Podcast Tonspur Wissen "Gut rechnen bedeutet nicht, dass man auch gut mit Geld umgehen kann"

Interview | Düsseldorf · An Schulen wird das Thema finanzielle Grundbildung kaum vermittelt. Viele Menschen scheuen sich daher später, sich mit komplexen Dingen wie Geldanlagen und Vorsorge zu befassen. Was dazu gehört und wie man sich weiterbilden kann, erklärt Bildungsreferentin Monika Tröster im Interview.

Die Energierechnung steigt, das Leben wird teurer. Einige Menschen stellen ausgerechnet jetzt fest, dass sie gar nicht wissen, wie man richtig spart und vorsorgt. Aber was gehört zur finanziellen Grundbildung dazu? Wie vielen geht es noch so in Deutschland? Wo kann man sich weiterbilden? Antworten dazu liefert in der aktuellen Folge des RP-Podcast „Tonspur Wissen" Monika Tröster, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung - Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen zum Thema „finanzielle Grundbildung" forscht.

Viele Menschen denken in diesen Tagen und Wochen angestrengt über ihr Budget nach. Sie denken darüber nach, wie man am schlauesten spart und was man für die Nebenkosten im nächsten Jahr zurücklegen sollte. Viele stellen dabei fest, dass sie eigentlich viel zu wenig über Sparen oder Vorsorge wissen. Wo muss man beim Thema finanzielle Grundbildung anfangen, wenn man sich weiterbilden möchte?

Monika Tröster Wenn man Haushalten will, ist es wichtig, sich zunächst sein Einkommen anzuschauen. Wie viel Geld habe ich? Wie hoch sind meine Ausgaben? Welche Kosten sind fix und welche sind variabel? Dann muss man die Ausgaben auch immer monatlich und auf das Jahr verteilt sehen. Sich also einen Überblick über die Ausgaben zu verschaffen, ist ganz wichtig. Sein Einkommen sollte man sich dann so einteilen, dass man monatlich entsprechend Geld zur Verfügung hat, um alle anstehenden Kosten bezahlen zu können.

Monika Tröster ist Bildungsreferentin im Deutschen Institut für Erwachsenenbildung. Es gehört zum Leibniz-Zentrum für lebenslanges Lernen.

Monika Tröster ist Bildungsreferentin im Deutschen Institut für Erwachsenenbildung. Es gehört zum Leibniz-Zentrum für lebenslanges Lernen.

Foto: Sandra Seifen

Den meisten Leuten fällt es einigermaßen leicht, sich zumindest einen Monatsüberblick zu verschaffen. Es fehlt also nur der weitere Blick nach vorne?

Tröster Wobei auch das grundsätzlich nicht für alle gilt. Es ist schon eine Herausforderung, einen Überblick zu gewinnen und diesen auch zu behalten. Erst mit einer Jahresplanung weiß man, wie viel überhaupt übrig bleibt. Beim Sparen sollte man sich auch über die Vor- und Nachteile verschiedener Sparmöglichkeiten informieren und entsprechende Beratungsstellen kennen. Dann sollte man sich klar machen, wie man die monatlichen Sparbeiträge zurücklegen möchte: Mit Überweisungen per Dauerauftrag, die klassische Spardose oder doch als Geldanlage? Eine Grundbildung zu erlangen bedeutet, dass man die teils hoch komplexen Informationsmaterialien auch Sinn verstehend lesen kann, um dann Entscheidungen treffen zu können. Zunächst geht es aber darum, eine konkret mögliche, monatliche Sparrate zu berechnen und dabei perspektivisch zu überlegen, wie hoch der Ertrag sein wird. Im Moment sind die Zinsen ja nicht so günstig. Wenn man eine größere Anschaffung zum Ziel hat, sollte man sich auch im Klaren sein, wie lange man dafür sparen muss.

80 Prozent der Erwachsenen und Jugendlichen haben das Gefühl, viel zu wenig über finanzielle Dinge zu wissen. Wo gibt es für diejenigen Hilfe?

Tröster An den Schulen wird das Thema Finanzen leider explizit nicht angeboten. Es gibt zwar Fächer wie Wirtschaft, Sozialwissenschaften und Politik. Wichtige Grundlagen zum täglichen Umgang mit Geld oder gar Handlungsempfehlungen werden dort jedoch nicht vermittelt. Im Unterricht geht es eher darum, strukturelles Wissen über Finanzsysteme zu vermitteln und wie sich diese im europäischen Vergleich darstellen. Aber jemand der gut rechnen kann, muss nicht gleichbedeutend gut mit Geld umgehen können. Es geht also darum, dass man adäquate Lernmaterialien einsetzt. Dazu haben wir in einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt geforscht und ein Curriculum mit flexiblen Modulen entwickelt, zu dem auch das Lernspiel Monetto gehört. Zudem bieten wir Fortbildungen an, um das Personal an den Weiterbildungseinrichtungen zu professionalisieren.

Das klingt eher nach langfristigen Lösungen. Aber was ist, wenn ich jetzt das Gefühl habe, mit solchen Fragen total überfordert zu sein. Würden sie da zu einer Bank oder Verbraucherzentrale gehen? Oder darf man auch bei Ihnen klingeln und um Rat fragen?

Tröster Banken und Sparkassen können eine Anlaufstelle sein. Neutral und objektiv beraten die Verbraucherzentralen. Es gibt auch spezielle Schuldnerberatungsstellen, die bei Problemen durch Überschuldung unterstützen. Nichtsdestotrotz gibt es auch zunehmend Weiterbildungseinrichtungen, die Angebote vorhalten und unsere Materialien dafür nutzen. Natürlich müssen die Angebote möglichst spannend angekündigt werden, damit sie nicht so nüchtern und trocken klingen. Sonst haben man schon gar keine Lust, mit dem Thema überhaupt anzufangen.

Also ein Kurs müsste am besten heißen: „So sorgen sie vor, damit sie im nächsten Jahre ihre Rechnungen bezahlen können.“

Tröster Zum Beispiel. Da ist Kreativität gefordert. Es braucht mehr kurzfristige Angebote wie Wochenend- und Samstagskurse, beispielsweise zu Themen rund ums Taschengeld, die intergenerationell an Familienbildungsstätten oder im Sozialraum angelehnt sind und mit Verbraucher- und Schuldner-Zentralen kooperieren. Man muss die Vermittlung auf mehreren Schultern verteilen, um möglichst viele Menschen zu gewinnen und deren Interesse zu wecken.

Was würden Sie Leuten empfehlen, die mit Fragen wie bei einem Haus- oder Autokauf auf Raten oder per Kredit überfordert sind: Sich lieber vorher an die Verbraucherzentrale wenden und Wissen über Finanzierungsmöglichkeiten langfristig gewinnen oder die Bank anweisen, den dafür benötigten Betrag einfach monatlich auf ein Sonderkonto zu überweisen?

Tröster Das kann man nicht grundsätzlich so entscheiden, sondern ist auch immer persönlich und situativ abhängig. Es ist wichtig, dass die Leute sich vor Entscheidungen möglichst umfassend informieren. Oft ist generell wenig Wissen darüber vorhanden, an wen man sich wenden kann. Manche Banken bieten ja zum Beispiel auch die Möglichkeit eines Jahres- und Budgetplaners für Erwachsene und Jugendliche an. Auch wir haben viele Lehrmaterialien und Erklär-Videos für Lehrende erstellt, die diese dann in ihren Angeboten nutzen können. Einige dieser Materialien dienen durchaus auch dem Selbststudium. Dazu kann ich auch das Spiel empfehlen, welches wir entwickelt haben. Das ganze Projekt unseres Instituts war schon allein deshalb so langwierig, weil umfassend dazu geforscht und Materialien entwickelt werden mussten. Das lief immer partizipativ unter Einbindung von Vertretern aus der Weiter- und Verbraucherbildung sowie aus der Schuldnerberatungen. So konnten wir empirisch erfassen, was es eigentlich alles an Wissen im Umgang mit Geld braucht.

Was gehört denn konkret zur finanziellen Grundbildung? Was braucht man alles?

Tröster Zu den empirisch ermittelten Kompetenzdomänen der finanziellen Grundbildung gehören entlang des Geldflusses sechs Hauptdomäne: Einnahmen, Geld- und Zahlungsverkehr, Ausgaben und Kaufen, Haushalten und Sparen, Geld leihen und Schulden, sowie Vorsorge und Versicherungen. Dazu gibt es noch 23 Subdomänen, welche die Themen noch weiter ausdifferenzieren. In allen Kompetenzdomänen erstrecken sich dann Handlungsanforderungen über die Dimensionen Wissen, Lesen, Schreiben und Rechnen. Versicherungen gehören zum kompliziertesten Bereich. Da muss man immer unterscheiden, was gesetzliche und was private Leistungen bzw. Möglichkeiten sind. Bei der Altersvorsorge zum Beispiel sollte man die entsprechenden Fördermöglichkeiten und Beratungsstellen kennen. Zudem muss man bei Versicherungen zwischen den notwendigen Pflichtversicherungen und den bloß empfehlenswerten unterscheiden. Was ist überflüssig? Eine Kfz-, Haftpflicht- oder Hausratsversicherung ist wichtiger als eine Handyversicherung.

In Schweden muss jeder privat fürs Alter vorsorgen, dazu gibt es einen staatlich organisierten Fonds für alle. Nur wer es besser weiß, geht seinen eigenen Weg. Wäre so eine Art Automatismus mit standardisierten Antworten und Produkten für diejenigen vernünftig, die sonst damit nicht zurechtkommen?

Tröster Es stimmt, dass das System in den nordischen Ländern anders funktioniert. Teilweise gibt es angepasste und vereinfachte Modelle. Soweit ich weiß, ist aber auch da immer Unterstützung flankierend dabei. Das empfinde ich als wichtigen Punkt und passiert auch hier schon in Ansätzen, indem die Beschreibungen diverser Angebote in einfacher Sprache angeboten werden.

Man könnte ja statt der Beschreibung auch schlicht die Angebotswahl vereinfachen.

Tröster Das ist letzten Endes die hohe Kunst, die verschiedenen Ebenen zu bedenken und thematisch herunterzubrechen, aber gleichzeitig alle wichtigen Inhalte zu transportieren. Wir haben unsere Materialien von der Verbraucherberatung dementsprechend prüfen lassen. Aktuell läuft bei uns ein Projekt mit einer Sprachsuchmaschine, bei der geschaut wird, auf welchem Alpha-Level unsere Materialien sind. Die Materialien werden dann angepasst. Aber einige Spezialbegriffe muss man immer beibehalten. Das kann man nicht verhindern.

Um es zusammenzufassen: Finanzielle Grundbildung ist sehr komplex, wenn man schnelle Erfolge haben will. Es gibt zum einen die Möglichkeiten, beim Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE) nachzuschauen. Zum anderen kann man auch bei der Verbraucherzentrale und bei einer Bank Informationen bekommen. Zu guter Letzt noch der Rat, nach Erklärungen in leichter Sprache zu suchen. Das sind drei sehr wichtige Ratschläge. Trotzdem bleibt die Frage, warum finanzielle Grundbildung als Thema an Schulen noch immer so vernachlässigt wird?

Tröster Es ist zumindest seitens der EU, der OECD oder von der Pisa-Studie in den vergangenen Jahren als „Essential Life Skill“ bezeichnet und stärker in den Blick genommen worden. Auch die erwähnte Leo-Studie hat explizit die Bedeutung finanzieller Praktiken und Grundbildung herausgestellt. Derzeit wird auf EU-Ebene an einem Curriculum für Schulen zum Thema ökonomische Bildung gearbeitet, an dem wir auch beratend beteiligt sind. In Deutschland haben wir aber leider die Besonderheit, dass einige Dinge eben nur langwierig umgesetzt werden. Wir haben die Schule und den Bereich der Erwachsenenbildung, beides dazu noch auf Bund- und Länderebene. Zwischendrin tummeln sich noch Interessengemeinschaften z.B. von Seiten der Banken oder von Ökonomen. Es fehlt an Durchlässigkeit in der Kommunikation. Das bemerken wir, weil wir aufgrund unserer nationalen und internationalen Arbeit an der Schnittstelle von Wissenschaft, Praxis und Politik handeln. Grundsätzlich zeigen unsere Erkenntnisse, dass Angebote oder Materialien dann erfolgreich sind, wenn sie einen starken Lebenswelt- und Alltagsbezug haben. Sie müssen zudem möglichst kontextgebunden, dabei gleichzeitig variabel und vielseitig kombinierbar sein.

Lernmaterialien müssen also zugänglich sein, sich an den Alltag orientieren und für alle möglichen Lebenssituationen anwendbar sein. Erst dann kann es funktionieren, dass sich mehr Menschen diesen wichtigen Fragen widmen und auch Freude an der Weiterbildung finden. Vielen Dank für das Gespräch!

Mehr Informationen zum Thema finden Sie hier.

Protokolliert und zur besseren lesbarkeit leicht angepasst, von Christopher Trinks.

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