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Wissenschaftler zum Thema Fake News : „Telegram entzieht sich den Regulierungs-Versuchen“

Diese Woche in unserem Podcast „Tonspur Wissen“: Wie schlimm sind falsche Nachrichten im Netz – und was machen sie mit uns? Antworten von Jan Hinrik Schmidt, Experte für digitale interaktive Medien und politische Kommunikation.

Lügen, schummeln, manipulieren. Wer sich ausschließlich in seinen bevorzugten Social-Media-Netzwerken informiert, kriegt wahrscheinlich am Ende nicht mal mehr die halbe Wahrheit zusammen. Lügner nutzen das Internet, um ihre Version des Kriegs in der Ukraine zu verbreiten. Die verfeindeten Regierungen verbreiten Unwahrheiten, um ihre Gegner zu verwirren, die Leute einzuschüchtern, oder Hass auf Flüchtende zu schüren.

Was ist wahr, was ist gelogen? Wie unterscheidet man das? Fragen dazu an Jan Hinrik Schmidt. Er ist Experte für interaktive soziale Medien und politische Beratung am Leibniz-Institut für Medienforschung, dem Hans Bredow-Institut in Hamburg.

Wenn wir Nachrichten aus der Ukraine hören, dann fragen wir uns: Was ist richtig, was ist falsch? Was können wir denn noch glauben und was nicht?

Jan Hinrik Schmidt Das ist in der heutigen Zeit eine Frage, die uns ständig begleitet, in Kriegszeiten ganz besonders. Denn in Kriegszeiten haben die Parteien ja immer ein elementares Interesse daran, ihre Sicht auf den Konflikt und auf die Welt durchzudrücken. Und genau das können wir derzeit leider mustergültig beobachten: Die Ukraine und Russland ringen um die Deutungshoheit für die Sicht auf diesen Konflikt. Wenn die Situation nicht so tragisch und mit so viel Leid verbunden wäre, würde ich als Kommunikationswissenschaftler sagen: eine ungemein spannende Zeit!

Heißt das, man sollte als Nachrichten-Konsument besser gar nichts mehr glauben?

Schmidt Nein, das wäre zynisch. Man darf ganz grundsätzlich alles glauben. Die Frage ist nur, ob man alles glauben sollte. Da ist zur Zeit sicherlich Skepsis angebracht, besonders wenn man sich in dem weiten Feld der sozialen Medien bewegt, in denen wir Informationen ja häufig als vermeintliche Augenzeugenberichte präsentiert bekommen. Ich würde als Faustregel sagen: Im Moment ist es wichtiger denn je, dass man sich nicht nur, aber auch aus professionellen, journalistisch betriebenen Medien informiert. Um möglichst sicher zu gehen, dass man Informationen bekommt, die auf ihre Wahrhaftigkeit geprüft wurden.

Aber auch Journalisten können im Moment nicht immer wissen, was die richtige und was die falsche Nachricht, was Wahrheit und was Lüge ist.

Schmidt Ja, das Problem gibt es sicher. Gute Journalistinnen und Journalisten legen das aber offen. Sie geben an, wenn sie eine Quelle nicht verifizieren konnten. Professionelle Journalistinnen und Journalisten haben auch andere Möglichkeiten, sich zu vergewissern. Das ist Teil ihres Berufs. Sie haben gelernt, zu recherchieren und Informationen zu prüfen, auch solche, die digital kursieren. Sie verfügen über ganze Netzwerke an Quellen, mit deren Unterstützung sie die Authentizität von Informationen bestätigen können.

  • Podcast Tonspur Wissen : Endlich die Nachrichten verstehen - jede Woche neu

Dabei ist professionellen Journalisten schon vor dem Ukraine-Krieg immer wieder vorgeworfen worden, sie hätten einen verengten Blick auf die Welt. Ist dieser Vorwurf falsch?

Schmidt Nein, der ist nicht falsch. Er wirft aber meiner Ansicht nach zwei Dinge zusammen, die man trennen sollte. Das eine ist der Umstand, dass Journalismus immer selektiv ist. Auch ein Journalist kann nicht alle Themen aus allen Blickwinkeln mit alle Meinungen abbilden. Journalismus muss also selektieren. Er muss Themen der Berichterstattung auswählen. Er muss entscheiden, aus welchem Blickwinkel bestimmte Themen aufgegriffen werden, welche Personen zu Wort kommen, welche Bilder gezeigt werden und welche nicht. Insofern stimmt es, dass Journalismus immer nur einen Ausschnitt der Realität zeigt. Und insofern ist ein solcher Vorwurf erst mal gerechtfertigt.

Aber?

Schmidt Wenn in dem Vorwurf mitschwingt, dass Journalismus uns, die Bevölkerung, dadurch systematisch täuschen, belügen oder manipulieren möchte, dann würde ich das für den ganz überwiegenden Teil des deutschen Journalismus zurückweisen. Es gehört ja auch zum Ethos, als Redaktion einen Fehler zu korrigieren. Also nicht so zu tun, als sei man im Besitz der allgemeingültigen Wahrheit. Letzteres findet man interessanterweise eher bei alternativen Medien, die vorgeben, sie würden den anderen Teil der Geschichte erzählen. Oder genau das erzählen, worüber Journalisten nicht berichten. Und auf diesem Wege häufig auch Desinformationen verbreiten. Das kommt sehr viel eingeengter und absoluter daher.

In dieser Hinsicht war Corona interessant. Zu Beginn der Pandemie haben sich die Menschen den journalistisch-publizistischen Medien noch sehr stark zugewendet.

Schmidt Ja, vor zwei Jahren gab es eine Situation der extremen Unsicherheit, das Bedürfnis nach verlässlichen Informationen war groß. In Studien, die in den darauf folgenden Monaten erschienen sind, konnte man auch sehen, dass das Vertrauen in die Medien wieder gestiegen ist. Auch in die öffentlich-rechtlichen Medien, die ja die Mehrheit der deutsche Bevölkerung immer noch als vertrauenswürdige Quellen ansieht. Zugleich haben wir während der Pandemie aber auch erlebt, dass das Misstrauen gegenüber der sogenannten Mainstream-Presse bei einem Teil der Bevölkerung sogar noch verstärkt wurde. Und diese Gruppe sucht dann in den digitalen, speziell in den sozialen Medien, nach Alternativen, die vorgeben, den anderen Teil der Realität abzubilden – und sie werden auch fündig. Da hat also eine Spaltung stattgefunden.

Findet diese Spaltung unabhängig von Themen wie Migration, Corona oder der Ukraine-Krise statt?

Schmidt Ja und nein. Wenn wir uns die Verteilung im Hinblick auf die Corona-Pandemie und die Maßnahmen anschauen, stellen wir fest, dass es einen kleineren Teil der Bevölkerung gibt, der sehr kritisch ist. Menschen, die sich über alternative Medien informieren und die dann vielleicht auch auf Demonstrationen oder „Spaziergänge“ gehen. Es ist aber nicht gesagt, dass sich diese Gruppe auch bei einem anderen Thema wie der Klimakrise genau so positionieren würde. Aber – und das ist jetzt eine Prognose, die noch empirisch untersucht werden muss – ein gewisser Teil wird natürlich auch in ihrer ablehnenden und misstrauischen Haltung gegenüber dem Journalismus und staatlich etablierten Institutionen verharren. Und sich dann auch bei Themen wie der Klimakrise eher wie die Kritiker, wie die Querdenker positionieren.

Die Mediennutzung wäre in diesem Fall also nur der Ausdruck für eine sehr distanzierte Haltung gegenüber Politik, Staat und auch der Demokratie, wie wir sie in Deutschland praktizieren?

Schmidt Na ja, die Mediennutzung ist nicht nur die Folge einer bestimmten Weltsicht, sondern verstärkt diese Weltsicht auch. Filterblasen oder Echokammern sind Metaphern, die wir für dieses Phänomen nutzen. Dort finden die Menschen auch Gleichgesinnte. Und das kann wieder zu einer Verstärkung des eigenen Weltbildes führen.

Aber das betrifft doch nicht nur die sozialen Medien. Auch wenn ich eine bestimmte Zeitung lese oder einen bestimmten Radio-Sender höre, drücke ich damit aus, wer ich bin.

Schmidt Ja, das ist richtig, auch in den 1970er und 1980er Jahren wurden unterschiedliche Weltsichten in den Medien widergespiegelt. Die einen haben die Taz gelesen und die andern die Frankfurter Allgemeine. Aber durch die sozialen Medien ist das Angebot an Alternativen noch größer geworden. Und auch wenn man etablierte publizistische Medien einem bestimmten politischen Spektrum zuordnen kann, findet man in einer Tageszeitung oder in einer Nachrichtensendung trotzdem ein relativ breites Spektrum an Themen. Im Netz hingegen ist es möglich, dass man sich ausschließlich auf ganz speziell zugeschnittenen Angeboten bewegt. Hinzu kommt, dass mir im Netz Informationen aufs Radar gespült werden, die ich gar nicht aktiv gesucht habe. Über Empfehlungen aus meinem Kontaktkreis zum Beispiel, aber auch durch Algorithmen. Empfehlungen, die darauf beruhen, was eine entsprechende Plattform über mich weiß, was ich mir in der Vergangenheit für Informationen angeschaut habe und was ich geliked habe. In Extremfällen sind Menschen dann nur noch in verschwörungstheoretischen Weltbildern gefangen.

Warum kann man die Sozialen Medien nicht darauf verpflichten, sich an Gesetze wie das Verbot von Volksverhetzung zu halten?

Schmidt In Deutschland git seit einigen Jahren das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, das die Betreiber von großen Plattformen anhält, strikter durchzugreifen. Aber das ist eine sehr delikate Gratwanderung. Es ist total verständlich, dass wir zum Beispiel volksverhetzende Inhalte auf solchen Plattformen nicht sehen wollen. Aber es gibt eine Grenze und diesseits der Grenze sind Informationen, die von der Meinungsfreiheit gedeckt sind. Zu entscheiden, welche Informationen diese Grenze überschreiten und strafbar sind und welche nicht, ist gar nicht so einfach. Hier müssen wir also abwägen: zwischen dem Wunsch und dem Interesse als Bevölkerung, vor solchen Inhalten geschützt zu werden – und gleichzeitig dem Recht auf Meinungsfreiheit und auch dem Recht, sich über Inhalte zu informieren, die möglicherweise strittig, aber immer noch akzeptabel sind. Es ist heikel, diese Entscheidung über die Rechtmäßigkeit oder die Strafbarkeit von bestimmten Inhalten ausschließlich privatwirtschaftlichen Unternehmen zuzuschreiben. Vor allem, wenn ich als Nutzerin oder als Nutzer gar keine Möglichkeit habe, mich dagegen zu wehren.

Welche Plattform ist die Schlimmste, welche die Beste in Bezug auf Wahrhaftigkeit und weniger Hassrede?

Schmidt Das ist schwierig, weil Sie mich quasi fragen: Was ist schlimmer, Papier oder Schallwellen? Im Moment ist Telegram eine der Plattformen, die sich den Regulierungs-Versuchen entzieht. Die Betreiber sagen: Wir vermitteln doch nur den Kontakt zwischen einzelnen Menschen, wir schaffen keine Öffentlichkeit. Aber wenn in einer Telegram-Gruppe 10.000 Menschen sind, dann ist das natürlich eine Form der Öffentlichkeit. Nun sehen wir aber gerade auch im Ukraine-Konflikt, dass Telegram für Russinnen und Russen, die kritisch gegenüber Putin sind, ganz wichtig ist, um sich auszutauschen. Dass heißt also, soziale Medien, die wir hier kritisch sehen, sind in anderen Ländern möglicherweise wichtige Alternativ-Medien, um die staatlich kontrollierte Presse zu umgehen. Das zeigt, dass soziale Medien nicht per so böse oder gut sind, sondern es ganz von dem Nutzungskontext abhängt.

Inwiefern unterscheidet es sich von Zensur, russische Medien wie RT oder Sputnik von der Verbreitung in Deutschland auszuschließen?

Schmidt Das ist ein sehr gutes Beispiel, weil es genau zeigt, wo die Unschärfen und die Schwierigkeiten beginnen. Aus meiner Sicht ist der Unterschied, dass auch Russia Today und Sputnik keine freien und unabhängigen Medien sind. Das sind Staatsmedien, die die russischen Regierung betreibt und finanziert. Insofern würde ich diese Medienangebote anders bewerten als zum Beispiel die Deutsche Welle, die ja als Gegenmaßnahme auf die Nichtzulassung von Russia Today in Russland gesperrt wurde. Es handelt sich also um zwei unterschiedliche Medienangebote. Das eine ist ein freies publizistisches Angebot, das andere ist ein Staatssender.

Aber können das die Nutzer nicht selbst unterscheiden?

Schmidt Bei Russia Today hatte ich den Eindruck, dass hier auch die generelle Sanktionsstrategie gegenüber Russland eine Rolle gespielt hat. Beziehungsweise, dass sich die ganz offensichtliche Propaganda und Desinformation in Bezug auf den Krieg hier nicht weiter verbreiten sollte. Insgesamt wäre es mir natürlich lieber, wenn wir dafür keine Verbote benötigten, sondern die Nutzerinnen und Nutzer das selber durchschauen. Weil es ja auch zu der individuellen Freiheit gehört, dass ich selber entscheide, aus welchen Quellen ich mich informieren möchte. Das hat viel mit dem Wissen über diese Angeboten zu tun. Da kommt man mit Gesetzen irgendwann nicht mehr weiter. Das ist Medienkompetenz.

Die Fragen stellte Ursula Weidenfeld. Protokolliert von Alexandra Eul.

Tonspur Wissen - endlich die Nachrichten verstehen!

Wie tickt Wladimir Putin? Wie verhindern wir künftig Pandemien? Was macht Instagram mit der Psyche? Und woher kommt die hohe Inflation? Im Podcast Tonspur Wissen spricht die Besteller-Autorin Ursula Weidenfeld mit Forscherinnen und Forschern aus ganz Deutschland über das, was gerade die Welt bewegt. Unser Versprechen: Mit Tonspur Wissen verstehen Sie mehr - und es wird Ihnen niemals langweilig.

Tonspur Wissen ist eine Gemeinschaftsproduktion der Rheinischen Post und der Leibniz-Gemeinschaft.

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