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Katastrophe in Haiti: Warum die Erde bebt

Katastrophe in Haiti : Warum die Erde bebt

Port-Au-Prince (RP). Die Karibik ist aus geologischer Sicht alles andere als ein ruhiger Ort. Große Beben sind indes nur selten, weil die tektonischen Platten sich dort nur langsam bewegen. Die behelfsmäßigen Bauten in dem armen Land halten aber größeren Erschütterungen kaum stand.

Das Erdbeben von Haiti hätte genauso gut die Domikanische Republik treffen können. Das beliebte Urlaubsland liegt auf der selben Insel. Tatsächlich wird die Dominikanische Republik von Experten sogar als sehr viel gefährdeter eingestuft. Doch gerade dort hat am 12. Januar die Erde ihr wahres Gesicht gezeigt, das sonst so statisch scheint. Denn die Oberfläche unseres Planeten ist ständig in Bewegung: Die Erdkruste und der obere feste Erdmantel bilden gemeinsam eine Schicht. Und die ist in mehrere so genannte tektonische Platten zergliedert, die auf dem heißen, unteren flüssigen Magmagürtel des Erdmantels gleiten. Reiben diese Platten aneinander, können Erdbeben entstehen.

Foto: RP/Isotype

Von der Südamerikansischen Platte in die Zange genommen

Vor Mittelamerika stößt dabei die Karibische Platte auf die Nordamerikanische und schiebt sich mit etwa sieben Millimetern pro Jahr vergleichsweise behäbig in Richtung Osten an ihr vorbei. Weil sie dabei aber von der Südamerikanischen Platte in die Zange genommen wird, ist die Kruste der Karibik wie eine kaputte Glasscheibe in Brüchstücke zersplittert. Und entlang der quer durch Haiti verlaufenden Enriquillo-Plaintain-Störung haben sich Spannungen aufgebaut, die sich am 12. Januar 15 Kilometer südwestlich von Port-au-Prince in einem Erdbeben der Stärke 7,1 auf der Richterskala entladen haben.

Weil der Ursprung in nur etwa zehn Kilometer Tiefe jedoch nah der Oberfläche lag, konnten sich die Erdbebenwellen nicht so weit ausbreiten. Zudem besteht Haiti mit Gneis und Schiefer aus relativ hartem Gestein: Die Energie des Bebens wurde dadurch schnell gedämpft. Die Zone der Zerstörung war darum aus geologischer Sicht eng begrenzt.

Bewohner sind selten Eigentümer

Das ist auch der Grund, warum in der Dominikanischen Republik kaum mehr als ein Rumpeln gespürt wurde, während es in weiten Teilen Haitis zu größeren Verwüstungen gekommen ist. Doch das liegt auch an der Armut des Landes: Die Bausubstanz in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince ist katastrophal. Die meisten Familien wohnen dort in kleinen Hütten, die sich ineinander verschachtelt auf engstem Raum an den steilen Hängen drängeln. Stein, Beton, Wellblech — ohne Baugenehmigung und statische Berechnungen sind die Häuser gebaut. Oft wohnen in einer Zehn-Quadratmeter-Hütte sieben Menschen, teilen sich ein Bett. Strom gibt es nicht, genauso wenig wie fließendes Wasser. Und die Bewohner der Häuser sind nur selten die Eigentümer.

Keine gewisse Bauabnahme

Oft gehören diese Baracken reichen Exil-Haitianern, die bis zu 100 US-Dollar im Quartal für die Unterkünfte verlangen. Um mehr Gewinn machen zu können, werden die Häuser aufgestockt und um Anbauten ergänzt, die hoch über dem Abgrund schweben. Da Stahl teuer ist, wird er nur selten zur Stabilisierung der Konstruktionen verwendet. Doch auch bei öffentlichen Gebäuden gehört "Pfusch am Bau" zur Tagesordnung — die Korruption blüht, eine gewissenhafte Bauabnahme durch Experten wird durch die Zahlung von Schmiergeldern umgangen.

Im Stadtteil Carrefour, unweit des Epizentrums des Erdbebens, gibt es kaum Straßen, die von Autos befahren werden können. Kleine Lehmwege schlängeln sich zwischen den Häusern den Berg nach oben. Viele Stadtviertel sind nur über schmale Treppen zu erreichen, die viele hundert Stufen nach oben führen.

Zudem gibt es kein funktionierendes Gesundheitssystem, kaum Ärzte und Krankenwagen. Für die Armen sind ihre Dienste nicht erschwinglich. "Den Menschen fehlt es an allem — Essen, Unterkunft, Medikamente. Die Not war schon vor dem Erdbeben unerträglich", sagt Michael Huhn, Haiti-Experte bei Adveniat, dem Lateinamerikahilfswerk der katholischen Kirche.

(RP)