Luftwaffe späht ins All: Kalkar wird Weltraumlagezentrum

Luftwaffe späht ins All : Kalkar wird Weltraumlagezentrum

Eine ungewöhnliche Dienststelle der Bundeswehr hat am Niederrhein ihre Arbeit aufgenommen: Das Weltraumlagezentrum kann bald bei der Verkehrsregelung im Orbit helfen, damit Satelliten nicht mit Schrottteilen kollidieren. Der Standort wird personell um ein Drittel vergrößert.

Der niederrheinische Doppel-Standort Kalkar/Uedem wird für die Bundeswehr immer wichtiger: Im kommenden Jahr wird dort das neue Zentrum für Luftoperationen aufgestellt, bei dem alle Fäden zur Sicherung des Luftraums zusammenlaufen. Das berichtete Generalleutnant Dieter Naskrent gestern beim traditionellen Empfang der deutschen Luftwaffe in Kalkar. Nato und Bundeswehr werden von Kalkar/Uedem aus künftig nicht nur den Luftraum von Deutschland und Westeuropa, sondern den Gesamtbereich von den Alpen bis Nord-Norwegen inklusive des Baltikums überwachen — und darüber hinaus sogar das All.

Das neue Weltraumlagezentrum ist "auf dem Weg zu einer vollen Einsatzbefähigung", wie es gestern in der Bundeswehr-Formulierung hieß. Zwei zivile Mitarbeiter des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum sind zum Team von elf Soldaten dazugestoßen; jetzt erhält das Lagezentrum die nötige Informationstechnik, um die Informationen von Großradaranlagen wie auf dem Bonner Wachtberg in Sekundenbruchteilen verarbeiten zu können.

Deutsches Auge im All

Bislang überwachen nur die USA und Russland das All. Das deutsche "Auge im Weltraum" soll zum Beispiel Raumstationen oder Satelliten-Betreiber vor gefährlichem Raketenschrott in der Umlaufbahn warnen. Insgesamt umkreisen nach Angaben der Luftwaffe mehr als 13.000 Objekte wie Raketenstufen und Bruchstücke aus Explosionen und Kollisionen von mehr als zehn Zentimeter Größe den Globus. Insgesamt soll die Müllwolke, die zurzeit um die Erde kreist, sogar 600.000 Schrotteile umfassen. Sie bedeuten nicht nur ein erhebliches Risiko für Astronauten und Raumstationen, sondern ganz allgemein für die Kommunikation. So war am 10. Februar 2009 über Sibirien ein amerikanischer Telefon-Satellit mit einem ausgedienten russischen Militär-Satelliten zusammengestoßen und zerstört worden — der spektakulärste "Verkehrsunfall" im All, der bislang bekanntgeworden ist.

"Unser tägliches Leben ist ohne weltraumbasierte Dienste nicht mehr vorstellbar — denken Sie nur an Ihr Handy oder an Ihr Navigationssystem im Auto", erläuterte Generalleutnant Naskrent. Auch die Bundeswehr selbst weitet ihre Tätigkeit mehr und mehr auf den erdnahen Weltraum aus: 2008 nahm ihr Aufklärungssystem "Lupe" mit fünf Satelliten den Betrieb auf; 2009 folgten zwei Kommunikationssatelliten für den abhörsicheren Kontakt mit deutschen Soldaten im Ausland.

Doppel-Standort am Niederrhein

Die Luftwaffe ist stolz auf ihren zukunftsträchtigen Doppel-Standort am Niederrhein: "In der Nato wird Uedem künftig kein kleines Städtchen mehr sein, sondern ein ganz wesentlicher Teil der neuen Kommandostruktur", betonte der General. Man müsse sich vorstellen: "Hier in dem kleinen, beschaulichen Uedem sitzen Nato-Offiziere aus fast 20 Staaten und haben ein Auge auf den Luftraum über Island." Inklusive der Nato-Angehörigen und der zivilen Experten mehrerer Bundesministerien wird der Standort von rund 1000 auf 1500 Soldaten und zivile Mitarbeiter vergrößert.

Auch Hilfeleistungen bei Notlagen ziviler Maschinen gehörten zum Auftrag. So seien vom Niederrhein aus im November 2011 die polnischen Abfangjäger geführt worden, die einem Passagierjet bei der Notlandung in Warschau halfen, dessen Fahrwerk sich nicht mehr ausfahren ließ.

Das Nationale Lage- und Führungszentrum in Kalkar, an dem das Innen- und das Verkehrsministerium beteiligt sind, schützt speziell den deutschen Luftraum und richtet in Zusammenarbeit mit der Polizei zum Beispiel Flugverbotszonen bei Großveranstaltungen ein. Der General: "Im vergangenen Jahr waren dies Veranstaltungen wie die Münchner Sicherheitskonferenz, die Frauen-Fußballweltmeisterschaft, das Oktoberfest, die Bonner Afghanistan-Konferenz und natürlich der Besuch des Papstes."

Das künftige Zentrum Luftoperationen wird auch die Unfallrettung aus der Luft koordinieren und bei Naturkatastrophen helfen. Andere Staaten zeigten sich an der "gesamtstaatlich vernetzten" Arbeit in Kalkar sehr interessiert, sagte Naskrent. Besucher seien 2011 sogar aus Chile und den arabischen Emiraten gekommen. In diesem Jahr würden unter anderem drei Delegationen aus Russland erwartet.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Schön wie gemalt - die Welt gesehen von Landsat 7

(RP/felt)
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