Wissensdrang Gender-Sternchen und Sprechpausen

Meinung · Das Gendern etwa mittels Sprechpausen innerhalb von Worten wird von der Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt. Der WDR hat darauf jüngst reagiert.

 Menschen jedes Geschlechts sollen sich von Begriffen wie „Mitarbeiter*innen“ angesprochen fühlen (Symbolbild).

Menschen jedes Geschlechts sollen sich von Begriffen wie „Mitarbeiter*innen“ angesprochen fühlen (Symbolbild).

Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Nach einer Umfrage des WDR ist die Zustimmung zum so genannten Gendern in der Bevölkerung zurückgegangen. Gendern wurde allerdings schon immer mehrheitlich abgelehnt. Dabei kommt es auf die Form an. Die Anrede beider Geschlechter wird von den meisten als höflich empfunden. Und geschlechtsneutrale Ausdrücke irritieren nur einige Sprachwissenschaftler. Was die meisten aber ärgert, ist die Einführung von wechselnden Computerzeichen wie Sternchen oder Strichen. Sie sind nicht nur hässlich. Man weiß auch nie, was die neue Sprachmode gerade vorschreibt. Noch unbeliebter ist die Sprechpause innerhalb eines Wortes vor der weiblichen Endung. Niemand versteht, wie das Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern herstellen soll.

Da müsste man schon an Magie glauben. Den Journalist Innen geht es wohl eher darum, „ein Zeichen zu setzen“: öffentlich zu zeigen, dass sie gute Menschen sind, die sich für Geschlechtergerechtigkeit einsetzen. Daraus entsteht ein gesellschaftlicher Mehrwert - allerdings nur für die Sprecher. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat dies in seiner klassischen Studie über die „feinen Unterschiede“ analysiert. Durch soziale Markierungen etabliert sich eine Person als Mitglied einer Klasse, die sich nicht durch Geld, sondern durch höhere Einsichten von Hinz und Kunz unterscheidet. Früher wurden solche sozialen Distinktionen durch Gespräche über Kunst markiert. Heute sind es moralische Moden, also verbale Moralsignale, welche die innere Schönheit nach außen tragen.

Der WDR hat sehr spät gemerkt, dass die moralische Modenschau der Form nach mit dem Grundversorgungsauftrag eines Senders kollidiert. Schließlich wird er von den Gebührengeldern jener 69% der Hörerinnen und Hörer finanziert, die sich über die Sprechpausen ärgern. Er empfiehlt, darauf zu verzichten. Ich bin trotzdem gespannt, wie lange sich die Sprechpause bei denen hält, die sich die neue Sprachform mühsam antrainiert haben. Wahrscheinlich so lange, bis die nächste Sprachmode kommt.

Unsere Autorin ist Philosophie-Professorin an der Ruhr-Universität Bochum. Sie wechselt sich hier mit der Infektionsbiologin Gabriele Pradel ab.

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