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Nonbinary und trans*: Marcel-Jana Urban aus Köln berichtet

Marcel-Jana ist nonbinär : „Ich freue mich, wenn Menschen mich fragen, welches Pronomen ich bevorzuge“

Mal Rock, mal Hose, mal Nagellack, mal keiner: Marcel-Jana Urban legt sich da nicht fest. Muss sie*er auch gar nicht. Im Protokoll berichtet MaJa, wie es ist, sich weder als Mann noch als Frau zu identifizieren.

25 Jahre alt ist Marcel-Jana, studiert in Köln, macht Filme und Fotos. Anschauen kann man die unter anderem auf Instagram. Dort sieht man einen schlanken jungen Menschen, der fröhlich wirkt und das Leben genießt. Auch wenn das als nonbinäre trans* Person im Deutschland des Jahres 2021 immer noch nicht ganz einfach ist.

Es gibt nicht den einen Tag, an dem ich gemerkt habe, dass ich nonbinär bin. Aber dass die Kategorien “Mann” und “Frau” beide nicht auf mich passen - das war eigentlich schon immer irgendwie so. Auch wenn man sich als Kind natürlich nicht so aktiv mit der eigenen Rolle auseinandersetzt. Ich weiß noch, im Kindergarten habe ich mal mit einem Filzstift meine Fingernägel bunt angemalt. Das war weder weiblich noch männlich für mich, ich hatte da einfach Bock drauf. Dann kam eine Kindergärtnerin und meinte: Das darfst du nicht. Das dürfen nur Mädchen. Später im Karneval hatte ich ein Kostüm, zu dem nach Meinung meiner Eltern ein Bart gehörte. Das war für mich der Horror! Als ich gesagt habe, dass ich das nicht möchte, war das aber auch in Ordnung.

In der Pubertät wurde es dann deutlich: Ich war eine der ersten Personen in meiner Klasse mit Bartwuchs. Das war schrecklich, so unangenehm! Ich wollte diese Haare nicht. Ich wollte aber auch nicht meine Eltern fragen, wie ich die Haare entferne. Ich wollte darüber überhaupt nicht sprechen. Aktuell lasse ich mich mit Laser behandeln, um den Bart loszuwerden. Ohne mich zu rasieren, verlasse ich nie das Haus.

Irgendwann habe ich von trans* Männern und trans* Frauen gehört - aber das passte auch nicht so richtig auf mich. Erst vor drei Jahren habe ich den Begriff “nonbinary” kennengelernt. Als ich online eine Reportage über eine Person, die sich nonbinär identifiziert, gesehen habe, habe ich gedacht: Krass! Das, was diese Person erzählt, das ist das, was ich seit Jahren fühle und nie beschreiben konnte. Kurz danach habe ich begonnen, meinen neuen Namen zu verwenden und mich dann als nichtbinär geoutet.

Meinen Namen und meinen Geschlechtseintrag offiziell zu ändern, war ein langer, komplizierter und teils entwürdigender Prozess. Zuerst war gar nicht klar, wie das überhaupt rechtlich geht, wenn man nonbinär, aber nicht intergeschlechtlich ist - sprich, körperlich eindeutige Geschlechtsmerkmale hat, aber sich sozial anders identifiziert. Ich hatte ein Attest von meinem Hausarzt, dass ich trans* bin. Aber auf dem Standesamt wurde das - wie ich schon erwartet hatte - nicht ohne weiteres anerkannt. Daraufhin gab es einen Prozess vor dem Amtsgericht. Ich musste mich begutachten lassen. Das erste Gutachten war noch okay. Das zweite war der Horror. Es ging um Sexualpraktiken. Mein Aussehen wurde beurteilt. Es war nicht sinnvoll, es war Schikane. Und es war sehr teuer. Zum Glück ist der Prozess nun abgeschlossen und ich heiße offiziell Marcel-Jana. Oder kurz MaJa.

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Wir brauchen endlich ein Selbstbestimmungsgesetz, das es nonbinären und trans*Personen ermöglicht, ihren Namen und Geschlechtseintrag schnell und einfach ändern zu können. Ich hoffe sehr, dass die kommende Bundesregierung das anpackt. Das aktuell geltende Transsexuellengesetz enthält Bestimmungen, die vom Bundesverfassungsgericht als verfassungswidrig abgelehnt wurden. Und trotzdem hat die Politik es nicht geschafft, das Gesetz zu novellieren.

In der deutschen Sprache gibt es kein allgemein bekanntes Pronomen für Menschen wie mich. Ich würde mir wünschen, dass sich das ändert. So lange ist es okay für mich, als “sie” bezeichnet zu werden. Ich freue mich, wenn Menschen mich fragen, welches Pronomen ich bevorzuge. Und je mehr Menschen - ob nonbinär oder nicht - das ganz selbstverständlich bei der Vorstellung sagen oder in ihre Social-Media-Profile schreiben, desto besser! Schön wäre es, wenn Briefe an mich nicht mit “Herr/Frau” anfangen würden, sondern zum Beispiel einfach mit “Sehr geehrte*r Marcel-Jana” und dann der Nachname. Und es wäre auch schön, wenn es mehr Unisex-Toiletten gäbe. Egal, für welche Tür ich mich sonst entscheide - es fühlt sich falsch an und ich werde oft komisch angeguckt. In meiner Hochschule gibt es Toiletten für alle. Das ist wahnsinnig entspannt!

Ich glaube, dass ich manchmal freier bin als andere Menschen. Wenn ich Kleidung kaufe, ist es mir egal, aus welcher Abteilung es kommt. Das Stück Stoff hat kein Geschlecht. Manche Menschen engen sich ein - ich kann sagen: Ist mir egal. Ich mag Nagellack, ich mag Schminke. Nicht, um weiblicher auszusehen, sondern weil mir das gefällt. Mein Freundeskreis besteht aus Menschen, die ich mag. Geschlecht und Orientierung sind egal. Beim Dating wäre mir wichtig, dass die andere Person mich so nimmt, wie ich bin. Ich möchte beispielsweise nicht von einem schwulen Mann oder von einer Hetero-Frau als Mann wahrgenommen werden. Natürlich macht es das etwas komplizierter. Vielleicht wäre es cool, wenn die andere Person bi- oder pansexuell wäre, also auf Männer und Frauen oder alle Geschlechter steht.

Ich bin Feminist*in. Queer und Feminismus gehört für mich zusammen. Gleichberechtigung, sei es in der Sprache, bei der Arbeit oder in den Medien, ist mir als Filmstudent*in und Filmemacher*in sehr wichtig. Auch Frauen sollten gleichberechtigt dargestellt werden, nicht nur als Anhängsel.

Es ist manchmal kein Spaß, trans* zu sein. Ich habe mir das nicht ausgesucht, ständig komisch angeschaut zu werden. Aber nicht ich bin das Problem, sondern die Personen, die mich diskriminieren. Ich fühle mich so wohl, wie ich bin. Ich wollte gar nicht anders sein. Das ist mein Leben. Ich bin stolz darauf.

Aufgezeichnet von Helene Pawlitzki.