Alexander Gerst: Horizons-Mission 2018 - Was der Astronaut vor dem Abflug sagte

Alexander Gerst in Köln: "Es mag kitschig klingen, aber man vermisst diesen Planeten"

Astronaut Alexander Gerst bereitet sich auf seine zweite Mission vor

Mit seinen Weltall-Fotos wurde Alexander Gerst im Jahr 2014 berühmt. Jetzt ist er zurück im Fokus der Öffentlichkeit. Vier Jahre nach seiner ersten Mission kehrt der 41-Jährige ins All zurück. Darüber hat er nun in Köln gesprochen.

Mit seinen Weltall-Fotos wurde Alexander Gerst im Jahr 2014 berühmt. Jetzt steht er erneut im Fokus der Öffentlichkeit. Vier Jahre nach seiner ersten Mission kehrt der 41-Jährige ins All zurück. Darüber hat er nun gesprochen.

Am 6. Juni wird der Astronaut aus dem ostfränkischen Dörfchen Künzelsau zum zweiten Mal zur internationalen Raumstation ISS fliegen. In seinem letzten Pressegespräch vor dem Abflug zur Mission "Horizons" sprach Gerst in Köln über die Zukunft der Raumfahrt, seine Fehler, Saltos beim Zähneputzen und eine Neuauflage seiner Fotografie-Leidenschaft. Wir fassen die wichtigsten Fragen und Antworten aus der Runde zusammen.

Alexander Gerst über ...

... den ersten deutschen Kosmonauten im All vor 40 Jahren...

Zunächst mal: Ob Kosmonaut (russische Bezeichnung) oder Astronaut (europäisch-amerikanische Bezeichnung, Anm. d. Redaktion) - wir machen da keine Unterscheidungen. Für uns sind das einfach nur zwei Wörter für dieselbe Sache. Ob Amerikaner, Russe oder Deutscher, wir sind alle Raumfahrer, die als Freunde in einer Rakete sitzen und ins Weltall fliegen.
Zu meinen Vorgängern: Sigmund Jähn ist ein sehr guter Freund von mir, wir telefonieren oft, und es macht Spaß, seinen Blick auf die Dinge zu erfahren. Als ich als kleines Kind Aufzeichnungen von seinem Flug gesehen habe, hat mir das schon etwas mitgegeben. Ich habe gesehen, wie diese Astronauten im Space-Shuttle flogen und habe mir gedacht: Wenn die das können, kann ich das vielleicht auch. Genau diese Möglichkeiten möchte ich heute gerne an die nachfolgenden Generationen weitergeben. Wenn die Kinder mich ansehen und sagen: "Was der kann, kann ich schon lange", dann ist meine Mission erfüllt.

... seine berühmten Bilder

Natürlich will ich versuchen, so viele Bilder wie möglich zu machen – vom Weltall, von der Erde und auch von unseren Experimenten. Wir haben ungefähr eine Stunde pro Tag für solche privaten Dinge. Dazu gehört auch, mit der Familie zu telefonieren oder E-Mails zu beantworten, aber es liegt mir schon sehr am Herzen, dieses Privileg, das ich habe, auch mit anderen Menschen teilen zu können. Ich werde wahrscheinlich wieder das ein oder andere Bild nach unten schicken, mit einem kurzen Satz, was mir im Moment der Aufnahme durch den Kopf ging.

... seine Pläne bis zum Abflug

Ich bin jetzt erstmal noch eine Woche in Köln und schließe meine Trainings ab. Dann bin ich drei Wochen in Russland, wo ich unter anderem Examen zum manuellen Andocken an die Raumstation habe. Dann haben wir nochmal eine Woche etwas Ruhe. Und dann geht es langsam in die heiße Phase. 16 bis 17 Tage vor dem Start werden wir dann isoliert, haben letzte Trainings, prüfen alles mehrfach und dann geht's los.

... die Zukunft der ISS

Ich denke nicht, dass die Russen und Amerikaner aussteigen wollen. Das ist nicht mein Gefühl. Die ISS ist jetzt in dem Bereich, dass sie Geld erwirtschaftet (1998 Eröffnung, Anm. d. Redaktion). Wir führen auf dieser Expedition 300 Experimente durch, das war am Anfang nicht möglich. Die ISS steht da wie eine Eins, da ist nichts marode. Wenn man da hochkommt, denkt man: Das Ding ist nagelneu. Ich wäre deshalb überrascht, wenn 2024 Schluss wäre. Die Idee ist ja, nicht einfach aufzuhören, sondern das Feld zu bestellen und dann an kommerzielle Anbieter zu übergeben, um sich auf neue Projekte zu konzentrieren. Das heißt, wir wollen bei der ISS Kosten sparen, sie aber weiterführen und an andere Anbieter Schritt für Schritt abgeben. In dieser Transformationsphase befinden wir uns.

... die angespannte politische Situation zwischen den beteiligten Nationen

Die ISS ist ein tolles Beispiel für internationale Zusammenarbeit, 103 Länder dieser Erde waren bislang an Experimenten auf der ISS beteiligt. Sie bringt Länder zusammen und ist ein Stabilitätsfaktor. Natürlich schauen wir mit Sorge auf die politischen Spannungen, aber wir merken auch, dass wir vielleicht gerade deshalb mit noch mehr Energie zusammenarbeiten. Beim letzten Mal gab es auch schon politische Probleme, dennoch gab es keinen Riss zwischen der Bande, wir haben dieses Projekt durchgezogen.

... Heimweh im Weltall

  • Porträt : Das ist Alexander Gerst

Es ist anders, als ich es mir gedacht hätte. Als ich nach der Schule für acht Monate mit dem Rucksack losgezogen und durch die Welt gereist bin, da war für mich Heimweh, dass ich meine Freunde und meinen Heimatort vermisst habe. Als ich später beruflich viel Reisen durfte, war Heimat plötzlich an vielen Orten: Houston, Moskau, Köln, Süddeutschland. Als ich dann im Weltraum war, hat sich dieses Heimat-Gefühl nochmal verstärkt. Es war nicht mehr ein Ort oder mehrere Orte. Es mag kitschig klingen, aber man vermisst diesen Planeten. Man schaut von oben auf die Erde, und es ist egal, auf welchen Teil man schaut. Man realisiert dann, dass da draußen erstmal nichts anderes ist, dass wir nur diesen einen Ort haben, wo wir existieren können. Jeder Astronaut, den ich kenne, will danach wieder zurück zur Erde.

... das Schlafen in der Schwerelosigkeit

Vor allem sehr gewöhnungsbedürftig. Man hat nicht diesen Übergang von angespannt zu entspannt, wie man es vielleicht kennt, wenn man sich ins Bett schmeißt. Beim letzten Mal war ich die ersten zwei, drei Tag so müde vom Flug, dass ich geschlafen habe wie ein Stein. In den nächsten Nächten bin ich nachts aufgewacht und habe gedacht: "Hoppla, das war ja verrückt, ich habe geträumt, du bist auf einer Raumstation." Und dann stellt man fest, das stimmt ja. Da musste ich erstmal ein paar Sachen vor mir schweben lassen und beim Zähneputzen einen Dreifachsalto machen, um das zu realisieren.

... Nervosität oder Professionalität vor dem Start

Es ist eine Kombination aus beidem. Es gibt Momente in den Wochen vor dem Start, beispielsweise wenn man sich für ein halbes Jahr von der Familie verabschiedet, da realisiert man, dass gerade etwas Signifikantes passiert. Ich träume momentan vor allem von den Vorbereitungen, vom Training, den Prüfungen und Dingen, an die ich denken muss. Als Astronaut hat man die größten Sorgen vor dem Start: Dass man sich ein Bein bricht, dass irgendwas Technisches oder Politisches dazwischenkommt. Je näher der Start rückt, desto geringer werden diese Möglichkeiten. Und mit Blick auf den Start bin ich relativ entspannt. Beim ersten Mal hat man schon ein paar Zweifel an sich selbst, beim zweiten Mal weiß ich jetzt ja, was mich erwartet.

... seine Premiere als Kommandant

Wenn ich nach oben komme, bin ich zunächst mal ganz normales Crew-Mitglied und muss mich ins Team einbringen und schauen, wie es läuft. Meinen Vorgänger kenne ich seit Jahren und arbeite mit ihm zusammen. Einige Tage bevor er zurückfliegt, gibt es dann ein Übergabeprotokoll und eine kleine Zeremonie. Dann bin ich am Zug.

... Fehler

Dass wir keine Fehler machen, ist ein witziges Bild, das manche Leute von Astronauten haben. Als wir Russisch gelernt haben, hatten wir eine Lehrerin die sehr erstaunt war, dass wir genau dieselben Fehler machen wie andere Menschen auch. Die glaubte auch, dass wir – wenn wir Fehler machen – die nur einmal machen. Da mussten wir sie leider sehr enttäuschen. Es gibt jede Menge Sachen, die ich wahrscheinlich auch dieses Mal wieder falsch mache. Es gibt keine Möglichkeit, die Situation dort oben auf der Erde vollständig nachzustellen. Vom Essen bis zum Sport, das sind alles Dinge, die man erstmal wieder lernen muss.

... Mitbringsel ins All

Wir haben eine Zeitkapsel dabei, in der ich Botschaften von meinen Mitmenschen mitnehmen darf. Das Stück Kölner Dom ist zurück und wieder im Dom eingebaut. Dafür kommt dieses Mal ein Stück Berliner Mauer mit. Als Symbol, dass von dort oben keine Grenzen sichtbar sind.

... Druck

Nein, ich denke nicht. Ich mache mir darüber auch keine großen Gedanken. Ich denke, es ist wichtig, dass wir unsere Eindrücke teilen, aber es hat mich beim ersten Mal schon überrascht, welche Aufmerksamkeit die Bilder bekommen haben. Für mich war es eher ein Überdruckventil: Man sieht sowas Schönes und möchte es dann teilen. Das war schon bei meiner Arbeit als Wissenschaftler auf Vulkanen so. Wie viel Aufmerksamkeit das erregt, ist nicht so wichtig, solange vor allem unsere junge Zielgruppe erreicht wird.

(cbo)
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