Kurienbischof Josef Clemens: "Zu wenige Menschen engagieren sich"

Kurienbischof Josef Clemens: "Zu wenige Menschen engagieren sich"

Der einstige Mitarbeiter Joseph Ratzingers fordert: "Wir brauchen eine Generalmobilmachung in Schulen und Kindergärten".

Eucharistischer Kongress in Köln, katholischer Weltjugendtag demnächst in Rio. Sind das bloß Events im reich bestückten Belustigungs- und Erbauungskalender? Entwickeln sich so bei jungen Menschen Schubkräfte des Christentums?

Clemens Bezogen auf die Weltjugendtage kann man ohne Übertreibung sagen, dass sie in mehrfacher Hinsicht bleibende Wirkungen erzeugt haben und erzeugen.

Welche?

Clemens Ich höre bis heute immer wieder weltweit von Jugendlichen, die mir begeistert von ihren Glaubenserfahrungen etwa bei den Weltjugendtagen 1997 in Paris oder 2005 in Köln erzählen. So haben wir während der Vorbereitungen auf die Weltjugendtage in Sydney 2008 und Madrid 2011 gerade über Köln 2005 immer wieder ein positives Echo empfangen.

Was genau war da prägend?

Clemens Neben den großen Veranstaltungen mit dem Papst Benedikt XVI. vor allem die so herzliche Aufnahme in den gastgebenden rheinischen Familien und Institutionen. Zudem waren viele Jugendliche angetan vom unkomplizierten Dialog mit den Bischöfen und vom unbefangenen Glaubenszeugnis ihrer Altersgenossen.

Neulich hörte ich jemanden sagen: "Ich kann nicht mehr glauben." Wie bringt man einem Fernstehenden den Glauben nahe?

Clemens Solche Zeiten des Zweifelns kommen im Leben eines jeden Gläubigen vor, sie vergehen aber auch wieder. Daher sind in schwierigen Glaubensphasen positive Erfahrungen, die man zum Beispiel bei einem kirchlichen Ereignis, überhaupt mit der Kirche gemacht hat, sehr wichtig und hilfreich. Zu wenig Menschen erleben positive Menschen in der Kirche, die frohen Mutes ihren Glauben leben und bezeugen. Vor allem junge Leute identifizieren kirchliche Amtsträger zu oft als solche mit erhobenem Zeigefinger.

Bischof Heiner Koch sagte einmal, viel wichtiger als eine noch so tolle Predigt sei die Erfahrung christlicher Caritas. Richtig?

Clemens Absolut. Deshalb engagieren wir uns hier in Rom und engagiere ich mich so für die Weltjugendtage. Wir sind davon überzeugt, dass eine gute, selbstlose Tat, ein gutes Vorbild nicht verloren gehen, und zwar in keinem Menschenleben.

Gibt es in der Kirche zu viel Klerikales und zu wenig Laien-Engagement, wie der bekannte Buchautor Manfred Lütz es meint?

Clemens Ich bin für mehr Laien-Engagement, aber man muss da schon konkret werden. Wie soll das genau aussehen?

Indem die Kirche endlich Frauen Diakoninnen sein lässt?

Clemens Für mich ist Laien-Engagement nicht identisch mit Vergabe von Ämtern in der Kirche. Die Ämterfrage ist ein Sonderproblem, sie wird vielfach auf ein Ja oder Nein zugespitzt.

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Aber ein Schritt hin zum Frauen-Diakonat würde der Weltkirche gut zu Gesicht stehen.

Clemens Ich wünsche mir, dass jeder Getaufte, ob Mann oder Frau, jung oder alt, aus seiner Taufe etwas macht; und dass er zutiefst versteht, was es heißt, getauft zu sein. Auch die Kirche in Deutschland muss sich, bevor sie sich von einem Kindergarten oder einer Schule trennt, fragen, ob sie die Einrichtungen mit ihren vielen Mitarbeitern ausreichend nutzt, um ein christliches Engagement zu forcieren. Wir brauchen eine Generalmobilmachung all der Möglichkeiten, die katholische Pfarreien, Schulen und Kindergärten in sich tragen. Der Priester kann das nicht allein, er braucht viel mehr Laien, die mitziehen. Auch Ältere. Es scheint so, als ob gerade diese zu wenig angesprochen werden, sich kirchlich zu engagieren.

Ist, salopp formuliert, in Deutschland generell zu wenig Leben in der christlichen Bude?

Clemens Ja. Es gibt zu wenige Menschen, die sich engagieren. Vielleicht ist der neue Papst, der "vom Ende der Welt" kommt, ein wirksamer Anstoß. Franziskus geht in seiner bisherigen Amtsführung wirklich zu den Menschen hinaus. Das wird seine Wirkung nicht verfehlen. Heute morgen um sechs standen schon wieder Abertausende am Petersplatz und warteten auf Einlass, um an der Generalaudienz teilzunehmen. Das ist nicht ganz zufällig.

Sie meinen, es bleibt etwas hängen von Rom-Besuchen? Eine Art Glaubens-Injektion vielleicht?

Clemens Ja. Eine Romreise ist etwas anderes als eine Tour nach London oder Paris. Eine Reise nach Rom ist etwas Besonderes, der religiöse Aspekt gehört einfach dazu. In dieser Stadt erlebt man Menschen aus aller Welt, vor allem auch junge Leute, die ein gänzlich ungezwungenes Verhältnis zu ihrem Glauben haben. Das steckt an.

Sie waren 19 Jahre lang an der Seite des brillanten Theologen Ratzinger, der mittlerweile emeritierter Papst ist. Vergleichen Sie bitte Ratzinger/Benedikt mit Franziskus. Ist Franziskus mit seiner phänomenalen Nahbarkeit der bessere Menschenfischer?

Clemens Für eine Bilanz ist es zu früh. Benedikt XVI. hat seine besonderen Talente, und Papst Franziskus hat ebenso seine starken Seiten. Aber so viel lässt sich bereits sagen: Franziskus benutzt griffige Bilder, spricht relativ kurze und leicht verständliche Sätze. Da springt der Funke vielleicht leichter über.

Und er bleibt weiter in Zimmer 201 des vatikanischen Gästehauses wohnen und zieht nicht ins päpstliche Appartamento?

Clemens Ich kann das gut verstehen vor dem Hintergrund seines bisherigen Lebensstils und seelsorgerischen Einsatzes. Franziskus will keine völlig andere Lebensform wählen, die er hoch oben im Apostolischen Palast führen müsste.

Stichwort Lebensstil: Mich verblüfft jedes Mal, wenn ich deutsche Bischöfe in großvolumigen Premium-Modellen heranrollen sehe. Man glaubt, man weile unter EU-Kommissaren und Ministern.

Clemens Ich vermute, dass der neue Papst auch diese Phänomene im Blick hat.

REINHOLD MICHELS FÜHRTE DAS INTERVIEW.

(RP/gre)
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