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Serie Geheimnisvolle Orte (15): Xanten, verteidigt fast bis zur Vernichtung

Serie Geheimnisvolle Orte (15) : Xanten, verteidigt fast bis zur Vernichtung

Im März 1945 leisten deutsche Fallschirmjäger in der Domstadt fanatischen Widerstand. Am Ende ist die Stadt zu 85 Prozent zerstört.

XANTEN Das Verhängnis der Xantener sind nicht die Alliierten. Ihr Verhängnis ist Alfred Schlemm. Der General der Fallschirmtruppe, 50 Jahre alt, Ritterkreuzträger, ist geübt im bedenkenlosen Befolgen sinnloser und mörderischer Befehle. Das Ritterkreuz hat er im Sommer 1944 für seine Leistungen bei der ebenso verlustreichen wie vergeblichen Verteidigung von Anzio in der Nähe von Rom gegen die alliierte Landung im Rücken der deutschen Front erhalten.

Im März 1945 stehen die Reste der deutschen 1. Fallschirm-Armee unter seinem Kommando. Und wieder verteidigt er, diesmal bei Xanten, einen Brückenkopf, der nicht zu halten ist. Nach der Schlacht um den Reichswald und den Brückenkopf des Rheinübergangs bei Xanten ist die Stadt zu 85 Prozent zerstört. 22 000 deutsche und 18 000 alliierte Soldaten sind gefallen. Als die Alliierten im Februar 1945 mit mehr als 500 000 Soldaten von den Niederlanden aus zum Angriff auf den Niederrhein ansetzen, bekommt die Bevölkerung in Westdeutschland die ganze Rücksichtslosigkeit der eigenen Wehrmacht zu spüren.

In Weeze sprengt die Wehrmacht den Kirchturm und etliche Straßenkreuzungen. In Kevelaer vergessen die deutschen Soldaten lediglich, den Turm der Basilika und den Wasserturm in die Luft zu jagen. Fanatisch kämpfen Schlemms Fallschirmjäger zwischen Weeze und Uedem zehn Tage lang um nichts. Gerüchte machen die Runde. Die Wehrmacht wolle die Dörfer und Städte in diesem Gebiet als potenzielle Widerstandsnester vernichten. Die Zerstörungen sind dort am größten, wo Schlemms Armee den größten Widerstand leistet. Kevelaer, am 3. März von den deutschen Fallschirmjägern ebenso kampflos geräumt wie Sonsbeck am 6. März, bleibt weitgehend verschont.

Xanten jedoch zieht einen Angriff nach dem nächsten auf sich. "Die größte Gefahr für Stadt und Bevölkerung sollte nicht von den herannahenden Alliierten, sondern von der Deutschen Wehrmacht ausgehen, denn Anfang Februar 1945 hielt sich dort niemand mehr an internationale Abkommen zum Schutz von Kulturdenkmälern", schreibt der Historiker Ralph Trost in seiner Doktorarbeit über den Nationalsozialismus, den Krieg und das Kriegsende in Xanten.

Schlemm hat für die alliierte Kampfweise wenig übrig. Er sieht in ihr eine "allzu ängstliche Rücksichtnahme auf örtliche Verluste". Gegen den Widerstand des Domprobstes richtet Schlemm auf dem Nordturm des Xantener Doms einen Beobachtungsposten ein – der prompt zum Angriffsziel alliierter Jagdbomber wird; der Nordturm stürzt ein, der Domkonservator kommt in den Trümmern um, ein im Dom betendes Rentnerpaar wird von Trümmern erschlagen. Allein bei dem Angriff vom 10. Februar kommen fast 60 Xantener ums Leben. Die Überlebenden sind offenbar wenig geneigt, sich als "Volkssturm" zusammen mit Schlemms fanatisierten Fallschirmjägern umbringen zu lassen; es kommt kein kampffähiges "letztes Aufgebot" zustande.

Der General der Fallschirmtruppe beschwert sich am 1. März in Berlin über "die zum großen Teil zweifelhafte Haltung der Zivilbevölkerung, die oft nur den einen Wunsch hat, dass der Krieg schnell über sie hinweggehen möchte". Seit Anfang Februar befindet sich Schlemms Gefechtsstand auf einem Bauernhof in Wardt bei Xanten. Hinter einer schmalen Frontlinie sind die Reste von vier deutschen Heeresgruppen versammelt. Schlemm hat Befehl, den Brückenkopf zu halten – Hitler fantasiert, er könne von dort aus zur Rückeroberung des Niederrheins ansetzen. Im Laufe des Monats machen sich Xantens NSDAP-Bonzen davon. Bürgermeister Karl Friedrich Schöneborn, ehemals Dekorationsmaler und Werksschullehrer, darf mit nahezu der kompletten Stadtverwaltung (und ihren Akten aus den Jahren von 1933 bis 1945) am 1. März Xanten endgültig verlassen und kommt schließlich im westfälischen Herzebrock unter.

Am 8. März beginnt der Bodenangriff auf Xanten. Einheiten der 1. Kanadischen Armee und eine britische Brigade rücken morgens um 7 Uhr auf die Stadt vor. Die Kanadier tragen seit Wochen die Hauptlast des Angriffs auf den Niederrhein. Zusammen mit den Briten sollten sie eigentlich der nördliche Arm einer Zangenbewegung sein, doch auf dem südlichen Arm bleiben die Amerikaner lange im Morast stecken. In einzelnen Truppenteilen der kanadischen Divisionen fallen mehr als die Hälfte der Soldaten. Bei Uedem gehen in der größten Panzerschlacht, in die kanadische Truppen je verwickelt waren, fast 70 Panzer verloren.

Schlemm ist aus rein militärischen Erwägungen nicht daran gelegen, Xanten länger als nötig zu halten. Es existiert immer noch eine Eisenbahnbrücke über den Rhein, über die sich die Reste seiner Truppe zurückziehen und auf dem Ost-ufer die "Verteidigung" des Reichs fortsetzen können. Das Führerhauptquartier schickt einen Offizier zur Begutachtung, der schließlich Schlemms Absetzpläne befürwortet – die Fallschirmjäger dürfen den Brückenkopf im letzten Moment schließlich räumen.

Aber bis dahin liefern sie sich in der zerstörten Stadt mit den kanadischen Truppen einen Kampf um jede Ruine. Allein bei der Einnahme Xantens sterben 400 kanadische Soldaten. Als Schlemm sich am 10. März mit den Resten seiner Armee über den Rhein nach Wesel zurückzieht und die letzte Brücke hinter sich sprengt, ist der Krieg für Xanten noch nicht vorbei. Deutsche Artillerie feuert jetzt von der anderen Rheinseite wahllos auf die Stadt – und auch auf Plätze, wohin die Kanadier und nachrückenden Briten die Zivilbevölkerung evakuiert haben. Bis zu 25 000 deutsche Zivilisten sind zwischenzeitlich in Bedburg-Hau unter katastrophalen Bedingungen untergebracht.

Über die Klever Straße und durch das Klever Tor rollt der alliierte Aufmarsch für den Rheinübergang, der erst am 23. März beginnt. Endlose Kolonnen ziehen durch die mittelalterliche Stadtbefestigung hindurch. 250 000 Mann sollen über den Rhein, weitere 750 000 stehen in ihrem Rücken. Die Briten transportieren 60 000 Tonnen Munition und 30 000 Tonnen Material zum Brückenbau in den Aufmarschraum; die Amerikaner schaffen 138 000 Tonnen Nachschubgüter heran.

Ab dem 27. März kehrt über den Ruinen von Xanten Friedhofsstille ein. Ex-Bürgermeister Schöneborn bleibt bis zu seinem Tod 1948 in Herzebrock. Das "Letzte und Erschütterndste", was er bei seiner Flucht von Xanten gesehen habe, sei die "zerrissene und gewaltsam zerhackte Silhouette" der Stadt gewesen, schreibt er an die Parteileitung in Herzebrock. In der westfälischen Idylle malt er in Öl Ansichten seiner neuen unzerstörten Heimat.

Auch Schlemm überlebt den Krieg. Er wird am 21. März auf dem rechten Rheinufer verwundet und kommt bis 1948 in britische Kriegsgefangenschaft. Er verbringt den Lebensabend in einem Herrenhaus seiner Familie, verfasst Traktate über den Krieg und bleibt unbelehrbar. 1969 schreibt er in einem Aufsatz: "Die Bereitschaft, sich für Volk und Vaterland zu opfern, ist auch heute noch der Maßstab für die Existenzberechtigung eines Volkes."

Die nächste Folge am Dienstag, 27. August, behandelt die Hausbesetzungen an der Kiefernstraße in den 80er Jahren in Düsseldorf

(RP)