Von Selbstüberschätzung und Understatement Was uns ein Gleichnis von Platon über Putin und Scholz sagt

Meinung · Wer sich einmal auf Seiten der Guten wähnte, neigt in anderen Situationen zur Selbstüberschätzung und umgekehrt, sagt der griechische Philosoph Platon. Was uns die Parabel des Altmeisters über Putin und Scholz sagt.

 Eine Büste des griechischen Philosophen Platon steht im bayerischen Landtag beim Digitalisierungskongress "Bayern 3.0" neben einem Hinweisschild des Kongresses (Archivfoto).

Eine Büste des griechischen Philosophen Platon steht im bayerischen Landtag beim Digitalisierungskongress "Bayern 3.0" neben einem Hinweisschild des Kongresses (Archivfoto).

Foto: dpa

Die Nachrichten zum Ukraine-Krieg lassen mich oft an einen Seelenwanderungsmythos denken, den Platon gegen Ende seines Dialogs Der Staat erzählt. Es geht um die Frage, warum Menschen sich zwar für ihr Leben verantwortlich wissen, sich aber trotzdem sehr oft für das Falsche entscheiden. Stellen wir uns eine Gruppe von Seelen vor, ehemalige Übeltäter und Biedermänner. Die einen sind gerade erst aus der Hölle entlassen worden, die anderen hatten eine erquickliche Zeit im Himmel verbracht. Details ihres früheren Lebens haben sie vergessen. Nun stehen sie vor einem Haufen möglicher Lebensverläufe und suchen sich ihr künftiges Leben aus. Aber fast alle schimpfen später über ihre Wahl, mancher rauft sich die Haare, bevor das Leben überhaupt losgeht. Woran liegt das?

Was verursacht die fatalen Fehlentscheidungen, die das eigene Leben verderben und andere in Mitleidenschaft ziehen? Im Mythos ist es die emotionale Auswirkung von Lob oder Tadel für das frühere Leben. Wer für sein vergangenes Leben belohnt wurde, nimmt es nur als etwas Löbliches war, neigt zu einem überhöhten Selbstvertrauen und greift sofort nach der höchsten Macht – die sich dann als übelste Option herausstellt. Wer hingegen mit Höllenstrafen gequält wurde, hat wenig Selbstvertrauen und bleibt weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Auch das rächt sich im Leben.

Platons Dialog handelt nicht nur von Seelen, sondern auch von Staaten. Und er lässt sich auch auf die heutige Erinnerungspolitik anwenden. Wer sich wie Putin in der kollektiven Erinnerung als Sieger über die Nazis fühlt, neigt zur Selbstüberschätzung. Wer sich hingegen wie große Teile der deutschen Politik vor der eigenen Vergangenheit fürchtet und die Gegenwart nur in ihrem Licht sehen kann, traut sich nicht einmal, ein angegriffenes Land durch ausreichende Waffenlieferungen zu unterstützen. Beide Seiten werden später über die Folgen ihrer Entscheidungen schimpfen und die Verantwortung woanders suchen.

Unsere Autorin ist Philosophie-Professorin an der Ruhr-Universität Bochum. Sie wechselt sich hier mit der Infektionsbiologin Gabriele Pradel ab.

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