Initiative „Floskelwolke“ Freiheit ist keine Floskel

Meinung · Sprachpflege ist wichtig und gut – wenn sie nicht politisch missbraucht wird. Das geht sogar mit Begriffen wie Freiheit.

Politiker, Populisten und Wirtschaftsvertreter verdrehen gern Wörter. Doch Sprachkritiker lassen sie nicht damit davonkommen und listen die schlimmsten Fälle auf.

Politiker, Populisten und Wirtschaftsvertreter verdrehen gern Wörter. Doch Sprachkritiker lassen sie nicht damit davonkommen und listen die schlimmsten Fälle auf.

Foto: dpa/Christof Bock

Vor Kurzem wurde wieder das „Unwort des Jahres“ verkündet. Die Jury, die sich der Sprachpflege widmet, möchte auf Wörter aufmerksam machen, die unangemessen oder inhuman sind. In den Medien findet das viel Aufmerksamkeit und lockt Nachahmer an. So wurde in der „Tagesschau“ am 1. Januar der von der Medieninitiative „Floskelwolke“ gewählte Begriff „Freiheit“ als Floskel des Jahres 2022 verkündet. Sie werden jetzt denken, ich hätte eine Parodie über die freiwillige deutsche Sprachpolizei mit der Realität verwechselt. Hier werde doch ganz offenkundig die Haltung parodiert, die politischen Gegner in der Rolle des moralischen Sprachrichters zu diffamieren, anstatt sie mit politischen Argumenten zu kritisieren.

Aber nein, ich versichere Ihnen, es ist wirklich vollkommen ernst gemeint. Die Begründung: „Ich, ich, ich! Der Freiheitsbegriff wird entwürdigt von Egoman*innen, die rücksichtslos demokratische Gesellschaftsstrukturen unterwandern. Im Namen der Freiheit verkehren sie selbstgerecht und unsolidarisch die essenziellen Werte eines Sozialstaates ins Gegenteil – alles für den eigenen Vorteil.“

Wer sind diese üblen „Egoman*innen“, die „für den eigenen Vorteil“ von Freiheit reden? Die Ukrainer(*innen), die seit 2022 für ihre nationale Selbstbestimmung kämpfen? Die Iranerinnen, die für die Freiheit kämpfen, sich in der Öffentlichkeit frei bewegen zu können? Die Gegner von Steuererhöhungen? Die FDP?

Warum macht sich die „Tagesschau“ zum Sprachrohr der unfreiwillig komischen politischen Propaganda zweier politischer Aktivisten (denn nichts anderes ist die Initiative „Floskelwolke“) unter dem Vorwand der Sprachpflege? Und viele andere Medien? Gab es während eines Krieges, angesichts einer Epidemie, einer hohen Inflation, steigender Flüchtlingszahlen und Gewalt in der Silvesternacht keine wichtigeren Themen? Liegt es daran, dass einer der beiden Aktivisten für die ARD arbeitet und gut vernetzt ist?

Sprachpflege wäre eine feine Sache. Wenn sie nicht politisch instrumentalisiert würde.

Unsere Autorin ist Philosophie-Professorin an der Ruhr-Universität Bochum. Sie wechselt sich hier mit der Infektionsbiologin Gabriele Pradel ab.

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