Esa Ministerratssitzung Zwei Unternehmen für Europas Raumfahrtzukunft

Update · Bei der Ministerratssitzung der Europäischen Raumfahrtorganisation Esa in Brüssel wurden am Mittwochabend die Unternehmen bekannt gegeben, die eine Ausschreibung für den neuen europäischen Raumtransporter gewonnen haben. Zudem wurde die Vigil-Mission bestätigt. Update: Zwei Esa-Astronauten für die ISS stehen fest.

Das erste Ziel der privaten Raumfahrtunternehmen soll die ISS sein.

Das erste Ziel der privaten Raumfahrtunternehmen soll die ISS sein.

Foto: dpa/-

Am Ende waren es nur zwei Sieger und nicht wie gehofft drei: das französisch-deutsche Start-up „The Exploration Company“ (Das Erkundungsunternehmen) und das etablierte Unternehmen Thales Alenia Space Italy. Sie haben die Ausschreibung gewonnen, mit der die Europäische Weltraumorganisation Esa der Raumfahrt in Europa einen Schub geben möchte. Beide Unternehmen erhalten zunächst je 25 Millionen Euro für zwei Jahre. Damit sollen sie ihre Visionen und Vorstellungen für einen europäischen Raumtransporter weiter vorantreiben. Der soll mehrere Tonnen Fracht in eine niedrige Erdumlaufbahn (LEO) beispielsweise zur Internationalen Raumstation ISS befördern, aber auch wieder zur Erde zurückbringen können. Als Startdatum wird das Jahr 2028 angestrebt.

Das Geld stammt dabei aus dem bereits 2022 verabschiedeten Budget der ESA. Eine weitere finanzielle Unterstützung hängt indes von der Ministerratssitzung im November 2025 ab. Dann wird erneut das Budget für die nächsten drei Jahre verhandelt.

Die Ausschreibung war notwendig geworden, weil sich sowohl die „Ariane 6“ als auch die kleinere „Vega-C“ verzögert haben und Europa derzeit über keine eigenen Startmöglichkeiten verfügt. Die „Ariane 6“ wird aber voraussichtlich im Juli zum ersten Mal starten können. Nach jahrelangen Verzögerungen. Bei der „Vega-C“ gibt es noch Hoffnung für dieses Jahr.

Mit der Ausschreibung indes will man in die Zukunft durchstarten, auch wenn zunächst die ISS das Ziel ist. Die wird aber Anfang 2031 außer Dienst gestellt und private Initiativen wie beispielsweise des US-Unternehmens „Axiom Space“ oder des europäisch-amerikanischen Joint Ventures „Starlab Space“ - neben einigen anderen - werden an ihre Stelle treten. Wenn man dafür Transport-Dienste anbieten kann, sichert man sich als Gegengeschäft auch Aufenthalte europäischer Astronauten im niedrigen Erdorbit.

Beim Mond wird man zunächst nur Beifahrer sein, aber nicht landen. Die Esa liefert zwar das Service-Modul für die Orion-Kapsel des Artemis-Mondprogramms der USA. Aber US-Präsident Joe Biden hat im April entschieden, dass ein Japaner der erste Nicht-US-Bürger sein wird, der mit den Vereinigten Staaten auf dem Mond landen wird. Kein Europäer. Der Grund dafür sind indes eher geopolitische Überlegungen und eine Stärkung des Bündnisses mit Japan gegen China. Europa wurde dadurch aber auf die Rolle des Zulieferers und Beifahrers reduziert, der zunächst nur bis in den Mond-Orbit mitfliegen darf - aber erst sehr viel später auch landen wird. Und dagegen hilft nur der Aufbau einer eigenen, starken Raumfahrt.

Thales Alenia Space

Thales Alenia Space beispielsweise sieht in dem Gewinn der Ausschreibung einen „signifikanten Sprung vorwärts, um Europas nachhaltigen Zugang zum niedrigen Erd-Orbit zu sichern“, heißt es in einer Pressemitteilung. Und ihr Konzept für einen Raumtransporter soll eine Weiterentwicklung erlauben. In Richtung eines Raumfahrzeugs, das Astronauten in eine Erdumlaufbahn befördern kann. Und es soll auch Transporte zur und von der Gateway-Station im Mond-Orbit erlauben.

 Modell der Kapsel von Thakes Alenia Space. Der Hitzeschutz (weiß) ist installiert. In weiteren Schritten sollen auch Astronauten damit fliegen können.

Modell der Kapsel von Thakes Alenia Space. Der Hitzeschutz (weiß) ist installiert. In weiteren Schritten sollen auch Astronauten damit fliegen können.

Foto: Thales Alenia Space

Das französisch-italienische Joint Venture (67 Prozent Thales aus Frankreich, 33 Prozent Leonardo aus Italien) verfügt nicht nur über jahrzehntelange Raumfahrterfahrung mit mehr als 8600 Mitarbeitern (Jahresumsatz 2023 voraussichtlich mehr als 2,2 Milliarden Euro). Sondern man will auch Investoren für das Konzept gewinnen. Das ist indes eine Forderung der Esa gewesen. Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Massimo Comparini zeigt sich sicher, dass man alles habe, was es benötige. „Um das zukünftige Leben und die Anwesenheit der Menschheit im Weltraum vorzubereiten, um die Grundlagen für die Ära nach der ISS zu legen und um die neuen ökonomischen Bedürfnisse bei Forschung und Wissenschaft zu erfüllen“, heißt es in einer Presse-Erklärung von Thales Alenia Space.

The Exploration Company

Das Start-up „The Exploration Company“ dagegen ist sehr viel kleiner. Es wurde 2021 von der ehemaligen Airbus-Managerin Hélène Huby mit Sebastian Reichstadt und Nils Bernhardt gegründet und hat derzeit mehr als 100 Mitarbeiter an vier Standorten in München, Bordeaux, Turin und Houston. Nach eigenen Angaben habe man in knapp zweieinhalb Jahren 72 Millionen US-Dollar eingesammelt.

„Der LEO-Cargo Frachtvertrag ist ein Leuchtturmprojekt der Esa, um Europas herausragende Rolle in der Weltraumerforschung zu sichern und auszubauen“, sagt Huby in einer Erklärung auf unsere Anfrage. „Mit dem Vertrag bereiten wir uns auf die Ära nach der ISS vor und stärken die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Raumfahrtindustrie im erdnahen Orbit.“ Die Esa als Ankerkunden zu gewinnen, sei für „The Exploration Company“ ein bedeutender strategischer Meilenstein, der sowohl für die Investoren als auch für die „Zertifizierung unseres Raumfahrzeugs durch die NASA entscheidend ist". Schließlich ist die Esa nun der zweite große Ankerkunde in der jungen Geschichte des Unternehmens. Bereits im September 2023 konnte man den Abschluss eines Vorvertrages über Frachtdienste mit der kommerziellen Raumstation von Axiom verkünden.

Computergrafik der Kapsel Nyx von „The Exploration Company“

Computergrafik der Kapsel Nyx von „The Exploration Company“

Foto: The Exploration Company

Die wiederverwendbare Kapsel „Nyx“ von „The Exploration Cpmpany“ ist benannt nach der antiken griechischen Göttin der Nacht, die Ordnung aus dem Chaos schafft. Unter anderem will das Unternehmen vier Tonnen Fracht zu Raumstationen im niedrigen Erd-Orbit liefern können und drei Tonnen wieder zurück zur Erde bringen. Zudem möchte man ausschließlich umweltfreundliche Treibstoffe verwenden (Wasserstoffperoxid). Ein weiteres Ziel: Die Kapsel kann in der Erdumlaufbahn aufgetankt werden. Das sei essenziell für Deep-Space-Missionen. Und: Nyx sei unabhängig von der Trägerrakete und kann somit von jedem System verwendet werden. Zudem setzt „The Exploration Company“ auf Flexibilität. In weiteren Entwicklungsschritten soll die Kapsel auch Menschen von der Erde zu Raumstationen bringen. Selbst der Mond soll in Zukunft nicht ausgeschlossen sein. Gegebenenfalls ist zudem der Einsatz als eigene kleine Raumstation möglich. Für Experimente in der Schwerelosigkeit oder für Forschung im Pharma- und Landwirtschaftssektor.

In einem nächsten Schritt indes soll im Juni zunächst bei der „Mission Possible“ der Wiedereintritt getestet werden. 2025 soll dann der Flug eines zweiten Prototypen folgen, bevor Nyx 2027 voraussichtlich den Erstflug zur Raumstation von Axiom Space im Rahmen eines Frachtdienstvertrags unternimmt. Die erste Mission zum Mond und zurück ist für 2028 angesetzt.

Weil indes ursprünglich drei Gewinner vorgesehen waren und es jetzt nur zwei gibt, heißt das auch: Die 75 Millionen Euro, die von der Esa eingeplant sind, werden nicht ausgeschöpft. Denn jeder Sieger erhält nach wie vor 25 Millionen. Das sind 50 Millionen. Mit dem Restbetrag von 25 Millionen sollen weitere Entwicklungen der Gewinner unterstützt werden, die nicht Teil der Ausschreibung waren, sondern optional sind. Sofern die Sieger das begründen können.

Vigil und Zero Debris

Aber bei der Ministerratssitzung wurde noch mehr beschlossen. So soll Airbus die Vigil-Sonde bauen, die 2031 starten wird. Der Name bedeutet „Wache“. Und wie ein Wächter soll die Sonde ihre Position am sogenannten Lagrange-Punkt 5 auf der Erd-Umlaufbahn beziehen. Dort gleichen sich die Schwerkraft von Erde und Sonne aus, was einen stabilen Orbit erlaubt. Und Vigil blickt dann quasi von der Seite auf die Sonne und erkennt heftige Eruptionen und Massenauswürfe noch bevor sie sich in Richtung Erde drehen. So soll sie als Frühwarnsystem Alarm schlagen, wenn das „Sonnenwetter“ eine Gefahr für Satelliten und gegebenenfalls sogar für Stromnetze darstellt. Erst vor wenigen Tagen konnte man beispielsweise Polarlichter über Deutschland sehen. Als Ergebnis heftiger Sonnenaktivität. Aber auch einige Satelliten, beispielsweise das Starlink-System von SpaceX, wurden in Mitleidenschaft gezogen.

Ein weiterer Erfolg für die Esa: Zwölf europäische Staaten haben nun die „Zero Debris Charter“ unterschrieben. Das ist eine Selbstverpflichtung, bei Raumfahrtmissionen keinen Schrott im Orbit zu hinterlassen und auf Nachhaltigkeit zu achten. Diese Länder sind: Belgien, Bulgarien, Estland, Deutschland, Litauen, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Schweden, Slowakei und Zypern. Zudem haben mehr als 100 Organisationen zugesagt, die Charta ebenfalls zu unterzeichnen.

Update Astronauten für die ISS

Es ist eine Entscheidung gefallen, welche zwei Astronauten, die im April ihre Ausbildung abgeschlossen haben, für eine Weltraum-Mission an Bord der ISS vorgesehen sind. Im Jahr 2026. Die Ingenieurin, Hubschrauber-Testpilotin und Oberstleutnant der französischen Luftwaffe, Sophie Adenot, geboren am 5. Juli 1982 in Frankreich, wird die Erste sein. Ihr wird der am 8. Januar 1988 in Belgien geborene Neurowissenschaftler und Medizin-Ingenieur Raphaël Liégeois folgen.

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