Planetensonde Phobos-Grunt: "Äußerst geringe Chancen, die Mission zu retten"

Planetensonde Phobos-Grunt : "Äußerst geringe Chancen, die Mission zu retten"

Berlin/Moskau (RPO). Der erste Versuch der Kontaktaufnahme zur havarierten russischen Marssonde Phobos-Grunt ist in der Nacht zum Donnerstag misslungen. Jetzt bestehen nach Ansicht von Experten nur noch "äußerst geringe" Chancen, sie zu retten, berichtete die Nachrichtenagentur Interfax-Kasachastan.

Wegen eines Programmierfehlers konnten die Marschtriebwerke der am Mittwochmorgen vom Kosmodrom Baikonur (Kasachstan) gestarteten Sonde nicht gezündet werden.

Die Raumfahrtagentur Roskosmos will nach Analyse der Telemetriedaten den 13,5 Tonnen schweren und 120 Millionen Euro teuren Apparat neu programmieren, um die Triebwerke im zweiten Anlauf zu starten.

Für die Versuche hat die Agentur nach eigenen Angaben nur zwei Wochen Zei. Dann sind die Energiequellen der Sonde erschöpft, die zum Marsmond Phobos fliegen und im August 2014 Bodenproben von ihm zur Erde bringen soll.

US-Experte hält Rettung für möglich

James Oberg, ein Veteran der US-Weltraumbeörde NASA, sagte, es sei immer noch möglich, die Kontrolle über die Sonde wieder zu erlangen. "Mit Batteriekraft für mehrere Tage und während die Sonde auf ihrer Umlaufbahn langsam vom optimalen Weg Richtung Mars abkommt, besteht das Rennen darin, die Kontrolle zurückzugewinnen.

Die möglichen Fehler in den Computercodes müssen diagnostiziert und Notkommandos für den Raketenantrieb gesendet werden", erläuterte Oberg in einer E-Mail an die Nachrichtenagentur AP. "Abhängig von der genauen Ursache des Fehlers ist das keine unmögliche Herausforderung", fügte er hinzu.

Amateur-Astronomen entdeckten verlorenes Objekt zuerst

Die Versuche, die Kontrolle zurückzugewinnen, würden durch das begrenzte russische Kommunikations-Netzwerk zwischen Erde und All behindert, warnte Oberg. Die russische Flugkontrolle sei gezwungen gewesen, die Öffentlichkeit in Südamerika zu bitten, bei der Lokalisierung der Sonde zu helfen. Amateur-Astronomen waren die ersten, die über die Schwierigkeiten berichteten, nachdem sie entdeckt hatten, dass die Sonde in der Umlaufbahn feststeckte.

Es ist die jüngste Panne in einer Serie von misslungenen Abschüssen, die die Sorgen um den Zustand der russischen Raumfahrtindustrie vergrößern. Die russische Raumfahrtbehörde hatte angekündigt, eigene Qualitätsinspektoren-Teams in die Raketenfabriken zu schicken, um die Fertigungsqualität zu überwachen.

Eine Serie von Fehlschlägen der russischen Raumfahrt

Die 170-Millionen-Dollar teure "Phobos-Grund" sollte das erste interplanetare russische Projekt seit der vermasselten Roboter-Mission zum Mars 1996 sein. Damals stürzte die Sonde kurz nach dem Start wegen eines Triebwerksausfalls ab.

"Mit etwa sieben Tonnen Nitrogenoxid und Hydrazin, das einfrieren könnte, bevor es endgültig in die Atmosphäre eintritt, wäre es der giftigste fallende Satellit, den es je gab", warnte Oberg. "Was als die schwerste interplanetare Sonde aller Zeiten angekündigt war, könnte eines der schwersten Weltraum-Wracks werden, die je unkontrolliert auf die Erde zurückgestürzt sind."

Die Erbauer hatten ihr 13,2 Tonnen schweres Raumschiff als das schwerste bezeichnet, das je gebaut wurde. Treibstoff für den weiten Flug macht den größten Anteil des Gewichts aus. Es wurde von der Firma NPO-Lawotschkin mit Sitz in Moskau gebaut, die sich seit der Frühzeit der Raumfahrt auf interplanetare Flugkörper spezialisiert hat. Dieses Unternehmen hatte auch das Raumschiff gebaut, dessen Flug 1996 fehlschlug. 1988 scheiterten schon einmal zwei Missionen zum Phobos.

Landung war für Februar 2013 geplant

Sollte es den Weltraumexperten gelingen, die Sonde wieder auf Kurs zu bringen, soll sie die Umlaufbahn des Mars im September 2012 erreichen. Die Landung auf Phobos ist für Februar 2013 geplant. Die Raumsonde soll auf Phobos bis zu 200 Gramm Bodenproben entnehmen und ein Rücktransportfahrzeug soll damit im August 2014 die Erde erreichen.

Es handelt sich um eine der ambitioniertesten unbemannten Weltraummissionen, die es je gab. Sie würde eine lange Serie von präzisen Manövern notwendig machen, um den Kartoffel-ähnlichen Mars-Mond Phobos zu erreichen, der gerade einmal 20 Kilometer Durchmesser hat. Ursprünglich sollte "Phobos-Grund" bereits im Oktober 2009 abheben. An Bord ist auch ein chinesischer Mini-Satellit, der den Mars beobachten soll.

Russische Experten wollen Wissen weitergeben

Der Chef von NPO-Lawotschkin, Viktor Chartow, beschrieb die Mission als lebenswichtig, um das nationale Fachwissen für Roboter-Missionen zu anderen Planeten zu erhalten. "Dies ist praktisch die letzte Chance für Leute, die am letzten Projekt teilgenommen haben, ihre Erfahrung mit der nächsten Generation zu teilen, um Kontinuität zu wahren", sagte Chartow der Nachrichtenagentur Interfax.

Wissenschaftler hoffen, dass Untersuchungen der Oberfläche von Phobos das Geheimnis von dessen Herkunft klären helfen. Einige glauben, dass es sich bei dem Mond mit seinen Kraterzähnen um einen ein Asteroid handelt, der vom Mars "eingefangen" wurde. Andere meinen, es sei ein Stück Schutt von einem Zusammenprall des Mars mit einem anderen Himmelsobjekt.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Roboter zeigt erstaunliche Bilder vom Mars

(DAPD/AP)
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