Kolumne Wissensdrang Wo die Angst herkommt

Düsseldorf · Das Gehirn ist die Quelle für unser Angstgefühl. Es trifft die einzelnen Menschen höchst unterschiedlich. Aber was steckt dahinter?

 Ein Junge kauert sich auf seinem Bett zusammen (Symbolbild).

Ein Junge kauert sich auf seinem Bett zusammen (Symbolbild).

Foto: dpa/Nicolas Armer

Als ich neulich die Dokumentation „The Fastest Woman on Earth“ über die US-amerikanische Rennfahrerin Jessi Combs schaute, begann ich, über den Ursprung von Angst nachzudenken: Warum jagen manche Menschen in einem Raketenauto mit mehr als 800 Stundenkilometern furchtlos durch die Wüste, während andere schon vor dem Fliegen zurückschrecken?

Umweltfaktoren wie Erziehung, Erfahrungen und Kultur beeinflussen das unterschiedliche Ausmaß von Angst, jedoch spielen genetische Variationen eine größere Rolle. Trotz ähnlicher Erziehung unterschiedlich ängstliche Geschwister sind nur ein Beispiel hierfür.

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Beim Menschen wird die Angst hauptsächlich in einem Bereich des Gehirns, der Amygdala, verarbeitet. Die Amygdala umfasst zwei mandelförmige Kerngruppen – weshalb sie auch „Mandelkern“ genannt wird –, die tief in den Schläfenlappen des Großhirns liegen. Es gibt drei wesentliche Merkmale der Amygdala, die eng mit der Angstverarbeitung verknüpft sind. Eine Reihe von Studien hat gezeigt, dass größere Amygdalae sowie spezifische strukturelle Veränderungen mit verstärkten Angstreaktionen einhergehen. Am anderen Ende der Skala befinden sich Personen, bei denen die Amygdala zerstört ist – zum Beispiel beim Urbach-Wiethe-Syndrom –, die nur in den seltensten Momenten Angst empfinden.

Ein weiteres bedeutsames Merkmal ist die Intensität der Amygdala-Aktivierung, die mit erhöhten Angstreaktionen zusammenfällt. Kurzum, es sind im Wesentlichen biologische Faktoren, die bestimmen, ob man eher ängstlich oder furchtlos ist. Aber auch wenn man zur ängstlichen Gruppe gehört, kann man Ängste durch positive Erfahrungen gezielt überwinden. Sonst würde man mich heute noch, wie in meinen Kindertagen, beim Anblick eines nicht angeleinten Hundes auf dem nächsten Baum finden. Außerdem hilft ein Blick in die Statistik, Gefahren objektiv einzuschätzen. Dies beruhigt mich immer, wenn ich in ein Flugzeug steige, während man mich sicher nie in einem Raketenauto finden wird. Jessi Combs hat ihren Weltrekord leider mit ihrem Leben bezahlt. Und so gern man lieber mutig ist, sollte man nicht vergessen, dass Angst uns auch schützt und die Menschheit ohne Angst vielleicht schon ausgestorben wäre.

Unsere Autorin ist Professorin für Biochemie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und arbeitet auch im Forschungszentrum Jülich. Sie schreibt heute zum ersten Mal diese Kolumne. Sie wechselt sich hier mit der Philosophin Maria-Sibylla Lotter und der Pflanzenbiologin Petra Bauer ab.

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