriffe des Menschen, nicht weniger. Nur müssen es eben die richtigen sein. Die Frage lautet: Wie schaffen wir es, die Nahrungsmittelproduktion zu steigern, ohne die Umwelt zu stark zu belasten oder die Bauern in eine zu große Abhängigkeit von großen Agrarkonzernen zu treiben? Das kann nur mit einem Bündel von Maßnahmen gelingen, und auch wir können dabei von anderen Ländern noch etwas lernen.

Zunächst sollte man sich klarmachen, dass „Bio“ längst die Welt erobert hat, und zwar auch viele Schwellenländer. Da, wo es eine gut gebildete und gut verdienende urbane Mittelschicht gibt, besteht eine wachsende Nachfrage nach „Organic“-Lebensmitteln aus nachhaltig betriebener Landwirtschaft. Allerdings kommen die Kunden ohne das anthroposophisch-zivilisationskritische Gehabe aus, in dem sich bis heute Teile der deutschen Öko-Szene gefallen. Anderswo auf der Welt geht man vielmehr offen mit dem für den Öko-Landbau schwierigen Thema der Produktivität um. Die hinkt nämlich weit hinter jener der konventionellen Landwirtschaft hinterher, obwohl auch Bio-Bauern aus den knapper und teurer werdenden Böden immer mehr herausholen müssen und dabei an natürliche Grenzen stoßen.

Der Anteil von Bio-Produkten wird weiter wachsen, vor allem in den reichen Industrieländern, aber die rein ökologische Ernährung der Weltbevölkerung ist eine schöne Illusion. Seit Anfang der 90er Jahre wurden im Kampf gegen den Hunger weltweit deutliche Fortschritte erzielt. Aber nicht durch stärkere Regionalisierung und Ökolandbau, wie sie von westlichen Umweltverbänden propagiert werden, sondern durch Intensivierung der modernen Landwirtschaft und den stark zunehmenden Welthandel. Für manchen ist es sicher schwer zu verdauen, aber Globalisierung und Kunstdünger haben den Hunger in vielen Teilen der Welt zurückgedrängt und nicht der naturbelassene, lokale Ackerbau.

Vor allem sind es auch die spektakulären Erfolge bei der Zucht von Saatgut, die die Erträge haben steigen lassen. So wird in der EU pro Hektar heute ein Drittel mehr Mais geerntet als noch vor 25 Jahren, bei Zuckerrüben 40 Prozent und bei Weizen gut zehn Prozent mehr. Dank dieses modernen Saatguts stiegen die Ernteerträge in den Schwellenländern noch stärker; die Versorgungslage ließ sich dadurch erheblich verbessern.

Außerhalb Europas kommt auf den Feldern auch schon viel Gentechnik zum Einsatz. Es gibt bisher keinen Beleg dafür, dass gentechnisch veränderte Organismen eine gesundheitliche Bedrohung für den Menschen darstellen. Die Nachteile der Züchtungen aus den Laboren liegen eher im Kommerziellen: So wurden anfangs vor allem herbizidresistente Pflanzen angeboten, die dann mit dem passenden Unkrautvernichtungsmittel im Paket verkauft wurden. Dieses Geschäftsmodell, das die Saatgutkunden in eine Abhängigkeit treibt, ist zu Recht in Verruf geraten, aber das sollte nicht dazu führen, dass wir Gentechnik auf dem Acker in Bausch und Bogen verdammen. So könnten gegen Trockenheit gewappnete Getreidesorten Dürreperioden besser überstehen, und gegen Pilzbefall resistente Kartoffeln müssten nicht mit Pflanzenschutzmitteln behandelt werden.

Solche Zuchterfolge dürften mit der sogenannten Genschere, der Crispr/Cas9-Methode, künftig noch schneller erzielt werden. Dabei wird das Erbgut einer Pflanze gezielt verändert, wie es auch bei spontanen Mutationen geschieht. Im Unterschied zur klassischen Gentechnik wird dabei kein fremdes Erbgut eingekreuzt. Dass die günstig anzuwendende Technik in der EU trotzdem mit den strengen Gentechnikauflagen reguliert wird, zeigt, wie groß die Technologieskepsis in Europa ist. Und wie gering das Bewusstsein für die wachsende Gefahr einer globalen Nahrungsmittelkrise – deren Auswirkungen wir über neue Flüchtlingsströme freilich schnell zu spüren bekämen.

Die Hälfte der Lebensmittel, die wir in Deutschland konsumieren, stammt aus dem Ausland. Deswegen: Ja, wir brauchen eine Debatte über unsere Ernährung. Aber bitte eine, die nicht nur unsere verwöhnten Ansprüche bedient.

Mehr von RP ONLINE