New Space Raumfahrt: Europa auf dem Sprung

Augsburg · Die neue „Ariane 6“ ist noch nicht gestartet, die kleinere Vega-C bleibt auch weiterhin am Boden. Europas Raumfahrt steckt in der Krise. Aber langsam lösen sich die Fesseln. Ausschreibungen sollen den Wettbewerb fördern. Start-ups wie „Rocket Factory“ aus Augsburg stehen vor den ersten Testflügen.

So sieht der Start der Rakete von Rocket Factory in einer Computeranimation aus.

So sieht der Start der Rakete von Rocket Factory in einer Computeranimation aus.

Foto: Rocket Factory

Im November in Sevilla wurde beim Weltraum-Gipfel der Europäischen Weltraumorganisation Esa der Knoten durchschlagen. Seit Jahrzehnten steht die Raumfahrt Europas auf zwei Säulen: ArianeGroup aus Frankreich (Ariane 6) und Avio aus Italien (Vega-C). Doch seit Sevilla steht fest: Man öffnet sich für Wettbewerb sowie private Unternehmen und folgt so dem US-amerikanischen Vorbild. Unter dem ehemaligen Präsidenten Barack Obama hatte man dort das Gleiche getan und damit den Erfolg von SpaceX von Elon Musk erst möglich gemacht. Und das Unternehmen dominiert mittlerweile den Raumfahrt-Markt mit seinen Falcon-Raketen und Dragon-Systemen für Fracht-Transporte sowie Astronauten-Flüge.

Die Esa will in Europa nun sehr schnell zwei Ausschreibungen starten. Eine für ein Raketen-System, das als Nachfolger der „Ariane 6“ abheben soll. Daneben soll noch etwas kurzfristiger bis 2028 ein Transport-Schiff entwickelt werden, dass mehrere Tonnen zur Internationalen Raumstation ISS und zurück zur Erde bringen sollen. Gebaut von privaten, europäischen Firmen, die sich bewerben sollen.

„Wir warten gespannt auf die Ausschreibungen“, sagt Jörn Spurmann, einer der Gründer des Start-ups Rocket Factory (Raketenfabrik) aus Augsburg. Und das will im Sommer nächsten Jahres zum ersten Mal mit einer eigenen Rakete, der „RFA ONE“, starten. „Gehen wir mal davon aus, dass eine Anzahl von Startverträgen zugesichert und die Hälfte der Entwicklungskosten mitgetragen werden“, sagt Spurmann. „Dann wäre das vergleichbar mit dem amerikanischen Modell.“ Da müssten die Weichen aber tatsächlich schnell gestellt werden, damit die Bewerber ihre Konzepte ausarbeiten können. So kann die Esa-Ministerratssitzung im November 2025 eine Entscheidung treffen. Denn dann wird wieder – so wie alle drei Jahre - das Budget der Europäischen Weltraumorganisation verhandelt. „Und wenn deutsche Firmen beteiligt sein sollten, müsste Deutschland organisieren, dass das notwendige Geld in das Programm eingezahlt wird.“

Auch bei dem Transport-System zur ISS ist noch offen, was genau gefordert wird. Beim Weltraum-Gipfel in Sevilla standen zwar Zahlen im Raum. So soll angeblich die Bedingung sein, dass der „Frachter“ vier Tonnen zu Internationalen Raumstation befördern und zwei Tonnen zur Erde zurückbringen kann. Aber solange es keine Ausschreibung gibt, sind solche Angaben nicht verlässlich. „Wir warten ab“, sagt Spurmann. Man habe es aber so verstanden, dass bis Ende März 2024 maximal drei Bewerber gefördert werden sollen. Dafür stellt die Esa aus ihrem jetzigen Budget 75 Millionen Euro zur Verfügung. Die drei „Sieger“ würden dann ihre Konzepte ausarbeiten, damit bei der Ministerratssitzung 2025 darüber entschieden werden kann. Vor allem aber auch, mit wie viel Geld das weiter unterstützt werden soll.

Rocket Factory sieht sich selbst da in einer guten Position. Bereits im Sommer und vor der Entscheidung von Sevilla fand ein Wettbewerb der Esa statt, in der europäische Start-ups ihre Transport-Konzepte vorstellen konnten. Da hatten sich die Augsburger gegen die Konkurrenz behauptet – mit „Argo“. Benannt nach dem Schiff aus der griechischen Mythologie, mit dem Jason das Goldene Vlies suchte. Die Argo bietet Raum für 13 Kubikmeter (13.000 Liter) und kann 3,4 Tonnen Fracht zur ISS befördern. „Und auch genau so viel zurückbringen“, sagt Spurmann. Damit nehme man eine Sonderstellung ein. Zudem setzt man auf einen entfaltbaren Hitzeschild. Und „wir sind offen für jedes Trägersystem“. Mit einem Außendurchmesser von 3,5 Metern kann die Argo mit den nächsten Evolutionsstufen der eigenen Rakete starten, aber auch mit einer „Ariane 6“ oder einer Falcon von SpaceX.

 So sieht das Konzept der Transportkapsel „Argo“ von Rocket Factory derzeit aus.

So sieht das Konzept der Transportkapsel „Argo“ von Rocket Factory derzeit aus.

Foto: Rocket Factory

Der Wettbewerb im Sommer wurde im Vorgriff der Entscheidungen von Sevilla dann gestoppt. „Aber da waren wir unter den letzten vier. Wenn jetzt drei ausgewählt werden, stehen unsere Chancen nicht so schlecht“, sagt Spurmann. Und er sieht auch in der Zeit nach der ISS, die 2030 ihr Ende findet, einen Bedarf. Derzeit gebe es einige Firmen, die Raumstationen bauen, betreiben und im niedrigen Erdorbit (LEO) forschen wollen. Auch wenn sich da wahrscheinlich noch einiges konsolidieren wird, werden die Stationen kleiner als die ISS oder nur temporär im Einsatz sein. Dennoch „müssen die alle mit Fracht versorgt werden“. Das Geschäft werde darum eher wachsen als schrumpfen oder sogar verschwinden, bleibt er vorsichtig optimistisch. „Es ist aber immer die Frage, wie viel Marktpotenzial es da wirklich gibt. Da gehen die Meinungen noch auseinander. Und wir müssen unser Produkt am Ende verkaufen können.“ Zumal auch der Mond zunehmend an Bedeutung gewinnt. Das müsse man mit einer Frachtkapsel ebenfalls bedienen können. Ebenso in fernerer Zukunft die bemannte Raumfahrt. „Da kann Argo ein Baustein sein“, skizziert Spurmann die Perspektiven.

Bis dahin indes stehen für Rocket Factory einige andere Schritte an. Nach dem erfolgreichen Test der zweiten Stufe muss sich nun die erste Stufe beweisen. „Die ist aber im Grunde nur größer als die zweite Stufe, da sind wir zuversichtlich.“ Im Sommer 2024 soll dann die „RFA ONE“ vom schottischen Weltraumbahnhof „SaxaVord“ auf den Shetland-Inseln zum Jungfernflug starten. Das Geld dafür ist mehr als gesichert. Im Sommer stieg die internationale Investmentgesellschaft „KKR“ mit 30 Millionen Euro bei Rocket Factory ein. Zudem hat die Tochterfirma „RFA UK“ von Großbritannien über das „Boost!“-Programm der Esa 3,5 Millionen Pfund erhalten, um die Infrastruktur in SaxaVord für die kommerzielle Raumfahrt aufzubauen. „Das deckt zumindest einen Teil der Kosten ab“, sagt Spurmann.

Und der Bedarf an europäischen Startmöglichkeiten ist groß. Erst vor wenigen Tagen konnte Rocket Factory zusammen mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt verkünden, dass auch der zweite Flug komplett ausgebucht ist. Der ist für das vierte Quartal 2024 anvisiert. Und acht Kunden mit einer Gesamtnutzlast von 200 Kilogramm werden mitfliegen. Tatsächlich hat es mehr Anfragen gegeben, als an Bord sein können.

Der Wettbewerb in Europa nimmt langsam zu. Das scheint auch der italienische Konzern Avio zu sehen. In Zukunft möchte man die eigenen Vega-Raketen nicht mehr über die ArianeGroup-Tochter ArianeSpace vermarkten, sondern das selbst in die Hand nehmen. Offenbar sieht man für sich größere Chancen, wenn man die alte Verbindung löst. Schließlich könnte man so unabhängig von Esa und ArianeSpace weltweit am Markt auftreten. Allerdings wird die Vega-C trotz eines erfolgreichen Jungfernfluges im Sommer 2022 nicht vor Ende 2024 starten. Aufgrund technischer Probleme. Bei der „Ariane 6“ sieht es ein wenig besser aus. Nach einem erfolgreichen Test vergangene Woche wird bald das Zeitfenster für einen ersten Flug genannt. Nach jahrelanger Verzögerung.

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