Köln: Wie Goethes "Faust" über den Kapitalismus urteilt

Köln : Wie Goethes "Faust" über den Kapitalismus urteilt

Welche Brisanz besitzt Goethes Faust noch für die Gegenwart? Darüber hatte Moderator Jürgen Wiebicke bei der "Phil.Cologne" eigentlich mit Gästen wie Sahra Wagenknecht von der Partei "Die Linke" diskutieren wollen. Doch die sagte knapp zwei Stunden vor der Veranstaltung im WDR-Sendesaal in Köln ab. "Sie hat Zahnschmerzen", sagte Wiebicke mit einer Miene, als litte er selbst an dieser Pein. Mit Spannung war das Zusammentreffen von Wagenknecht, einer Expertin für Goethes "Faust", mit Rüdiger Safranski erwartet worden. Der Schriftsteller hat erst jüngst mit seiner Biografie "Goethe, Kunstwerk des Lebens" für Aufsehen gesorgt. Im Vorfeld hatte Sahra Wagenknecht gesagt, dass der Autor in seinem bemerkenswerten Werk allerdings die hellsichtigen Visionen Goethes "über eine Moderne jenseits des Kapitalismus" nicht erkannt habe. Dabei habe der Dichter nach Meinung der Politikerin schon früh den Wahnsinn des Kapitalismus verstanden. Ohne direkte Sparringspartnerin musste Safranski in der Rolle des Goethe-Erklärers verharren. Zur Frage, "ob es Goethe gefallen hätte, dass sein Faust Gegenstand eines philosophischen Abends sei", meinte der Autor: "Ja und nein. Es hätte ihm wohl geschmeichelt. Aber er hätte sich auch geärgert. Er wollte nur, dass das Stück den Leuten gefällt." Mit Philosophie habe der Dichter nicht so viel am Hut gehabt. Das bekräftigte der Literaturwissenschaftler und Theologe Volker Neuhaus. "Ihn bewegten drei Dinge: Naturwissenschaften, Poesie und Religion. Philosophie nicht."

Dass Faust eine Figur des 21. Jahrhunderts sei, befand schließlich Wiebicke. Das zeige doch der Zuspruch zu Safranskis Biografie.

(RP)
Mehr von RP ONLINE