Sologamie Es ist Zeit, an die Liebe zu denken

Meinung | Bochum · Bei Prominenten ist ­­Sologamie total angesagt. Sie heiraten sich selbst. Doch die Eheschließung mit sich selbst ist rechtlich folgenlos, man spart keine Steuern. Ist also eher eine Liebeserklärung an sich selbst gemeint?

 Selena Gomez hat sich an ihrem 30. Geburtstag selbst geheiratet. (Archivbild)

Selena Gomez hat sich an ihrem 30. Geburtstag selbst geheiratet. (Archivbild)

Foto: dpa/Vianney Le Caer

Nach einem Jahr Krieg in der Ukraine ist es Zeit, an die Liebe zu denken. Es gibt einen neuen Trend unter Prominenten: sich selbst zu heiraten. Sologamie nennt sich das. Selena Gomez nahm ihren 30. Geburtstag zum Anlass einer Selbstverheiratung mit roten Rosen und einer mehrstöckigen Torte. Sie begründete das so: „Ich dachte früher, ich würde in meinem Alter schon verheiratet sein, also habe ich mir einfach selbst eine Hochzeit geschmissen.“

Ist das eine Erklärung? Die Eheschließung mit sich selbst ist rechtlich folgenlos, man spart keine Steuern. Ist also eher eine Liebeserklärung an sich selbst gemeint? „The Greatest Love of All“, wie die Unternehmensberaterin Ines Conradi in der Filmkomödie „Toni Erdmann“ krächzt? Sie zeigt, wie schwer es in Wirklichkeit ist, sich selbst zu lieben. Jedenfalls viel schwieriger, als einen von den anstrengenden Mitmenschen zu lieben.

Sie protestieren, das Gegenteil treffe zu? Ständig hätten Sie mit selbstverliebten Personen zu tun, es sei nicht auszuhalten? Außerdem klagten doch schon die Ethiker aller Zeiten über die Selbstliebe als Wurzel allen Übels? Das stimmt. Es kommt darauf an, was man unter Selbstliebe versteht. Egoismus verbirgt oft mangelnde Selbstschätzung.

Stellen wir uns The Greatest Love of All doch lieber als eine von den Göttern arrangierte Ehe mit diesem merkwürdigen Charakter vor. Eine Ehe, der man nicht ausweichen kann. So erledigt sich die Frage: Warum bin ich nur so und nicht so? Wer ist daran schuld? Anstatt sich über die Eltern zu ärgern, kann man sich darüber freuen, dass Schwächen und Neurosen des zugewiesenen Partners auch oft zu etwas gut sind – es gibt Schlimmeres.

Kurz, auch wenn der Promitrend albern klingt: Es ergibt Sinn, sich als zwei zu sehen. Es bremst die Identifikation. Diesen Körper mit dem schwer verständlichen Charakter haben wir nicht erfunden und gewählt. Wir können nichts für ihn, aber wir können ihn kennen- und schätzen lernen. Schließlich bleiben wir an ihn gebunden, bis zum Tod.

Unsere Autorin ist Philosophie-Professorin an der Ruhr-Universität Bochum. Sie wechselt sich hier mit der Infektionsbiologin Gabriele Pradel ab.

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