Afghanistan – Krieg der Söldner

Afghanistan – Krieg der Söldner

500 Dollar können Söldner in westlichen Diensten pro Tag verdienen. Ihre Zahl wächst beständig. Den strengen Dienstvorschriften der Isaf-Truppen unterliegen sie nicht. Auch die Gegenseite heuert Zivilisten an: 1000 Dollar zahlen die Taliban für einen entführten Nato-Soldaten.

Muskulös, tätowiert, wortkarg – der etwa Dreißigjährige mit dem Kalaschnikow-Schnellfeuergewehr über der Schulter stammt angeblich aus Australien und entspricht allen Klischees. Der Mann auf dem Flughafen von Kabul ist einer jener ungezählten Schattenkrieger in der Grauzone der weltweiten Privatisierung des Krieges. In Afghanistan boomt dieser Wirtschaftszweig solcher ungewöhnlichen Dienstleistungen – vom Wachmann bis zum Söldner.

Zehntausende Männer sitzen oder stehen in Kabul meist scheinbar gelangweilt in Garagen, in Hauseingängen, auf Fluren, neben unförmigen Betonsperren und Schranken oder vor zugigen Holzhäuschen. Ein Sturmgewehr, ein Funkgerät und ein Metalldetektor sind ihre Standardausrüstung.

Auffällig viele Bewaffnete tragen nicht die Uniformen der 49 Isaf-Mitgliedsstaaten, sondern Kampfanzüge mit Beschriftungen privater Sicherheitsdienste. Ihre Angestellten kommen aus allen Kontinenten – Gurkhas aus Nepal, Briten und Peruaner sind darunter. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, auch viele Nato-Soldaten würden abgeworben. Die Unternehmen in Sachen Gewalt zahlten deutlich besser: Angeblich ist bei Einsätzen ein Tagessatz von 500 Dollar (knapp 370 Euro) üblich.

Im Golfkrieg 1991 war jedes 50. Mitglied der US-Army bei einer privaten Firma angestellt; im Irak sei es bereits jeder Zehnte gewesen, darunter viele Zivilisten mit rein militärischen Aufgaben. Zeitweise waren dort für die USA 35 000 zivile Bewaffnete im Einsatz. Dazu kommen Beschäftigte weiterer Auftraggeber – vom Leibwächter bis zum Killer. In Afghanistan ist diese Zahl vermutlich noch wesentlich größer als im Irak; auch viele Einheimische verdingen sich erkennbar in diesem Metier. Schätzungen sprechen von rund 40 000 Mann, die bei etwa 50 verschiedenen Militärfirmen unter Vertrag stehen sollen.

Offizielle Statistiken über diese zivilen Kämpfer gibt es natürlich nicht. So wird ihr Tod ebenfalls nicht registriert. Das kann auch für westliche Regierungen praktisch sein, die den Einsatz ihrer Soldaten stets öffentlich detailliert rechtfertigen müssen. Zudem lassen sich auf diesem Weg Gesetze in den Entsenderländern umgehen, die auf Kriegssituationen nicht zugeschnitten sind. So sind offenbar auch Kämpfer außerhalb eines Soldaten- oder Polizisten-Status in Afghanistan damit beauftragt, zum Beispiel Mohnfelder niederzubrennen und Rauschgift-Labore zu zerstören, um den Opium-Export des Landes einzudämmen und den unheilvollen Einfluss der mächtigen Drogenbarone zu beschneiden.

Unternehmen wie Dyncorp im US-Bundesstaat Virginia mit einem jährlichen Milliarden-Umsatz sehen sich keineswegs im Zwielicht, sondern vertreten ihre "Ware Gewalt" offensiv: "Wir liefern Unterstützungslösungen für Verteidigung, Diplomatie und internationale Entwicklung", heißt es auf der Homepage der Firma. "Mehr als 6000 hochqualifizierte zivile Friedenssschützer und Polizeiausbilder sind im Auftrag des US-Außenministeriums in elf Ländern aktiv, darunter Haiti, Bosnien, Irak und Afghanistan."

Einen besonders schlechten Ruf hat die Firma "Xe Services LLC", vormals "Blackwater". Mitarbeiter dieses größten amerikanischen Militärunternehmens sollen im Irak allzu leichtfertig von der Schusswaffe Gebrauch gemacht haben und werden auch mit dem Skandal um das Foltergefängnis Abu Ghraib in Verbindung gebracht.

Der afghanische Präsident Hamid Karsai hat angekündigt, alle zivilen Sicherheitsfirmen bis Ende des Jahres aus dem Land zu verweisen. Er stößt aber auf massive Proteste bei der Nato. Sie müsste ihre Soldaten dann beispielsweise aus Brennpunkten abziehen, um die Lkw-Nachschubtransporte von Pakistan nach Afghanistan zu schützen. Diesen riskanten Job haben zurzeit ebenfalls private Wachdienste übernommen. Und die Vermutung liegt nahe, dass der ab Juli 2011 geplante Truppenabzug der Amerikaner teilweise durch verstärkten Einsatz von Zivilkämpfern ausgeglichen werden soll.

Söldner heuern im Übrigen auch die Islamisten von al Qaida und die Taliban-Führer an: Unter den bis zu 45 000 Terroristen im Großraum Kandahar/Helmand sind nach Angaben aus Nato-Kreisen zahlreiche Bauern und Hirten, die für Geld Anschläge auf Soldaten verüben und für jeden Ermordeten Extra-Prämien erhalten. Für die Entführung eines Nato-Soldaten haben die Taliban angeblich 1000 Dollar ausgesetzt.

Mit deutlich höheren Summen werden erfahrene Terroristen aus Tschetschenien belohnt, die zum Beispiel an Angriffen auf die Bundeswehr im Norden Afghanistans beteiligt gewesen sein sollen. Sie hätten die Überfälle geplant und gesteuert. Den daran beteiligten, religiös motivierten Selbstmordattentätern aus dem afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet hätten Hintermänner die großzügige finanzielle Unterstützung ihrer Familien versprochen.

Nicht nur mit direktem militärischen Handwerk verdienen zivile Unternehmen Geld. Ein ebenfalls boomender Geschäftszweig sind Unterstützungsdienstleistungen für die Streitkräfte – von der Müllabfuhr über Wäschereien bis zur Kantine. In diesem Bereich ist auch die Düsseldorfer Firma Ecolog aktiv, wie rot-weiße Werbeschilder vor Gebäuden zeigen – eine mitunter lebensgefährliche Aufgabe: Etliche Ecolog-Mitarbeiter sind entführt oder getötet worden.

Den privaten Weg hat die Nato auch gewählt, um ihren großen Engpass beim Lufttransport in Afghanistan zu beheben: Eine imponierende Flotte ziviler Helikopter meist russischer Bauart aus Russland, der Ukraine oder Georgien ergänzt jetzt die Militärhelikopter.

Zivile Hilfsorganisationen setzen ebenfalls Bewaffnete aus aller Welt zu ihrem Schutz ein. Darunter sind deutsche Staatsbürger, wie der Fall eines am 2. Juli in Kundus getöteten 32-jährigen Wachmannes einer US-Hilfsorganisation offenbarte: Der ehemalige Bundeswehrsoldat stammte aus Krefeld.

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(Rheinische Post)
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