ESA Ministerratskonferenz 2022 Europa bekennt sich zur Internationalen Raumstation

Paris · Zwei Tage lang wurde in Paris bis zur letzten Minute und dann noch ein wenig länger verhandelt. Am Ende haben die 22 Mitgliedsstaaten der Europäischen Weltraumorganisation Esa das Budget zwar deutlich erhöht – aber man blieb hinter den Esa-Vorschlägen zurück.

 Die Esa schließt sich den USA an und wird die Internationale Raumstation bis 2030 betreiben.

Die Esa schließt sich den USA an und wird die Internationale Raumstation bis 2030 betreiben.

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Es war am Mittwochnachmittag ein nervenaufreibendes Warten in Paris: Um 13.30 Uhr wollte Josef Aschbacher, Generaldirektor der Esa, vor die Presse treten, um das Ergebnis der Tagung aller 22 Mitgliedstaaten der Europäischen Weltraumorganisation vorzustellen. Das wurde in letzter Minute auf 14.30 Uhr verschoben, dann auf 14.45 – bis es um 14.50 Uhr tatsächlich so weit war. Der französische Minister Bruno Le Maire als Vertreter des gastgebenden Landes Frankreich, Anna Christmann als Koordinatorin der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt und Josef Aschbacher präsentierten dann endlich das Abschlusspapier der alle drei Jahre stattfindenden Ministerratskonferenz. Und das sei das Ergebnis intensiver Diskussionen gewesen, wie Le Maire und Christmann bestätigten.

Am Ende ist ein Budget von 16,9 Milliarden Euro für die kommenden drei Jahre herausgekommen. Das sind knapp 17 Prozent mehr als noch 2019 mit 14,5 Milliarden Euro von den Mitgliedsstaaten bewilligt worden waren. Aber es ist auch weniger als die 18,5 Milliarden Euro, auf die man bei der Esa gehofft hatte. Dennoch musste kein Projekt gestrichen werden, sagte Aschbacher. Allerdings sei das Geld in einigen Bereichen gekürzt oder Laufzeiten gestreckt worden. Dennoch sei es ein gutes Ergebnis angesichts der weltweiten Wirtschaftslage, der hohen Inflation und des Krieges in der Ukraine.

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Das sind die neuen Esa-Astronauten und -Astronautinnen

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Und das neue Budget ist ein starkes Bekenntnis zur Wissenschaft. Die knapp 3,2 Milliarden für Forschung machen rund 19 Prozent des Gesamtbudgets aus. Dazu gehört „Juice“: eine Sonde, die bereits 2023 starten und sowohl Jupiter als auch dessen eisigen Monde Ganymed, Kallisto und Europa erforschen soll. Ebenfalls ist das Weltraumteleskop „Euclid“ gesichert: Es soll die Verteilung der mysteriösen „Dunklen Materie“ im Kosmos messen.

In Raumfahrttechnologien wie beispielsweise den neuen Raketen „Ariane 6“ und „Vega“ fließen mehr als 2,8 Milliarden Euro. „So sind auch die weiteren Ausbaustufen der Raketen gesichert“, wie der zuständige Esa-Direktor Daniel Neuenschwander in Paris sagte. Damit ist auch die Strategie verbunden, die insbesondere von Frankreich, Italien und Deutschland vertreten wird. Die Esa will in Zukunft vor allem auf ihre eigenen Startsysteme setzen und so unabhängig sein. Neben China und den USA möchte man eine neue starke Rolle in der Raumfahrt spielen und nicht mehr wie in der Vergangenheit zu sehr von anderen Staaten wie Russland anhängig sein. Zudem sollen auch sogenannte „Mikrolauncher“ unterstützt werden. Dahinter verbergen sich eher kleine, private Raumfahrtunternehmen in Europa, die ihre eigene Start- und Raketensysteme entwickeln und nutzen wollen. Das soll neue innovative Kräfte freisetzen.

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Diese deutschen Astronauten waren bereits im Weltall

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Ebenfalls eng damit verbunden ist das Bekenntnis der Esa zur Kostenpflichtiger Inhalt Internationalen Raumstation ISS. Man schließt sich den USA und Japan an und will die Station bis 2030 weiter betreiben. Die Esa bleibe ein verlässlicher, starker Partner für andere Nationen wie den Vereinigten Staaten, so Aschbacher. Mehr als 2,7 Milliarden Euro sind für bemannte und unbemannte Weltraummissionen vorgesehen. Und das heißt auch, dass die Esa das Artemis-Programm der US-Weltraumbehörde Nasa zur Erforschung des Mondes wie geplant unterstützen wird. Darunter fallen die Service-Module für die Orion-Raumschiffe, die Beteiligung am „Gateway“ (der geplanten Raumstation im Mondorbit) und der Bau von „Argonaut“. Das ist der Name eines unbemannten europäischen Raumtransporters, der mehr als 1,5 Tonnen Fracht zum Mond befördern kann. Der wird voraussichtlich in den frühen 2030ern starten. Zudem will man weiterhin am Projekt „Moonlight“ arbeiten: Das ist der Aufbau eines Kommunikations- und Navigationssatellitennetzwerks für den Mond.

Ebenso haben die Mitgliedsstaaten den Planungen für „ExoMars“ zugestimmt: Eigentlich sollte schon in diesem Jahr zusammen mit Russland der „Rosalind-Franklin-Rover“ zu unserem Nachbarplaneten Mars starten. Russlands Einmarsch in die Ukraine hat das indes unmöglich gemacht. Es war unklar, wie es weitergehen würde. Nun soll der Rover zusammen mit der Nasa im Jahr 2028 gestartet werden.

Knapp 2,7 Milliarden Euro fließen dagegen in die Erdbeobachtung. Gerade was solche Daten angeht, dürfe man nicht abhängig sein von anderen. Nicht bei der Wetterbeobachtung, nicht bei Katastrophenreaktionen und auch nicht bei der Beobachtung des Ausstoßes von Treibhausgasen. Erfolge oder Rückschläge bei den Emissionen weltweit müsse man selbst im Blick haben. Man dürfe sich nicht auf Daten von anderen verlassen.

Unabhängigkeit und Souveränität: Das waren Worte, die bei der Präsentation des Esa-Budgets für die kommenden drei Jahre häufig gefallen sind. Vor allem von politischer Seite. Fast schon untergegangen ist das Wort Innovation. Die Esa möchte auch die Möglichkeit testen, Sonnenlicht im Weltraum in nutzbare Energie umzuwandeln und zur Erde zu schicken. Die Idee selbst ist nicht neu, aber nun wird die Esa ihre tatsächliche Umsetzbarkeit prüfen – was den Energiemarkt revolutionieren könnte. Aufgrund der Effizienz und aufgrund der Umweltverträglichkeit einer solchen Lösung.

Ein weiteres Ergebnis der Ministerratskonferenz: Deutschland übernimmt für die kommenden drei Jahre den Vorsitz der Esa und ist auch wie bereits 2019 der größte Geldgeber: Mit mehr als 3,5 Milliarden stellt die Bundesrepublik 20,8 Prozent des Esa-Budgets. Dahinter folgt Frankreich mit 3,2 Milliarden Euro (18,9 Prozent), Italien mit fast 3,1 Milliarden Euro (18,2 Prozent) und Großbritannien mit 1,9 Milliarden Euro (11,2 Prozent). Die restlichen fast 31 Prozent verteilen sich auf die übrigen 18 Mitgliedsstaaten.

Und auch wenn die Esa selbst von „kühnen Ambitionen“ und einem „historischen Anstieg der finanziellen Mittel“ spricht, so kritisieren einige Experten die Entscheidung. „Raumfahrt ist der Zukunftssektor. Infrastrukturen im Weltall werden für das Leben auf der Erde immer wichtiger: Klimawandel, Navigation, Internet, Sicherheit. Kaum ein Bereich unseres Lebens profitiert nicht von Daten aus dem Weltraum“, sagt beispielsweise Niklas Nienaß. Er sitzt für die „Grünen“ im Europa-Parlament und ist Sprecher für Weltraumpolitik. „Die Erhöhung fällt zu gering aus und wird dem europäischen Anspruch, Vorreiter zu sein, nicht gerecht“, so Nienaß in seiner Stellungnahme weiter. Dabei verweist er auch auf das Budget der US-Weltraumbehörde Nasa, die alleine in diesem Jahr 24 Milliarden Euro ausgeben wird – im Vergleich zu knapp 17 Milliarden Euro der Esa für drei Jahre.

„Wenn Europa eine Chance haben will, in der Raumfahrt der Zukunft weltweit ganz vorne mitzuspielen, brauchen wir mehr Investitionen — sowohl öffentliche als auch private. Die verstreuten europäischen Budgets müssen strategisch besser zusammengebracht werden. Nur dann kann eine einheitliche, starke europäische Raumfahrtpolitik entstehen”, sagt Nienaß.

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