Wissenschaftler rufen den Klima-Notstand aus

Klimawandel : Die Erde taut

11.000 Wissenschaftler aus aller Welt haben den Klima-Notstand für unseren Planeten ausgerufen. Sie fordern mutiges Handeln. Jetzt.

„Hört auf die Wissenschaft“, fordert Klimaaktivistin Greta Thunberg unermüdlich von Politikern und Staatenlenkern auf der ganzen Welt. Nun hat sie eindrucksvolle Unterstützung bekommen: 11.000 Wissenschaftler aus 153 Ländern haben in einer gemeinsamen Deklaration offiziell den Klima-Notstand für unseren Planeten ausgerufen. Wörtlich heißt es darin: „Wissenschaftler haben eine moralische Verpflichtung, die Menschheit vor allen katastrophalen Bedrohungen zu warnen und dabei ‚Klartext zu reden’.“

Dabei ist es nicht so, dass die Forschung erst jetzt die Zeichen der Zeit erkennt. Seit 40 Jahren – 1979 tagte die erste Weltklimakonferenz in Genf – diskutieren Experten Anzeichen eines Klimawandels und warnen vor bedrohlichen Entwicklungen unserer Ökosysteme. Ihre Mahnungen verhallten. „Jetzt ist die Klimakrise da und schreitet schneller voran, als die meisten Wissenschaftler erwartet haben“, schreiben die Initiatoren um William J. Ripple von der Oregon State University in Orgeon/USA.

Die Folgen des Klimawandels sind auf allen Kontinenten deutlich spürbar. In unseren Breitengraden häufen sich Hitzeperioden, Stürme, Überschwemmungen und sintflutartige Starkregen. Anderswo kämpfen Menschen bereits heute ums Überleben. Ein Beispiel: Der Tschad-See in Zentral-Afrika war einmal 30.000 Quadratkilometer groß und eines der größten Süßwasser-Reservoires des Kontinents. Er ist essenzielle Lebensader für die Menschen in der Sahel-Zone. Heute ist der Binnensee auf ein Zwanzigstel seiner Größe geschrumpft. Allein zwischen 1966 und 1975 reduzierte sich seine Oberfläche um 30 Prozent. Zwar schwankte der Wasserpegel schon immer stark zwischen Regen- und Trockenzeiten. Nun aber werden die Dürreperioden immer länger. Landwirte und Nomaden brauchen immer mehr Wasser, um dem verdorrten Boden Nahrung abzuringen und ihre Tiere zu tränken. Und die Regenfälle während des Monsuns reichen schon lange nicht mehr, um den Wasserspeicher wieder zu füllen. Ein Teufelskreis. Größte Sorgen machen sich die Wissenschaftler um die sogenannten Kippelemente im Klimasystem. Sie sind die Schwachpunkte im gesamten Gefüge. Ähnlich wie ein Schalter können sie abrupt ihren Zustand wechseln und dann wie Dominosteine zu einer Eskalation des Klimawandels führen.

Ein typisches „Kippelement“ sind die riesigen Permafrostböden Russlands. Zwei Drittel der Böden des Landes sind dauerhaft gefroren. Nur die obersten Schichten tauen in den Sommermonaten für kurze Zeit auf. Der Permafrost ist die Tiefkühltruhe für Millionen Tonnen organischer Stoffe – und damit Speicher für gigantische Mengen an Methan und Kohlendioxid. Aktuell beobachten Geologen ein zunehmendes Tauen der Permafrostböden. Setzt sich dieser Prozess fort, werden innerhalb kurzer Zeit Millionen Tonnen CO2 und Methan freigesetzt – die Folgen für die Erderwärmung sind nicht auszudenken.

Ein ähnliches Katastrophenpotenzial hat das weltgrößte Schelfmeer vor der Küste Sibiriens. Hier lagern im bis zu 200 Meter tiefen Permafrostboden Gashydrate. Das sind Eis-Methan-Gemische, deren Kohlenstoffgehalt Experten auf über 500 Milliarden Tonnen schätzen. Bereits seit ein paar Jahren beobachten russische Forscher, dass der Permafrost porös wird und zunehmend Gase freisetzt.

Der brennende Amazonas-Regenwald, Grönlands tauende Eisflächen, der schwächer werdende Jetstream: Sie alle sind tickende Zeitbomben, die eine Kaskade dramatischer Folgen auslösen können.

Ist also die Lage ohnehin hoffnungslos? Nein, erklären die Unterzeichner des Brandbriefes. Der Wandel zur „Treibhaus-Erde“ sei noch abwendbar, wenn nun „sofort und entschlossen“ gehandelt werde. Aber wie? Vor allem Wirtschaft und Politik sind jetzt gefordert. Sie müssen eine weltweite Energiewende vorantreiben. Parallel dazu müssen kurzlebige Treibhausgase reduziert und Methoden der CO2-Abscheidung ausgebaut werden. „Wir müssen die verbleibenden Vorräte an fossilen Energien im Boden lassen“, fordern die Experten. Natürliche Puffersysteme gelte es zu erhalten, dies seien Fauna und Flora in Meeren und auf der Erde. Entwaldete Regionen müssen aufgeforstet, Ausbeutung und Rodung des Bodens gestoppt werden. Auch ihren Lebensmittelkonsum sollten die Menschen überdenken. Weniger Fleisch und weniger Verschwendung sind hier die Kernpunkte. Statt Überfluss und Wegwerfmentalität müssen Nachhaltigkeit und die Deckung der Grundbedürfnisse in den Vordergrund rücken. Dazu gehört nach Ansicht der Experten auch die Eindämmung des Bevölkerungswachstums. Aktuell wächst die Menschheit um 200.000 Menschen täglich.

Es könnte also noch gelingen, die Katastrophe zu verhindern. Die jüngsten Aktionen von Jugendlichen und Initiativen von Politikern in aller Welt machen den Wissenschaftlern Mut. Mut, Wille und Durchhaltevermögen sind jetzt von jedem Einzelnen gefordert.

Einen Plan B gibt es nicht.