Europas Raumfahrt Ariane 6: Start erfolgreich, aber kein Wiedereintritt

Analyse | Update · Um 21 Uhr unserer Zeit ist die erste „Ariane 6“ erfolgreich gestartet. Monatelang war Europa nicht in der Lage, selbst ins All zu starten. Doch es gibt auch Kritik. Und der geplante Wiedereintritt ist gescheitert.

 Start der „Ariane 6“ um 21 Uhr vom europäischen Weltraumbahnhof bei Kourou.

Start der „Ariane 6“ um 21 Uhr vom europäischen Weltraumbahnhof bei Kourou.

Foto: dpa/M. Pédoussaut

01.30 Uhr Der Start war ein voller Erfolg. Ebenso zündete das Vinci-Triebwerk der Oberstufe zweimal. Aber die innovative APU hat nur einmal funktioniert. Beim zweiten Mal setzte sie aus. Darum konnte das Vinci-Triebwerk nicht erneut und ein drittes Mal zünden, um die Oberstufe abzubremsen - und sie in der Atmosphäre verglühen zu lassen. Sie wird die Erde weiterhin in 580 Kilometer Höhe umkreisen. Der Grund für das Versagen der APU beim zweiten Mal wird analysiert. Die Oberstufe selbst wurde „passiviert“: Alle Geräte wurde abgeschaltet und Treibstoff abgelassen, damit es nicht zu einer Explosion kommt. Es sollen keine Splitter entstehen, die als zusätzlicher Weltraumschrott die Erde umkreisen.

Weil der Wiedereintritt gescheitert ist, konnte auch die Test-Kapsel „Nyx Bikini“ der „Exploration Company“ nicht ausgesetzt werden. Das sollte kurz vor dem Wiedereintritt geschehen.

20 Uhr Das Startfenster öffnet sich erst um 21 Uhr. Als die Rakete zur Startrampe gefahren worden ist, gab es kleinere Unstimmigkeiten bei der Datenerfassung. Das musste erst geklärt werden. Das Startfenster öffnet sich darum erst um 21 Uhr.

17 Uhr Mehr als vier Milliarden Euro hat sie gekostet und eigentlich hätte sie bereits Ende 2020 starten sollen. Doch nun steht die mehr als 500 Tonnen schwere „Ariane 6“ auf dem europäischen Weltraumbahnhof in Französisch-Guayana (Südamerika) auf der Startrampe und reckt sich 56 Meter in den Himmel. Beim Start zwischen 21 und 0 Uhr am Dienstagnacht werden die zwei knapp 14 Meter hohen und mehr als 150 Tonnen schweren Booster zünden. Ihre P120C-Motoren werden den Feststoff-Treibstoff in ca. 130 Sekunden verbrennen und wenige Sekunden danach abgestoßen. Dabei entwickeln sie jeweils einen Schub von 3.500 Kilonewton oder umgerechnet fast 357 Tonnen.

Die Booster unterstützen die „Ariane 6“ beim Start, deren 150 Tonnen schwere Hauptstufe indes ebenfalls zünden wird. Die setzt auf flüssigen Wasserstoff und Sauerstoff und erzeugt mit ihren Vulcain-2.1-Triebwerk einen Schub von knapp 1.400 Kilonewton (rund 140 Tonnen). Sie soll für sieben Minuten und 35 Sekunden brennen – und wird die Rakete in eine 580 Kilometer hohe Umlaufbahn bringen. Danach wird sie abgestoßen und die Oberstufe übernimmt. Und in ihr stecken einige Innovationen, die unter anderem für die Verzögerungen gesorgt haben.

Der beim Bau federführende französische Raumfahrt- und Rüstungskonzern ArianeGroup und die Europäische Raumfahrtorganisation Esa als Auftraggeber wollten, dass die Rakete flexibel einsetzbar ist. Und dazu gehört auch, dass die Oberstufe mit dem neuen Vinci-Triebwerk (180 Kilonewton oder rund 18 Tonnen Schub) mehrmals zünden kann. So können mit nur einem Flug diverse Anforderungsprofile und Umlaufbahnen abgedeckt werden. Mehrere „Kunden“ können sich darum einen Start teilen. Dafür musste die sogenannte „Auxilary Power Unit“ (Hilfsaggregat) APU entwickelt werden. Die zweigt einen kleinen Teil des Treibstoffs ab, heizt es in einem Gasgenerator auf und generiert Druck. Der Treibstoff wird dann wieder in die Tanks zurückgeführt. Das erlaubt es dem Vinci-Triebwerk bis zu viermal zu zünden oder auch zusätzlichen Schub zu erzeugen. Zudem macht sie es möglich, dass die Stufe am Ende der Mission ihre Umlaufbahn verlässt und in der Atmosphäre verglüht – um nicht für noch mehr Weltraumschrott zu sorgen.

Das alles soll beim Jungfernflug der „Ariane 6“ am Dienstag erprobt werden. Dreimal wird das Vinci-Triebwerk zünden und werden die Systeme getestet. Und obwohl es sich um den ersten Start handelt, ist tatsächlich Nutzlast an Bord. Klein- und Kleinstsatelliten, aber auch die nur 60 Zentimeter durchmessende Wiedereintrittskapsel „Nyx Bikini“. Die sieht aus wie ein Lampenschirm und wurde von dem französisch-deutschen Start-up „The Exploration Company“ gebaut. Das Unternehmen will damit Daten für den Hitzeschild seines zukünftigen, wiederverwendbaren Raumtransporters Nyx sammeln. Für den hat das Start-up bereits eine Reihe von Vorverträgen abgeschlossen und auch eine Ausschreibung der Esa gewonnen. Beim Wiedereintritt muss sie Temperaturen bis 2.100 Grad Celsius aushalten. Zudem will „The Exploration Company“ testen, wie die Datenübertragung unter solchen extremen Bedingungen funktioniert.

Wenn alles gut läuft, soll Ende des Jahres der erste kommerzielle Flug der „Ariane 6“ erfolgen. 2025 sind sechs Starts vorgesehen, 2026 dann acht und 2027 schon zehn. Insgesamt habe man bereits 30 Aufträge, sagte Caroline Arnoux von Arianespace bei einem Pressegespräch. Das Unternehmen vermarktet die neue Rakete, die indes nicht nur für kommerzielle Flüge vorgesehen ist – sondern auch für Missionen der Esa und der Europäischen Gemeinschaft. Die sind Teil der 30 Aufträge. Zur Wahrheit gehört auch, dass 18 der kommerziellen Flüge von einem Kunden stammen: Amazon. Das will im Rahmen des Kuiper-Projekts ein satellitengestütztes Internet- und Kommunikationsnetzwerk aufbauen wie Starlink von SpaceX und Elon Musk. Die Ariane profitiert davon, dass Amazon lange Zeit nicht mit der Konkurrenz zusammenarbeiten wollte. Aufgrund der vielen Verzögerungen beim Bau der „Ariane 6“ und nach massiver Kritik einiger Großaktionäre wird Amazon nun aber doch mehrmals mit SpaceX starten.

Die Frage wird sein, ob sich die neue europäische Rakete tatsächlich auf dem Markt behaupten kann. Das Konzept stammt aus den Jahren 2014 und 2015. Seitdem hat sich der Weltraummarkt drastisch verändert. Vor allem aufgrund des Engagements und der Entschlossenheit von Elon Musk und seines Unternehmens SpaceX, das unter anderem auf Wiederverwendbarkeit setzt. Die wird es bei der „Ariane 6“ nicht geben. Das hat Elon Musk auf seiner Plattform „X“ auch bereits süffisant kommentiert.

Zumal der Jungfernflug ursprünglich für Ende 2020 geplant war. Damals hätte man sich neben SpaceX behaupten können. Mittlerweile arbeitet das Raumfahrt-Unternehmen „Blue Origin“ von Amazon-Gründer Jeff Bezos an der „New Glenn“. Daneben gibt es die „Neutron“ von „Rocket Lab“. Und „Relativity Space“ macht große Fortschritte und setzt auf Bauteilen aus einem 3D-Drucker. Alle Konkurrenten sind zudem zumindest teilweise wiederverwendbar und nutzen Methan als Treibstoff. Und auch die alteingesessene und bereits 2006 von Boeing und Lockheed Martin gegründete „United Launch Alliance“ (ULA) hat mittlerweile erfolgreich die neue Vulcan gestartet. Die Konkurrenz nimmt zu. Die Frage ist, ob die Startkosten der „Ariane 6“ wirklich mindestens 40 Prozent unter den 150 bis 200 Millionen Euro (je nach Mission) der Vorgängerin „Ariane 5“ liegen – und sie am Markt bestehen kann. Schon jetzt haben die Esa-Mitgliedsstaaten Frankreich, Deutschland und Italien weitere finanzielle Unterstützung zugesagt. Ab 2026 werden es 340 Millionen Euro jährlich sein. Dafür müssen die Zulieferer indes ihre Kosten um elf Prozent senken.

Und erst kürzlich gab es den nächsten Tiefschlag: Eumetsat mit Sitz in Darmstadt, das für Europa diverse Wettersatelliten betreibt, hat Ende Juni öffentlich gemacht, dass man den Satelliten MTG-S1 2025 mit einer „Falcon 9“ des US-Unternehmens SpaceX starten wird - nicht mit einer „Ariane 6“. Offenbar fehlt das Vertrauen oder die Geduld. Esa-Generaldirektor Josef Aschbacher hatte darauf bei „X“ mit Unverständnis reagiert.

Die EU hatte zuvor schon beschlossen mit SpaceX zusammenzuarbeiten – beim Start von Galileo-Navigationssatelliten. Schließlich ist Europa seit dem letzten Flug der „Ariane 5“ im Juli 2023 ohne eigene Startmöglichkeiten. Weil die „Ariane 6“ sich dermaßen verzögert hat und die kleinere Vega-C aufgrund technischer Probleme ebenfalls nicht starten kann. Der Ausweg sind internationale Partner wie SpaceX. Aber die weltweite Zusammenarbeit ist nicht so verlässlich, wie es scheint. Lange Zeit setzte man in Europa auf die Kooperation mit der russischen Weltraumagentur Roskosmos. Das macht indes der Krieg in der Ukraine unmöglich. Und die US-Raumfahrtbehörde Nasa ist politischen Einflüssen ausgesetzt. Obwohl die Esa eng mit den Vereinigten Staaten beim Mondprogramm Artemis zusammenarbeitet und mit dem Service-Modul das Herzstück der Orionkapsel baut, haben die USA bei einer zukünftigen Mondlandung Japan den Vorzug gegeben - nicht Europa. Aus weltpolitischen Gründen.

Europa benötigt einen eigenen Zugang zum Weltraum, um solchen Entwicklungen nicht einfach ausgesetzt zu sein. Allerdings scheint das Festhalten an jahrzehntelangen etablierten Strukturen wie eben der ArianeGroup nicht mehr zeitgemäß zu sein. Die Esa öffnet sich unter Josef Aschbacher daher dem Wettbewerb. Tatsächlich gibt es bereits eine Reihe europäischer Start-ups, die durchstarten wollen. Und die sehen den Milliarden Euro schweren, alteingesessenen Konzern ArianeGroup durchaus kritisch.

So sagt Jörn Spurmann, einer der Gründer des Raumfahrtunternehmens „Rocket Factory“ aus Augsburg, dass man den Ariane-6-Teams alles Gute für den Start wünsche. Aber: „Die Zukunft des europäischen Zugangs zum Weltraum sollte in Bezug auf Kosten, Effizienz und Entwicklungszeit anders aussehen. Künftig sollten die ESA und die EU privat entwickelte Startdienstleistungen einkaufen, um die Innovationszyklen zu verkürzen und den Anschluss an die führenden Raumfahrtnationen der Welt zu finden." Zudem betont das Unternehmen, dass Europa vor zwanzig Jahren mit den Arbeitspferden „Ariane 4“ und dann „Ariane 5“ zwar führend in der Raumfahrtindustrie gewesen sei. Doch nun hatte Europa mehrere Monate lang keinen eigenen Zugang zum Weltraum und hinkt im Hinblick auf die Startfrequenz und -kapazität weltweit hinterher.

Die überteuerte „Ariane 6“ auf Kosten der Steuerzahler habe gezeigt, dass sich etwas ändern müsse. Es sei mittlerweile in Deutschland, Frankreich, Spanien und Großbritannien eine private Raumfahrtindustrie mit neuen Akteuren entstanden, die das traditionelle Monopol herausfordern. Esa und EU sollten in Zukunft die Starts nur noch einkaufen. „Möge der Beste gewinnen basierend auf Preis, Geschwindigkeit und Leistung.“ Nur so könne Europa wieder zu einer Weltraummacht werden. Mit Hochleistungsdiensten, attraktiven Preisen und Spitzentechnologie.