Kabul: 27 Tote bei Taliban-Angriff auf Hotel

Kabul : 27 Tote bei Taliban-Angriff auf Hotel

Sechs Stunden dauerte der Kampf zwischen einem Selbstmord-Kommando der radikalislamischen Taliban mit afghanischen Sicherheitskräften und Soldaten der Nato-Schutztruppe Isaf im Zentrum von Kabul. Unklar ist, ob Ausländer oder Einheimische vorrangiges Ziel der Angreifer waren.

Vier Stunden kauerte Saiz Ahmed in Todesangst in seinem stockfinsteren Hotelzimmer. Immer wieder habe es Gewehrschüsse und Explosionen gegeben, sagt der US-Student später Reportern. "Der ganze Boden bebte. Ich dachte, das war's." Im Schein seines Handys kritzelte er sein Testament auf einen Zettel. Ahmed hatte Glück – er überlebte den spektakulären Angriff der Taliban auf das Kabuler Luxushotel Intercontinental in der Nacht zu gestern. Doch bis zu 27 Menschen – die Zahlen variieren von Bericht zu Bericht – überlebten den Angriff auf das Luxushotel nicht. Auch die neun Angreifer sind unter den Toten. Erst nach sechs Stunden gelang es afghanischen Sicherheitskräften und der internationalen Schutztruppe Isaf, die Attacke niederzuschlagen.

Wieder haben die Taliban mitten in der Hauptstadt Kabul zugeschlagen – und das nur wenige Wochen, bevor in den ersten sieben Regionen des Landes afghanische Sicherheitskräfte die Verantwortung übernehmen sollen. Die Militanten wollen offenbar Zweifel daran schüren, dass Afghanistans Polizei und Militär in der Lage sind, für Sicherheit zu sorgen. Und das gelingt ihnen: Unter den Afghanen wächst die Angst vor einem Bürgerkrieg.

Gegen 22 Uhr drangen die wohl neun Täter – bewaffnet mit Raketenwerfern und Sprengstoffwesten – in das staatliche Nobelhotel auf einem Hügel bei Kabul ein. Unter Gästen und Personal brach Panik aus, als sich einer der Angreifer in die Luft sprengt und andere sich mit Sicherheitskräften Schusswechsel lieferten. Der Strom fiel aus. Drei Militante flüchteten auf das Dach. Die Isaf musste mit einem Hubschrauber zur Hilfe eilen, damit Scharfschützen aus der Luft auf die Männer feuern konnten. Noch am Morgen loderten Flammen aus dem Gebäude.

Die Taliban bekannten sich zu dem Anschlag. Ihr Sprecher erklärte, die Männer hätten Zimmer für Zimmer nach Ausländern durchkämmt – auch die Militanten wissen, dass ihre Anschläge weit größere Wellen im Westen schlagen, wenn sie gezielt Ausländer töten.

Zwar hatte am Vortag eine Konferenz mit Sondergesandten aus 50 Ländern in der Nobelherberge getagt. Doch gibt es inzwischen erste Zweifel, dass die Taliban es tatsächlich auf sie abgesehen hatte. Denn für gestern war eine Regierungskonferenz zur Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die Afghanen vorgesehen. Der Anschlag habe vielmehr diesem Regierungstreffen mit afghanischen Teilnehmern gegolten, glaubt das Afghanistan Analyst Network. Die Gouverneure einiger Nordprovinzen seien bereits angereist gewesen.

Seit Monaten attackierten die Taliban immer wieder die afghanischen Sicherheitskräfte – bevorzugt in jenen Gebieten, die nun als erste von der Isaf übergeben werden sollen. Die Isaf will die afghanischen Sicherheitskräfte auf über 300 000 Mann aufstocken, damit die ausländischen Truppen schrittweise abziehen können. Doch die Skepsis wächst, ob Afghanistan der Aufgabe gewachsen ist. Der neue Isaf-Sprecher Carsten Jacobson mühte sich gestern, jegliche Zweifel zu zerstreuen. Die afghanischen Sicherheitskräfte hätten den Anschlag hervorragend gemeistert. Die Isaf habe nur eine "Unterstützerrolle" gespielt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel verurteilte den Angriff, sprach sich aber dennoch dafür aus, den Fahrplan zur Übergabe der Sicherheitsverantwortung einzuhalten. Die Täter achteten keinerlei Menschenleben und seien bereit zum sinn- und wahllosen Morden, sagte ihr Sprecher Steffen Seibert. Präsident Hamid Karsai sagte, die Übergabe der Sicherheitsverantwortung gehe ungeachtet des Angriffs weiter.

Internet Bilder des Anschlags unter www.rp-online.de/politik

(RP)
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