Nach den nürnberger Eisbären: Warum Tiere ihre Babys töten

Nach den nürnberger Eisbären : Warum Tiere ihre Babys töten

Nürnberg/Wuppertal (RP). Raubtiere wie Eisbärin Vilma fressen häufig ihre Jungen - in Gefangenschaft ebenso wie in Freiheit, sagen Zoo-Experten und Jäger. Tierschützer bestreiten dies.

Nürnberg/Wuppertal (RP). Raubtiere wie Eisbärin Vilma fressen häufig ihre Jungen - in Gefangenschaft ebenso wie in Freiheit, sagen Zoo-Experten und Jäger. Tierschützer bestreiten dies.

Alle drei Stunden hat "Flocke" Hunger. Dann müssen die Pfleger ran: 300 Gramm hat die kleine Eisbärin aus dem Nürnberger Tiergarten durch das Füttern mit Kunstmilch schon zugenommen. Den Spitznamen "Flocke" hat ihr Betreuer Horst Maussner gegeben, weil die Kleine so weiß und kuschelig sei. "Sie hat die erste Nacht ohne ihre Mutter gut überstanden, schläft viel und trinkt gut", sagt der stellvertretende Tiergarten-Leiter Helmut Mägdefrau. Das Baby sei kerngesund, lautet die Diagnose von Zoo-Tierarzt Bernhard Neurohr. Die Stadt Nürnberg hat bereits erste Angebote für Filme und Bücher zum Eisbärendrama bekommen. Generell steht Bürgermeister Horst Förther dem positiv gegenüber. "Aber wir wollen keine Seifenoper."

Währenddessen geht die Diskussion um Raubtierhaltung in Zoos weiter. Tierschützer schreiben das Verhalten von Eisbärin Vilma, die ihre Jungen aufgefressen hat, ihrer Gefangenschaft zu. Ulrich Schürer, Direktor des Zoos Wuppertal, sieht das anders: Sowohl in Gefangenschaft als auch in freier Wildbahn komme es häufig vor, dass Raubtiere ihre Jungen fressen. "Das, was in Nürnberg passiert ist, ist kein Drama", sagt Schürer. Mit Geburt und Aufzucht unter unnatürlichen Umständen habe das nichts zu tun.

Im Wuppertaler Zoo sind im Oktober zwei Löwenbabys zur Welt gekommen, die die Besucher seit dieser Woche anschauen dürfen. Aru und Aketi tollen übermütig im Gehege umher. Ihre Mutter Malaika steht stets wachsam daneben, bereit, ihren Nachwuchs gegen mögliche Angreifer zu verteidigen. "Sie passt gut auf und kümmert sich vorbildlich um die Kleinen", sagt Schürer. Das sei bei Raubkatzen, die zum ersten Mal geworfen haben, nicht selbstverständlich: "Großkatzenmütter brauchen meist mehrere Versuche, bis sie erfolgreich Junge aufziehen. Sie müssen das Muttersein erst lernen." Die Aufzucht von Großkatzen sei in Zoos erfolgreicher als in der Natur. Dort spielen noch andere Faktoren eine Rolle: andere Raubtiere, Unterernährung und Löwenväter, die die Kleinen nicht als ihren Nachwuchs anerkennen und fressen.

Jürgen Wippermann, Kreisberater der Jägerschaft Düsseldorf, erzählt Ähnliches über das Verhalten von Schwarzwild. "Bei Wildschweinen spricht man von Pseudo-Kannibalismus", sagt er. Es komme durchaus vor, dass die Mutter ihre Jungen auffrisst - sowohl in Gefangenschaft als auch in freier Wildbahn. "Dahinter steckt keine Boshaftigkeit, sondern Hunger oder auch Eifersucht", sagt der Jäger.

Der Nürtinger Tierrechtler Frank Albrecht widerspricht der Aussage, dass sich Raubtiere in Tierparks genauso verhalten wie in Freiheit. "Es kommt zwar in beiden Fällen vor, dass Mütter ihre Jungen fressen, aber die Gründe dafür sind vollkommen unterschiedlich." In Gefangenschaft könnten Raumnot und Langeweile sowie Stress das Auffressen der Kinder auslösen. "Die Umstände in Zoos sind komplett unnatürlich, deshalb ist auch das Tierverhalten ganz anders." Albrecht erhebt Vorwürfe gegen die Nürnberger Tiergarten-Leitung. Er vermutet, dass es sich beim Eisbären-Drama um eine geplante Inszenierung handelt.

Der Zoo habe die Geburt der Babys in einer für die Kleinen noch kritischen Phase bekannt gegeben, dann seine "Herzlosigkeit" in Bezug auf Handaufzucht bekannt gemacht und so Journalisten vor das Gehege gelockt. Für Albrecht ist unverständlich, dass Veras Höhle nicht verschlossen war, so dass sie ihr Junges, als sie unruhig wurde, im Gehege liegenlassen konnte. Der Tierschützer fragt: "Sollte Vera ihr Baby bewusst ablehnen, damit es einen Grund für eine Handaufzucht wie bei Knut gibt?" Er fordert eine Prüfung der Umstände.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Warum Tiere ihr Junge fressen